“Sicher werden Sie deine Adverbien zählen, deine Obwohls und die Länge deiner Ellipsen messen… Das ist ihr Job. Aber du, du schneiderst dir kein Abendkleid, du schreibst ein Buch! Kümmere dich nicht darum, was man über dich schreibt, ob gut oder schlecht. Meide die Orte, an denen über Bücher gesprochen wird. Höre auf niemanden. Wenn sich jemand über deine Schultern beugt, spring auf und schlag ihm ins Gesicht. Schwing keine Reden über deine Arbeit, es gibt nichts zu sagen. Frag dich nicht, warum und für wen du schreibst, sondern denke, dass jeder deiner Sätze der letzte sein könnte. Laß ihn an die Tür klopfen, er wird schon die Lust verlieren.”

~ Philippe Djian: Pas de deux (Lent dehors), 1991, S.435f ~

Statement in Pankow, Mai 2019

vor ein paar jahren verkündete ich noch stolz, meine nachrichten ausschließlich von postillion, titanic und fefe zu beziehen, heute ist mir das peinlich. ich war so ironisch und satt. damals war die afd eine spaßpartei mit euro abschaffen, heute sind sie eine nazipartei mit menschheit abschaffen. wir haben die layer verdoppelt und jetzt verstehen wir uns selbst nicht mehr.

“Wir meinten alles ironisch
auch die Ironie”
– Rainald Grebe

ironie, und sein kleiner böser bruder, der sarkasmus sind auch selbstschutz. um sich zu distanzieren, abzuheben. vom wahnsinn der alltäglichkeiten, und vom wahnsinn der nachrichten.

inzwischen geht mir das nur noch auf den geist, ich bin so müde und, es langweilt, es nervt, es ist nicht produktiv. weil es außerhalb der ironischen blase niemand versteht, weil es den ironiefreien spaßvögeln von rechts gefällt. hier, sowas meine ich.

“Warum kommt meine Ironie nie durch
Wenn ich “ja” sag’ mein’ ich “nein”
Warum kommt meine Ironie nie durch
So schwer kann das nicht sein”
– Marc-Uwe Kling

ab und an lese ich noch gedruckte zeitungen, doch da finden sich die auch nur noch die debatten aufgewärmt, die twitter schon durch hatte. weil die journalisten auf twitter rumhängen und keiner mehr selber denkt. dafür ist keine zeit mehr, man könnte den nächsten aufreger verpassen.

Die Frage ist nur, warum es wenige Menschen geben soll, denen BMW exklusiv gehört und die das weitgehend alleinige Recht haben, über Gewinne zu verfügen.

Wir könnten uns dafür entscheiden, unseren Wohlstand nicht auf die Produktion von Waffen aufzubauen, sondern unsere Produktivkraft einzusetzen für Dinge, die uns nutzen, Wohnungen zu bauen oder Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.

Hier das Interview der ZEIT mit Kevin Kühnert (ohne Paywall). Das Interview, das seit Mittwoch jeden triggert. Auf dem Scheiterhaufen wollen sie ihn sehen, mindestens aus der SPD ausschließen. DDR! schreien sie und SOzAiLisMUS!!! Sie wollen, dass alles so bleibt und niemand über den Tellerrand guckt. Also ist jeder ein Ketzer, weil es ans Eingemachte geht. Gut so! Die Reaktionen sagen eigentlich mehr über die Schreihälse als über Kühnert. Von ihm kann man sich nur mehr Radikalität wünschen und dass er demnächst Kanzler wird.

I’m gonna send him to outer space, find another race
I’ll take your brain to another dimension
Pay close attention

Keith Charles Flint (1969 – 2019)

Hinweis: Folgenden Text schrob ich letztes Jahr im Zug, nur vergammelte er im Entwürfe-Ordner, jetzt ist er reif.


der autor fährt in letzter zeit wieder häufiger bahn durch deutschland, dabei ist die bahn immer pünktlich, oder hat vielleicht 10 minuten verspätung. die anschlusszüge warten, sodass verbindungen zusammen passen. zugegeben, das ist der ICE-verkehr der deutschen bahn zwischen den städten, das funktioniert. im regionalverkehr sieht das anders aus, das kann sich der autor vorstellen, kennt er ja von den sommerlichen wochenenden, wenn berlin zur ostsee oder ins brandenburgische strömt.

seit januar gibt es 200mb wlan für die zweitklässler. die erste klasse hat eventuell goldene patchkabel, das weiß man nicht. funktioniert auch, nur in argen ödnissen hat das wlan aussetzer oder wenn viele im vollbesetzten zug videos streamen.

worauf der autor hinaus will:
die deutsche bahn ist besser als ihr ruf. klar sind ausfälle und verspätungen immer scheiße und ärgerlich, es ist aber auch ein verflucht komplexes system – da wirste ganze schwindelig im kopp, wenn du drüber nachdenkst, so einen fahrplan erstellen zu müssen. vermutlich wurde auch aufgrund liberalisierung und geplantem börsengang substanziell gekürzt, was wir nun zu spüren bekommen.

aber vielleicht einigen wir uns darauf, dass das unternehmen seiner eigentlichen aufgabe nachkommt im großen und ganzen?

worauf der autor eigentlich hinaus wollte: mit kritik ist man schneller zu hand als mit lob, die kritik fandet große verbreitung dank sozialer netzwerke. das lob dagegen bleibt unausgesprochen, existiert lediglich durch das ausbleiben der kritik. man mag nicht in der haut der zugbegleiter stecken, wenn etwas ausfällt und die leute anfangen, im speisewagen barrikaden zu bauen.

In Zukunft werde ich notieren, wo ich bei einzelnen Büchern stecke, da ich immer alles gleichzeitig lesen muss.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex (2015)

Leonhard Horowski: Das Europa der Könige (2017)

Paul Mason: Postkapitalismus (2015)


| imdb | wikipedia | Trailer |


Mal wieder im Kino, mal wieder ein deutscher Film. Mit Eidinger und Mädel in den Hauptrollen und anderen bekannten Schauspielern. Ein Roadmovie auf Mofas. Von der schwäbischen Provinz an die Ostsee. Die Brüder, mittlerweile in ihren Vierzigern, finden zu sich selbst und zueinander. Zwischen derben Humor und Sentimentalem, vorhersehbarem Plot, Provinzbashing sind ganz viele Details, die den Film so knuffig machen. Allzu viel tiefe Gesellschaftskritik sollte man nicht erwarten, er plätschert so vor sich hin und man hat seinen Spaß. Dabei bleibt das Niveau wesentlich über der typischen deutschen Klamauk-Komödie.

ihr kauft euch immer größere SUVs, aber regt euch über fehlende parkplätze und mehr staus auf. ihr hasst fahrverbote für diesel, aber zieht wegen der besseren luft in den speckgürtel. ihr verwechselt individuelle freiheit mit der freiheit auf deutschen autobahnen unbegrenzt schnell fahren zu dürfen. ihr lest jahrelang BILD und schreit dann LÜGENPRESSE!! und habt recht.

Wir surfen uns ein Super-Sonderangebot, spenden Weinachten für Welt für die Brot,
und essen Schokoladen-Weihnachtsmänner für 29 Cent,
trinken Kaffee, den keiner beim Vornamen kennt.

Dota: Immer die Anderen

in frankreich gelbwesten sie paris in schutt und asche, hierzulande hat man bedenken und hätte beinahe blackrock-merz zum kanzler gewählt. stattdessen also Annegret Kramp-Karrenbauer und alles bleibt beim alten.

es lohnt sich, die diskussion auf der wikipedia-seite zum thema identitätspolitik zu lesen. weil das eine sehr aktuelle debatte ist und es hilft, einiges in den nachrichten zu verstehen. wie alles zurzeit ist es hochpolitisch und man muss aufpassen, nicht falsche erwartungen zu bedienen. denn früher oder später muss man sich auch mit der identitäre bewegung auseinandersetzen. denn während der begriff der identität aus der soziologie kommt, und minderheiten-rechte stärkte, bedient sich der neue rechte des begriffs, um minderheiten auszugrenzen. während ersteres versucht, zu differenzieren, will letzteres vereinfachen und eine vermeintliche legitimation von gewalt in den diskurs tragen. wie so vieles stammt der begriff aus übersee (siehe auch identity politics) und ist inzwischen in der politschen debatte nicht mehr wegzudenken.

hierzulande hadern wir noch, benutzen es aber schon im negativen sinne. wir diskutieren über DIE flüchtlinge, DIE migranten, DIE frauen, DIE sachsen. das ist hochproblematisch, weil niemand lediglcih eine identität hat, sondern immer ganz viel. Ich kann ein lehrer sein und scheiß meinungen haben. ich kann polizist sein und trotzdem linke meinungen vertreten. ich kann im schwarzen block sein und antisemit. genauso wie ich in freital wohnen kann und mich um migranten kümmere. das ist superkompliziert, aber denk doch mal an Dich selbst, willst du reduziert werden auf Deine herkunft oder deinen beruf, Deine hautfarbe oder Dein geschlecht? niemand will das und trotzdem passiert es jeden tag. asoziale medien verstärken das und einzelfälle führen zu (meist negativen) zuschreibungen zu einer ganzen gruppe. während sich die einwohner sachsens angegriffen fühlen, wenn sie für hetzende mobs verantwortlich gemacht werden, aber kein problem haben, die schleichende islamisierung dresdens zu beklangen, dann ist das eigentlich schizophren, nur muss man das eben mal ansprechen.

meiner meinung nach, hätte man den begriff – genauso wie die gender studies – in der soziologie lassen sollen, denn man kann menschen und gruppen nicht reduzieren auf eine eigenschaft. jeder mensch hat mehrere identitäten und noch tragischer ist die zuschreibung bestimmter eigenschaften aus dem handeln einzelner zu einer ganzen gruppe.

Nur allzu gerne verweise ich auf folgende Hörspielserien, aufwendig produzierte Mehrteiler, die Spaß machen:

    NeuNuernberg – 12 Teile – WDR 2018
    Dystopische Story über ein bürgerkriegsgebeuteltes Deutschland und die Wahrheit in Kriegszeiten.
    Nachtmahl – 4 Teile – WDR 2016
    Krimi in Niederösterreich mit einigen Leichen und ganz vielen Mücken und dem fantastischen Simon Schwarz.
    Brüder – 26 Teile – WDR 2018
    Interessantes Stück über die französische Revolution 1789 und ihren Protagonisten.
    Fuffzig Minuten Berlin – 1 Teil – WDR 2017
    Das ist ein großartiger Road Trip von Tegel nach Schönefeld und es ist nicht einfach.
    CAIMAN CLUB – 5 Teile – WDR 2018
    Lobbyismus und Intrigen in der Hauptstadt, es gibt Tote und der nächste Spin wird wieder einmal alles ändern.

“Zwischen all den ironisch, halb ironisch und ernst gemeinten Varianten von Sexismus ist es schwieriger geworden zu sagen, was genau das Problem sein soll, wenn eine Fünfzehnjährige sich Playboy-Bettwäsche zu Weihnachten wünscht.”

~ Margarete Stokowski: Untenrum frei, 2016

da sind sie wieder, die vielen layer mit denen wir lernen müssen, zurecht zu kommen. wie eine zwiebel muss man die nachrichten häuten Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. alles könnte eine anspielung sein, eine falle, in die wir tappen und für die wir uns nachher rechtfertigen müssen für unsere unkenntnis. das war schon immer so, die literatur und kultur ist seit jahrhunderten voll von remixen, mashups und anspielungen, genießen darf nur, wer sie alle dechiffriert… Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein. nun ist nur alles schneller geworden und wie ein jongleur erfassen wir die nachrichten, tweets und interaktionen, müssen einordnen, weil journalismus tendenziell tendenziös ist und wir das vertrauen verloren haben. vorbei die zeiten, als meinungen gemacht wurden um zu konsumieren. heute wird hinterfragt, kritisiert und im zweifel gezweifelt. dieser jener hat aber schonmal dies das geschrieben und das war falsch. dabei wird noch mehr meinung gemacht, nur subtiler. redakteur zu sein dieser tage erfordert neben handwerkszeug auch einen moralischen kompass, ein gespür für den zeitgeist, um nicht im nächsten shitstorm weggeweht zu werden. für den konsumenten bedeutet das ebenfalls arbeit und so mäandern wir uns alle durch den watzlawick und am ende hat niemand was gesagt. oder jemand muss sich entschuldigen. oder es wird gefordert sich zu entschuldigen oder zu wiederrufen, mindestens aber zurückzutreten. und am ende sitzen sie in den ewigen talkshows und zerfasern sich die lippen.