Kategorie: gesellschaft

hier schreibt der kulturpessimist nicht mehr selbst (#21)

Hinweis: Folgenden Text schrob ich letztes Jahr im Zug, nur vergammelte er im Entwürfe-Ordner, jetzt ist er reif.


der autor fährt in letzter zeit wieder häufiger bahn durch deutschland, dabei ist die bahn immer pünktlich, oder hat vielleicht 10 minuten verspätung. die anschlusszüge warten, sodass verbindungen zusammen passen. zugegeben, das ist der ICE-verkehr der deutschen bahn zwischen den städten, das funktioniert. im regionalverkehr sieht das anders aus, das kann sich der autor vorstellen, kennt er ja von den sommerlichen wochenenden, wenn berlin zur ostsee oder ins brandenburgische strömt.

seit januar gibt es 200mb wlan für die zweitklässler. die erste klasse hat eventuell goldene patchkabel, das weiß man nicht. funktioniert auch, nur in argen ödnissen hat das wlan aussetzer oder wenn viele im vollbesetzten zug videos streamen.

worauf der autor hinaus will:
die deutsche bahn ist besser als ihr ruf. klar sind ausfälle und verspätungen immer scheiße und ärgerlich, es ist aber auch ein verflucht komplexes system – da wirste ganze schwindelig im kopp, wenn du drüber nachdenkst, so einen fahrplan erstellen zu müssen. vermutlich wurde auch aufgrund liberalisierung und geplantem börsengang substanziell gekürzt, was wir nun zu spüren bekommen.

aber vielleicht einigen wir uns darauf, dass das unternehmen seiner eigentlichen aufgabe nachkommt im großen und ganzen?

worauf der autor eigentlich hinaus wollte: mit kritik ist man schneller zu hand als mit lob, die kritik fandet große verbreitung dank sozialer netzwerke. das lob dagegen bleibt unausgesprochen, existiert lediglich durch das ausbleiben der kritik. man mag nicht in der haut der zugbegleiter stecken, wenn etwas ausfällt und die leute anfangen, im speisewagen barrikaden zu bauen.

Basler Zeitung: Der böse Jude (12.01.19) (via fefe)

Irres Stück darüber, wo der Hass herkommt. Wie negative campaigning die Gesellschaft und Debatten vergiftet. Wie sie dabei einzelnen nutzt und warum das vielleicht mal scheiße ist.

Es ist, vereinfacht gesagt, viel leichter, Menschen zu demotivieren, als sie zu motivieren.

Kognitive Dissonanz

ihr kauft euch immer größere SUVs, aber regt euch über fehlende parkplätze und mehr staus auf. ihr hasst fahrverbote für diesel, aber zieht wegen der besseren luft in den speckgürtel. ihr verwechselt individuelle freiheit mit der freiheit auf deutschen autobahnen unbegrenzt schnell fahren zu dürfen. ihr lest jahrelang BILD und schreit dann LÜGENPRESSE!! und habt recht.

Wir surfen uns ein Super-Sonderangebot, spenden Weinachten für Welt für die Brot,
und essen Schokoladen-Weihnachtsmänner für 29 Cent,
trinken Kaffee, den keiner beim Vornamen kennt.

Dota: Immer die Anderen

in frankreich gelbwesten sie paris in schutt und asche, hierzulande hat man bedenken und hätte beinahe blackrock-merz zum kanzler gewählt. stattdessen also Annegret Kramp-Karrenbauer und alles bleibt beim alten.

hier schreibt der kulturpessimist noch selbst (#20)

„Zwischen all den ironisch, halb ironisch und ernst gemeinten Varianten von Sexismus ist es schwieriger geworden zu sagen, was genau das Problem sein soll, wenn eine Fünfzehnjährige sich Playboy-Bettwäsche zu Weihnachten wünscht.“

~ Margarete Stokowski: Untenrum frei, 2016

da sind sie wieder, die vielen layer mit denen wir lernen müssen, zurecht zu kommen. wie eine zwiebel muss man die nachrichten häuten Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. alles könnte eine anspielung sein, eine falle, in die wir tappen und für die wir uns nachher rechtfertigen müssen für unsere unkenntnis. das war schon immer so, die literatur und kultur ist seit jahrhunderten voll von remixen, mashups und anspielungen, genießen darf nur, wer sie alle dechiffriert… Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein. nun ist nur alles schneller geworden und wie ein jongleur erfassen wir die nachrichten, tweets und interaktionen, müssen einordnen, weil journalismus tendenziell tendenziös ist und wir das vertrauen verloren haben. vorbei die zeiten, als meinungen gemacht wurden um zu konsumieren. heute wird hinterfragt, kritisiert und im zweifel gezweifelt. dieser jener hat aber schonmal dies das geschrieben und das war falsch. dabei wird noch mehr meinung gemacht, nur subtiler. redakteur zu sein dieser tage erfordert neben handwerkszeug auch einen moralischen kompass, ein gespür für den zeitgeist, um nicht im nächsten shitstorm weggeweht zu werden. für den konsumenten bedeutet das ebenfalls arbeit und so mäandern wir uns alle durch den watzlawick und am ende hat niemand was gesagt. oder jemand muss sich entschuldigen. oder es wird gefordert sich zu entschuldigen oder zu wiederrufen, mindestens aber zurückzutreten. und am ende sitzen sie in den ewigen talkshows und zerfasern sich die lippen.

quote

„Es wird sich bald entscheiden müssen, welcher Typus Europäer die Zukunft bestimmt: der universale Europäer oder der eindimensionale Europäer. Das heißt aber auch: ob auf diesem Kontinent in Zukunft Menschenrecht oder wieder Faustrecht herrscht.“

~ Robert Menasse ~

samstag vormittag in der rettungsstelle

ein älterer mann sieht aus wie ein billiger bill murray, sitzt breitbeinig da und wartet. um ihn herum warten noch andere und harren der dinge, die kommen. am aufnahmeschalter ein schild mit dem hinweis, dass die reihenfolge der behandlung vom diensthabenden arzt bestimmt wird und nicht nach der wartezeit geht. nach und nach werden patienten aufgerufen, schleppen, humpeln oder schlurfen zur behandlung und verschwinden. unser bill murray ist wieder und wieder nicht dabei.

irgendwann geht er zur anmeldung, fragt nach, wann er endlich dran sei, bekommt eine ausweichende antwort und setzt sich wieder. ruft seine frau/freundin an und schimpft lauthals über „die dumme tussi, die keine ahnung hat„, meint dabei die frau von der anmeldung. beschwert sich in übler sprache über sie – in ihrer und unserer hörweite – und befürchtet, nicht rechtzeitig zum mittagessen zu hause zu sein. wir hören mit versteinerten gesichtern zu und reagieren nicht. irgendwann werden auch wir aufgerufen, vor ihm, obwohl er eher da war. später ward er nicht mehr gesehen.

jetzt ärgere ich mich, nicht reagiert zu haben, als er schlecht über die frau an der anmeldung gesprochen hat. weil er seine wut auf sie ausgekotzt hat, ohne dass sie eine schuld traf. nicht das gesundheitssystem war ziel seiner verbalen attacken, sondern konkret jene, die selbst täglich sparzwang und schichtdienst ausgesetzt ist. ich ärgere mich über mich selbst, weil es eigentlich einfach gewesen wäre, seiner ungerechtigkeit mindestens einen blöden spruch entgegenzusetzen. und wieder einmal wird mir deutlich, dass emanzipation und wichtig sind und wir noch viel zu tun haben.