ihr kauft euch immer größere SUVs, aber regt euch über fehlende parkplätze und mehr staus auf. ihr hasst fahrverbote für diesel, aber zieht wegen der besseren luft in den speckgürtel. ihr verwechselt individuelle freiheit mit der freiheit auf deutschen autobahnen unbegrenzt schnell fahren zu dürfen. ihr lest jahrelang BILD und schreit dann LÜGENPRESSE!! und habt recht.

Wir surfen uns ein Super-Sonderangebot, spenden Weinachten für Welt für die Brot,
und essen Schokoladen-Weihnachtsmänner für 29 Cent,
trinken Kaffee, den keiner beim Vornamen kennt.

Dota: Immer die Anderen

in frankreich gelbwesten sie paris in schutt und asche, hierzulande hat man bedenken und hätte beinahe blackrock-merz zum kanzler gewählt. stattdessen also Annegret Kramp-Karrenbauer und alles bleibt beim alten.

lesen Sie bitte diesen text:

SCHULZ, Daniel: Jugendliche in Ostdeutschland. Wir waren wie Brüder, taz, 2018

er hat nun den reporterpreis in der kategorie Bester Essay gewonnen. und liegt mir sehr am herzen, da ich mich passagenweise wieder finde und ähnliche erfahrungen machen musste. es hilft auch aktuelle entwicklungen in ostdeutschland einzuordnen, zu verstehen, wenn auch nicht zu rechtfertigen.

es lohnt sich, die diskussion auf der wikipedia-seite zum thema identitätspolitik zu lesen. weil das eine sehr aktuelle debatte ist und es hilft, einiges in den nachrichten zu verstehen. wie alles zurzeit ist es hochpolitisch und man muss aufpassen, nicht falsche erwartungen zu bedienen. denn früher oder später muss man sich auch mit der identitäre bewegung auseinandersetzen. denn während der begriff der identität aus der soziologie kommt, und minderheiten-rechte stärkte, bedient sich der neue rechte des begriffs, um minderheiten auszugrenzen. während ersteres versucht, zu differenzieren, will letzteres vereinfachen und eine vermeintliche legitimation von gewalt in den diskurs tragen. wie so vieles stammt der begriff aus übersee (siehe auch identity politics) und ist inzwischen in der politschen debatte nicht mehr wegzudenken.

hierzulande hadern wir noch, benutzen es aber schon im negativen sinne. wir diskutieren über DIE flüchtlinge, DIE migranten, DIE frauen, DIE sachsen. das ist hochproblematisch, weil niemand lediglcih eine identität hat, sondern immer ganz viel. Ich kann ein lehrer sein und scheiß meinungen haben. ich kann polizist sein und trotzdem linke meinungen vertreten. ich kann im schwarzen block sein und antisemit. genauso wie ich in freital wohnen kann und mich um migranten kümmere. das ist superkompliziert, aber denk doch mal an Dich selbst, willst du reduziert werden auf Deine herkunft oder deinen beruf, Deine hautfarbe oder Dein geschlecht? niemand will das und trotzdem passiert es jeden tag. asoziale medien verstärken das und einzelfälle führen zu (meist negativen) zuschreibungen zu einer ganzen gruppe. während sich die einwohner sachsens angegriffen fühlen, wenn sie für hetzende mobs verantwortlich gemacht werden, aber kein problem haben, die schleichende islamisierung dresdens zu beklangen, dann ist das eigentlich schizophren, nur muss man das eben mal ansprechen.

meiner meinung nach, hätte man den begriff – genauso wie die gender studies – in der soziologie lassen sollen, denn man kann menschen und gruppen nicht reduzieren auf eine eigenschaft. jeder mensch hat mehrere identitäten und noch tragischer ist die zuschreibung bestimmter eigenschaften aus dem handeln einzelner zu einer ganzen gruppe.

Nur allzu gerne verweise ich auf folgende Hörspielserien, aufwendig produzierte Mehrteiler, die Spaß machen:

    NeuNuernberg – 12 Teile – WDR 2018
    Dystopische Story über ein bürgerkriegsgebeuteltes Deutschland und die Wahrheit in Kriegszeiten.
    Nachtmahl – 4 Teile – WDR 2016
    Krimi in Niederösterreich mit einigen Leichen und ganz vielen Mücken und dem fantastischen Simon Schwarz.
    Brüder – 26 Teile – WDR 2018
    Interessantes Stück über die französische Revolution 1789 und ihren Protagonisten.
    Fuffzig Minuten Berlin – 1 Teil – WDR 2017
    Das ist ein großartiger Road Trip von Tegel nach Schönefeld und es ist nicht einfach.
    CAIMAN CLUB – 5 Teile – WDR 2018
    Lobbyismus und Intrigen in der Hauptstadt, es gibt Tote und der nächste Spin wird wieder einmal alles ändern.

“Zwischen all den ironisch, halb ironisch und ernst gemeinten Varianten von Sexismus ist es schwieriger geworden zu sagen, was genau das Problem sein soll, wenn eine Fünfzehnjährige sich Playboy-Bettwäsche zu Weihnachten wünscht.”

~ Margarete Stokowski: Untenrum frei, 2016

da sind sie wieder, die vielen layer mit denen wir lernen müssen, zurecht zu kommen. wie eine zwiebel muss man die nachrichten häuten Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. alles könnte eine anspielung sein, eine falle, in die wir tappen und für die wir uns nachher rechtfertigen müssen für unsere unkenntnis. das war schon immer so, die literatur und kultur ist seit jahrhunderten voll von remixen, mashups und anspielungen, genießen darf nur, wer sie alle dechiffriert… Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein. nun ist nur alles schneller geworden und wie ein jongleur erfassen wir die nachrichten, tweets und interaktionen, müssen einordnen, weil journalismus tendenziell tendenziös ist und wir das vertrauen verloren haben. vorbei die zeiten, als meinungen gemacht wurden um zu konsumieren. heute wird hinterfragt, kritisiert und im zweifel gezweifelt. dieser jener hat aber schonmal dies das geschrieben und das war falsch. dabei wird noch mehr meinung gemacht, nur subtiler. redakteur zu sein dieser tage erfordert neben handwerkszeug auch einen moralischen kompass, ein gespür für den zeitgeist, um nicht im nächsten shitstorm weggeweht zu werden. für den konsumenten bedeutet das ebenfalls arbeit und so mäandern wir uns alle durch den watzlawick und am ende hat niemand was gesagt. oder jemand muss sich entschuldigen. oder es wird gefordert sich zu entschuldigen oder zu wiederrufen, mindestens aber zurückzutreten. und am ende sitzen sie in den ewigen talkshows und zerfasern sich die lippen.

“Es wird sich bald entscheiden müssen, welcher Typus Europäer die Zukunft bestimmt: der universale Europäer oder der eindimensionale Europäer. Das heißt aber auch: ob auf diesem Kontinent in Zukunft Menschenrecht oder wieder Faustrecht herrscht.”

~ Robert Menasse ~

ein älterer mann sieht aus wie ein billiger bill murray, sitzt breitbeinig da und wartet. um ihn herum warten noch andere und harren der dinge, die kommen. am aufnahmeschalter ein schild mit dem hinweis, dass die reihenfolge der behandlung vom diensthabenden arzt bestimmt wird und nicht nach der wartezeit geht. nach und nach werden patienten aufgerufen, schleppen, humpeln oder schlurfen zur behandlung und verschwinden. unser bill murray ist wieder und wieder nicht dabei.

irgendwann geht er zur anmeldung, fragt nach, wann er endlich dran sei, bekommt eine ausweichende antwort und setzt sich wieder. ruft seine frau/freundin an und schimpft lauthals über “die dumme tussi, die keine ahnung hat“, meint dabei die frau von der anmeldung. beschwert sich in übler sprache über sie – in ihrer und unserer hörweite – und befürchtet, nicht rechtzeitig zum mittagessen zu hause zu sein. wir hören mit versteinerten gesichtern zu und reagieren nicht. irgendwann werden auch wir aufgerufen, vor ihm, obwohl er eher da war. später ward er nicht mehr gesehen.

jetzt ärgere ich mich, nicht reagiert zu haben, als er schlecht über die frau an der anmeldung gesprochen hat. weil er seine wut auf sie ausgekotzt hat, ohne dass sie eine schuld traf. nicht das gesundheitssystem war ziel seiner verbalen attacken, sondern konkret jene, die selbst täglich sparzwang und schichtdienst ausgesetzt ist. ich ärgere mich über mich selbst, weil es eigentlich einfach gewesen wäre, seiner ungerechtigkeit mindestens einen blöden spruch entgegenzusetzen. und wieder einmal wird mir deutlich, dass emanzipation und #meetoo wichtig sind und wir noch viel zu tun haben.

Words are very unnecessary
They can only do harm

Vergangenen Freitag in der Atlas Arena in Lodz (Pl) waren wir bei Depeche Mode. Gute zwei Stunden haben die Briten gespielt und es war sehr gut.

Will you let the morning come soon
Or will you leave me lying here

Depeche Mode war immer schon da für mich, es gab keine Zeit ohne die Band. Im Laufe der Zeit traf ich eingefleischte Fans, den CB-Funker, Kati aus der Clique und die Dunklen an der Uni. Im Radio und in den Clubs liefen die Lieder so regelmäßig, dass sie inzwischen im kollektiven Gedächtnis sitzen.

Lift up the receiver
I’ll make you a believer

Live muss man das gesehen haben, eine perfekte Show mit satten Beats, klarem Klang und extra produzierten Videos auf der Leinwand im Hintergrund. Die inzwischen knapp Sechzigjährigen liefern, Dave Gahan turnt und schwitzt, Martin Gore singt ab und zu. Das nicht mehr ganz so junge Publikum geht ab. Es wird sie auch in zwanzig Jahren noch geben – kein Zweifel, zeitlos.

Where’s the revolution
Come on, people
You’re letting me down
Where’s the revolution
Come on, people
You’re letting me down

früher in den neunzigern, als alles noch ein wenig absurd war, da verkaufte vw so manches auto als sonderedition mit namen wie „Pink Floyd“, „Genesis“, „Bon Jovi“ oder „Rolling Stones“ (siehe auch). was damals peinlich war, ist es heute umso mehr. bis heute frage ich mich, ob man die gekauft hat wegen der band, also als eingefleischter fan, oder trotz dem branding, weil vielleicht die ausstattung so geil war. eventuell werden wir es nie erfahren. undenkbar heutzutage ein vw passat “ed sheeran” oder “miley cyrus” oder gar ein polo “BibisBeautyPalace”.

alles geht den bach runter, die infrastrukturakopalüze droht, der flughafen nicht fertig, die fluggesellschaft pleite, der ausländer frisst die kinder, der konzern die mitarbeiter. die bienen sterben und elektroautos verstromen die kohle, die reichen werden reicher, die linken rechts und die rechten sitzen im bundestag. an der spitze der ehemaligen supermacht sitzt ein irrer, in UK eine unentschlossene, in D stagniert die politik. die individualität zerstört die gesellschaft, der diskurs ist kaputt und überhaupt findet alles in a-sozialen netzwerken statt.

überall klagen und nichts wird besser. jeden tag wird eine neue sau durchs dorf getrieben, dabei ist doch schweinefleisch auch irgendwie bäh. das einzelne wird zum allgemeinen, niemand hat mehr überblick. die rattenfänger lauern mit einfachen lösungen und erklärungen für komplexe probleme und sowieso ist putin an allem schuld, trump eventuell und merkel sowieso.

aber vielleicht sollten wir aufhören, uns dauernd zu beschweren und lieber das schicksal selbst in die hand nehmen? statt immer nur auf andere zu zeigen und unsere wunden lecken. zugegeben, die dikussionskultur ist am arsch, aber wir müssen auch nicht alles ernst nehmen. jeder kann seine meinung ins netz kippen, aber recht hat er dann noch lange nicht. vielleicht sollten wir auch mehr ignorieren und uns auf das eigentliche konzentrieren. das klingt anstrengend und ist es auch, aufwändiger jedenfalls als ein like oder ein klick unter eine petition.

im übrigen, die bienen sterben.

dieser tage will wieder ein privatwirtschaftliches unternehmen (airberlin) vor einer drohenden pleite gerettet werden. es ist wahlkampf, die volksparteien überschlagen sich mit zusagen, krediten und versicherungen, dass es auf jeden fall weiter geht. so nachvollziebar und verständlich das ist, insbesondere für die angestellten und den wirtschaftsstandort berlin.

vielleicht ist das aber auch eine auswirkung des strukturwandels. folgend ein paar vermutungen, für belastbares müsste man sich mal fahrgastzahlen, geschäftsberichte und dergleichen anschauen.

  • es gibt offenbar zu viel kapazität und zu wenige kunden für billigflieger, sodass sich gerade der markt bereinigt
  • fluggesellschaften können aufgrund langer vorlaufzeiten in der planung schlecht auf änderung der nachfrage reagieren
  • den trend zu immer billiger auf kosten des komforts machen längst nicht mehr alle kunden mit

wieauchimmer, am ärgerlichsten ist, dass flugzeuge steuerfrei tanken, also jeder flug subventioniert wird von den steuerzahlern, flughäfen sicher auch in der ein oder anderen form. da dies bei der bahn ebenso der fall ist, hinkt der vergleich und könnte nur in absoluten zahlen quantifiziert werden. das soll hier gar nicht thema sein.

gleichzeitig wanken deutsche autohersteller, weil sie zu lange auf verbrenner statt strom gesetzt haben, die politik hat dies ebenfalls gefördert und elektromobilität jahrelang nicht thematisiert. das mitleid mit der deutschen autoindustrie hält sich in grenzen. hier ist der strukturwandel sichtbarer, es geht ein gespenst um in der westlichen welt: dispruption.

in diesem zusammenhang sei auch auf die debatte um verkehrsraum in den städten hingewiesen. gibt es ein recht auf einen parkplatz vor der tür, brauchen wir mehr raum für autos oder fahrräder, wollen wir die autostadt der sechziger/siebziger weiter ausbauen oder lieber zurückbauen?

es geht mir um die frage, wie und nach welchen kriterien der staat in die freie wirtschaft eingreift und somit bestimmte entwicklungen fördert und andere im keim erstickt. wann haben wir uns als gesellschaft darauf verständigt, dass wir inlands lieber fliegen oder autofahren als die bahn zu nehmen – gibt es darüber eine debatte?

das schöne ist, dass wir die mittel hätten, eine vernünftige und umweltgerechte verkehrspolitik zu betreiben. das traurige ist, dass offenbar mut und willen fehlt und so haben wir von allem etwas, die infrastruktur ist marode, die straßen sind mit güterverkehr voll, kurze distanzen werden geflogen, bei der bahn fallen klimanalagen aus.