der ort in polen nahe der tschechischen grenze hieß mal Bad Flinsberg, in jener zeit als der teil polens noch deutsch war. das ist lange her, ein paar gebäude erinnern noch an die vergangenheit, sonst nichts.

es gibt eine trinkhalle von 1899, in der mineralwasser aus dem berg ausgeschenkt wird, aber kein bier. es gibt kirchen, einen park und viele tourigeschäfte. eine stadt wie ein museum, in berlin heißt das nikolaiviertel. kann man sich anschauen, kann man aber auch links liegen lassen.

Jede Geschichte, auch diese Geschichte vom Caravaning, ist eine Geschichte des Klassenkampfs. Nur dass sich hier die gesellschaftliche Demarkationslinie zwischen den Zelten und den Wohnwagen materialisiert. Eine Woche Urlaub in einem Wohnwagen auf einem polnischen Zeltplatz ersetzt ein Semester Soziologie, den Schein gibts an der Rezeption.

Unser Wohnwagen ist über zwanzig Jahre alt und gehörte einer – Achtung! Klischee! – niederländischen Familie und nun der schönen Mitbewohnerin ihren Eltern. Er ist weiß, wie überhaupt alle Wohnwagen1 und es gibt einen gigantischen Zeltvorbau. Im Wohnwagen selbst ist viel Platz zum Schlafen und Verstauen, nur nicht zum Bewegen. Es gibt eine Nasszelle mit Chemieklo, ein Kochfeld mit Gas, Strom, einen Kühlschrank, einen Fernseher.

Perfekt ausgestattet also, nur fließend Wasser fehlt, das muss vom Hahn geholt werden und das Trinkwasser wird im Laden gekauft. Duschen und Klos sind nicht weit, nur warmes Wasser gibt es nicht oft. Dreckiges Geschirr wird auch woanders abgewaschen und so besteht der Tag aus Hin- und Herlaufen und auf den Wegen herrscht geschäftiges Treiben, weil es allen so geht. Dazwischen Rad fahrende und spielende Kinder. Abends Stimmengewirr und Feierlaune. Wer Ruhe sucht, sollte nicht auf einen Campingplatz fahren. Rumliegen und Nichtstun kann man in einem All-inclusive-Cluburlaub, hier wird geschafft und Alltag en miniature gespielt. Unter ständiger Beobachtung, denn Privatsphäre gibt es nur im Wohnwagen, und da ist notorischer Platzmangel. Also akzeptieren, dass jedes Tun nicht unbeobachtet bleibt.

Uns gegenüber wohnt ein veraltetes Ehebärchen, die einen Großteil des Tages vor ihrem Wohnwagen verbringen, stricken und reden. Zwei Monate des Jahres sind sie hier, seit 20 Jahren. Das ist Kontinuität. Sie kennen jeden, quatschen mit jedem. Neuzugänge betrachten sie mit Argwohn. Wenn einer aus der Reihe tanzt, wird er schon mal angeschwärzt bei der Verwaltung, Ordnung muss sein. Kann ja nicht sein, dass einer nach 24 Uhr noch Spaß hat. Das sind zum Glück die einzigen Kleingartennazis, ansonsten viele Familien mit noch mehr Kindern und entspannten Eltern. Im Großen und Ganzen kann man tun, was einem beliebt. Nur bleibt das eben nicht unkommentiert.

Mit denen, die nur ein Zelt habe, hat man nichts gemein, die trifft man nur am Strand und im Wassertrakt, erkennbar am mitgebrachten Wasserkocher, so ein Zelt hat eben kein fließend Strom.

Und nun die Antwort auf die brennendste aller Fragen: Was passiert mit dem Inhalt von einem Wohnwagenklo? Es muss ausgeleert werden, per Hand sozusagen, auf einem kleinen Wägelchen rollt man zur speziell dafür vorgesehenen Anlage…


  1. Offenbar bin ich nicht der einzige, der sich diese Frage stellt. Die Antwort hier, banal, ihr ahnt es: Kosten, Hitze, blabla []

wir fahren auf einer größeren straße irgendwo im nirgendwo in polen und sind genervt, weil wir schon zu lange fahren und hunger haben. der fahrer fällt in sekundenbruchteilen die entscheidung, hier zu halten, mitten im wald eine kleine ausfahrt, eine kleine hütte, ein großer parkplatz, sonst nichts.

der besitzer ist gleichzeitig koch, kellner und putzfrau, grinst uns mit dem obligatorischen schnauzer an und braucht nicht viele worte. die spezialität des hauses: dicke erbsensuppe mit speck und fetter wurst im plastikschälchen. gegen großen hunger das beste. ganz ohne social media und geolokalisierungs- und empfehlungs- und bewertungs-apps. nur so.