1-2012-12-31 12.08.25

ich bookcrosse ja schon länger. allerdings ist das immer mühsam, wenn man die bücher in der wildniss freilässt, da sich die finder keine mühe machen, journaleinträge zu verfassen (kein vorwurf, menschen sind halt so, ich sicher auch im paralleluniversum). aber eine alte telefonzelle als feste tauschstation, das ist was tolles, und dann auch noch fast vor der haustür (fabrik/labyrinth kindermuseum an der osloer). hab ich gleich mal aufgefüllt.

heute entstieg mitten im soldiner kiez eine mittelalte familie aus dem mittelschichtigen ökomilieu mit kleinen kindern ihrer familiendroschke. so ein kombi, wo der bierkasten UND der kinderwagen reinpasst. auf der heckscheibe prangte “allergiegetesteter innenraum”1 – wahnsinn, was es alles gibt. da kann man praktisch nie krank werden, man muss allerdings sein ganzes leben im auto verbringen und fenster und türen geschlossen gehalten. absurde vorstellung?

Symbolbild: Wedding 65 (Mai 2009)

die familie, übrigens aus einer mittelgroßen westdeutschen stadt, wirkte ganz schön unbeholfen und verloren und starrte mich schüchtern an. über sechs jahre wedding sind an mir jedoch nicht spurlos vorüber gegangen und so bellte ich sie an, was das soll, warum sie mir im weg rumstehen und starren, ob sie nichts besseres zu tun haben, ärger suchen. verpissen sollten sie sich, weil das mein revier ist und sie mit ihren verzogenen gören hier nichts zu suchen hätten. die normale ansprache eben, die worte mit bedacht gewählt, um die fremden nicht gleich abzuschrecken. doch leider verfehlten meine worte ihre wirkung nicht und die kleinfamilie verkroch sich wieder in den warmen arsch ihrer reihenhaussiedlung am rand von … na? bonn!

Disclaimer: Teile der Geschichte sind erfunden, Ähnlichkeiten mit bekannten oder unbekannten Personen rein zufällig und Tiere kamen bei den Dreharbeiten zumindest nicht ernsthaft um.


  1. beim hersteller heißt es dazu: “Bei geschlossenen Fenstern und Türen schützen die Materialien, zusammen mit dem serienmäßigen Staub- und Pollenfilter, die Insassen vor allergieauslösenden Partikeln aus der Außenluft.” []

Zum Jubiläum ein ganz besonders Geschenk an die werte Leserschaft: Bisher unveröffentlichte Bilder einer Kiezwanderung an einem sonnigen Tag im Dezember 2006. Mit ganz vielen (Eck-)Kneipen und Läden, die es gar nicht mehr gibt. So manches sieht fünf Jahre später ganz anders aus und in fünf Jahren wird es da auch wieder anders aussehen. Dann sprechen wir uns wieder. Übrigens jetzt mit dollem Überlagerungs-Bilderanzeigdings, war Steffens Idee…

Trockenblumenstrauß im Wedding (Juni 2006)

der stern hat einen interessanten artikel über kids aus dem soldiner kiez, die geld dafür bekommen, dass sie scheiße fürs fernsehen bauen, damit sarrazin am ende doch recht behält (via).

Und hier die Preisliste:

  • Zeigen einer Stichwaffe: 20-50 €
  • Gruppenfoto mit Messer: bis 400 €
  • Zeigen eines Gewaltvideos im Handy: 10-30 €
  • Erzählen einer Skandalgeschichte war 250-400 €
  • gestellte Prügelszene: 400 €
  • Posen mit Kapuze vor der Kamera: 30-100€
  • Andeuten eines Steinwurfs in Richtung der Reporter: 250 €
  • Wurf eines Mülleimers aus dem Fenster: 120 €

(recherchiert von Waldemar Olesch / kingzofkiez.de)

tina veihelmann lebte mithilfe des kiezschreiberstipendiums im soldiner kiez, berlin-wedding zwischen 2006 und 2007. ein paarmal habe ich sie zu dieser zeit gesehen, wie sie auf der bank an der panke saß und sich geschichten erzählen ließ. die geschichten hat sie aufgeschrieben, kann man hier nachlesen oder in einem kleinen büchlein namens “soldiner spaziergang”. darin auch die story von den zwei künstlerinnen in der ehemaligen apotheke (“labor k1”, hatte ich damals auch). und das angenehme: frau veihelmann beobachtet lediglich, hört zu und schreibt auf. sie will nichts verändern, klagt nicht an. lesebefehl für all’ jene, die den soldiner kiez nur aus gruseligen presemitteilungen kennen.

weil der FAZ-artikel letztens einmal mehr nur einseitig und undifferenziert berichtete, haben sich auch andere geäußert: “Der Soldiner Kiez ist kein Kiez des Verbrechens.” (deinkiez.de):

Der Blick auf die realen Gegebenheiten führte hier zu einer Relativierung bestehender Klischees. Der Soldiner Kiez ist kein Ort des Verbrechens. Aber er ist auch kein problemfreier Kiez, und es gilt besonders, die Kinder und Jugendlichen im Kiez so zu fördern, dass ihnen eine kriminelle Karriere erspart bleibt. Projekte an den Schulen und im Kiez haben diesen Weg begonnen. Verfolgen wir ihn weiter.

eigentlich wollte ich an dieser stelle meinen kommentar abgeben. aber warum nicht auch hier. wir haben schließlich ein referenzielles internet hier.

Vielen dank für das korrekte Einbinden meines Bildes oben. Auch ich bin gestern über den oben genannten Artikel gestoßen. Ich fand ihn nur leider unter aller Sau geschrieben und so gar nicht FAZ-Niveau. Aber das sollte der Autor mit seinem Chef klären. Viel bedenklicher fand ich die einseitige Darstellung der Wirklichkeit und die entsprechende Wirkung auf die Leser, die zu obigen Kommentaren führt.

Ich wohne seit Jahren im Soldiner Kiez und wurde bisher noch nie Opfer irgendwelcher Gewalttätigkeiten. Im Gegenteil, ich fühle mich in dieser Gegend sicher. Klar, vieles ist kaputt, dreckig und überall liegt Hundescheiße. Aber genauso siehts auch im national befreiten Friedrichshain aus. Es wohnen viele Assis hier. Die Armut, die Arbeitslosigkeit liegt in der Luft, man spürt sie. Wer ein bisschen mehr Geld hat, zieht weg. Übrig bleibt eine Unterschicht, bestehend aus Migrantenfamilien und Deutschen. Dass das nicht gerade wohltuend ist für das soziale Klima, dürfte jedem klar sein.

Leider beruft sich der Autor nur auf die Aussagen des Polizisten. Ich erlaube mir folgenden Vergleich: Würde man einen Einsatzbeamten nach einem Fußballspiel mit Ausschreitungen nach seiner Meinung zu den Fußballfans fragen, so wäre die Antwort nicht sehr kuschelig.

Was ich nicht sagen will ist, dass es die Gewalt nicht gibt. Es gibt sie, die Agression liegt in der Luft. Und auch ich lese kopfschüttelnd die Polizeiberichte. Doch die Antwort auf Gewalt kann nicht Gewalt sein. Oder wollen die Anwesenden hier einen Polizeistaat unter Führung der deutschen Herrenrasse? Da lach ich mich schlapp und empfehle einen Besuch in den urigen deutschen Kneipen in der Soldiner Straße. Da säuft sich die Herrenrasse tagtäglich den Kopf zu. Was ich damit sagen will: Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass Drohkulissen aufgebaut und Sündenbücke benannt werden.

Im Kiez arbeiten einige ehrenamtliche Mitarbeiter und engagieren sich für die Kids. Damit die nicht Opfer und Täter dieser Gewaltspirale werden. Und davor ziehe ich meinen Hut. Nicht vor lausigen Internet-Hetzern.

FAZ-Autor Philip Eppelsheim war im Kiez unterwegs und musste sich vor die Füße spucken lassen. Auf Schritt und Tritt hat er den Kontaktbereichsbeamten Christian Eitel verfolgt und Innensenator Körting interviewt. Heraus gekommen ist ein fast unlesbarer Text, der zwar eine Reportage sein soll aber journalistisch unter aller Kanone ist. Das haben wir schon besser gelesen bei der FAZ. Dieser Absatz soll einstimmen auf die folgenden Zeilen zum Thema Jugendkriminalität:

Auf seiner morgendlichen Streife nähert sich Eitel der Soldiner Straße, läuft vorbei an der Biesentaler Straße. Der Müll der Nacht – Flaschen, Kippen, Hausrat – ist zur Seite gekehrt. Abseits der Pankstraße mit ihren Dönerbuden ist kaum jemand auf den Gehwegen unterwegs. Die Kinderspielplätze zwischen Hausmauern, mit Müll übersät, liegen verwaist. Die Junkies nutzen sie in der Nacht für sich. Urin und Kot im Sand.

Ich will jetzt gar nichts beschönigen, jugendliche Gewalttäter verteidigen oder gar von einer heilen Welt sprechen – aber ein bisschen mehr Differenzierung hätte ich mir schon gewünscht von Deutschlands intellektuellster(?) Zeitung. Denn was da holprig zusammen geschrieben wurde, ist eine Mischung aus Boulevard und persönlicher Meinung. Und der Autor begeht einen groben Fehler: Zwar schreibt er über die Jugendlichen, doch mit ihnen geredet hat er nicht. Im Gegenteil, er läuft lieber weg:

In der Nacht sind die Straßen noch verlassener als am Tag, wenn zumindest die von Dönerbuden und Handyläden gesäumten Straßen bevölkert sind. Nur eine Gruppe Jugendlicher ist in der Soldiner Straße unterwegs. Sie schreien “hey”, lachen, als die Schrittfrequenz des Fremden schneller wird. Eine Ecke weiter spuckt ein Jugendlicher seine Rotze vor seine Füße.

Furchtbar!

Ja, es gibt ein Problem mit Jugendkriminalität. Aber wir sollten anfangen, sie zu lösen, anstatt immer nur mit unserem Finger darauf zu zeigen.

Vor fast einem Jahr schrub ich vom Dönerpreiskrieg im Kiez. Ähnliche Gedanken wurden auch hier verwurstet. Ganz erstaunlicherweise gibt es beide Dönerläden noch. Der Preis hält sich inzwischen stabil bei einem Euro – jedoch esse ich woanders hochwertiger.

Vor drei Jahren verstub Weddings berühmtester Sohn, der Entertainer und Bonvivant Harald Juhnke. Schnell wurde ihm ein Denkmal gesetzt (Ecke Zechliner Straße / Fordoner Straße). Schön ist das aber nicht, deswegen soll es nun ein neues geben. Wie das Neue Deutschland berichtet. Und so wird es dann aussehen:

Das Denkmal (links im Bild) wurde entwurfen von Liane Wloch (rechts). Was der Monster-Broccoli dahinten macht, weiß ich auch nicht.

heute überschlugen sich mal wieder die meldungen über die soldiner straße. jener straße also, die unter besonderer beobachtung der hauptstädtischen polizei und journaille steht und in der neben allerlei menschen auch der autor lebt. er weiß also wovon er schreibt!

heute jedenfalls ganz viele meldungen über eine messerstecherei im örtlichen döner am donnerstag abend. erst im polizeiticker, dann bei der welt, dann im tagesspiegel. die polizei spricht von Landfriedensbruch (§125 StGB). nichts neues also? leider ja.

doch eine andere meldung aus dem tagesspiegel verspricht auch nicht viel mehr hoffnung. da hat ein findiger unternehmer einen wohnblock zum rentnerparadies umgebaut, fast gegenüber des messerstecher-döners. und nun sollen sie kommen, die älteren mitbürger.

was kommt als nächstes?

ey! die überschrift ist der hammer, oder? jedenfalls besser als “Wir fahren völlig nach Fahrplan”

zwei themen jetzt. ganz schnell, wenig zeit. (ich schreibe eh viel zu viel und ausschweifend). also streik heute bei der bvg, fährt aber trotzdem alles. achtung: “Das BVG-Fundbüro sowie die Stelle für das erhöhte Beförderungsentgelt in der Grunewaldstraße bleiben geschlossen.” (tsp) da könnt ihr mal sehen! was, weiß ich jetzt auch nicht recht. aber sehen könnt ihr es.

nächstes thema. einmal im moment monat ist kolonie wedding. schon seit jahren. da gibts so kunst in ladengeschäften. aber nicht zum kaufen, sondern nur gucken. machen auch viele, komische leute, so typ friedrichshain-west, nähe mitte. ab und zu veranstaltungen und performances und so. ich komm da nie drauf klar. ein paar mal waren wir da. tranken und liefen von gallerie zu gallerie und redeten über kunst. das ist lustig. aber nüchtern und am tag? nee, nix für mich. lange rede, gar kein sinn. dafür ein link. zum kronenboden.

so kinners, jetzt ists raus. die geschichte des aljohols muss ganz neu geschrieben werden. mach ich hiermit. schreibt nämlich der independent ganz stolz: The more successful you are, the more you drink, research finds (via sixtus via twitter). so siehts doch mal aus. braucht man auch nicht groß zu lesen, is ja alles klar: männer trinken mehr und aus größeren gläsern. und je erfolgreicher im job desto mehr wird auch getrunken. so denn. frag mich allerdings, was nu die suffis ausm miljö (aka the incredible soldiner kiez) machen. wie sie ihr trinkverhalten rechtfertigen wollen. vor allem vor sich selber. werd ich gleich mal ausdrucken und hingehen. mit der wahrheit uff die kacke haun’. ich trinke heute nüscht. so erfolgreich bin ich nämlich jarnich.

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technology review: Trunksüchtige Ratten

wir lieben studien. und noch mehr lieben wir zeitungsmeldungen über eben diese studien. denn wissenschaft muss in verdaubare häppchen gepackt werden. damit der mündige bürger sie auch versteht. zur zeit kursiert in den redaktionen die studie Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2007. im auftrag des senats hat die HU berlin einiges geleistet. nämlich herausgefunden, dass es weiter bergab geht im nördlichen wedding. das finden wir natürlich schade. sind aber dennoch anderer meinung. die redaktionen finden das aber toll und schreiben wie wild voneinander ab. drei beispiele:

tagesspiegel: berlin baut um (04.11.2007)
welt.de: soziale unterschiede in berlin werden immer größer (21.11.07)
tagesspiegel: wo berlin aufsteigt und welchem kiez der absturz droht (22.11.2007)

soldiner-kiez-bashing ist also gerade wieder ganz groß. die probleme gabs schon immer, geändert hat sich nicht viel. quartiersmanager geben ihr bestes und die anwohner sind auch unzufrieden mit der situation. aber was hilft da verteufelung und ausgrenzung? klar, den finger in die wunde bohren. das ist wichtig. aber von vornherein ganze stadtteile aburteilen und ausgrenzen? nur weil der begriff soldiner kiez so griffig scheint? meine liebe herren journalisten. bitte mal vor ort recherchieren. so schwarz-weiß ist die welt dann doch nicht. und drogen gibts auch in zehlendorf.

noch was: solange wir solche videos senden, gibts uns. wir geben nicht eher ruhe, bis ihr uns akzeptiert!
[youtube bv_Id5gfmek]

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Now playing: The Members – The Sound Of The Suburbs

BAR ART

prinzenallee 38
ecke soldiner straße
13359 Berlin

pierogi und bigos, dazu ein polnisches bier (stark!) – so kann man ausgehen. betrieben wird das ganze von künstlerinnen und so hängen auch schon mal bilder an den wänden. die leute sind nett, das bier ist preiswert (€2,50 für 0,66l) und das essen lecker. am wochenende gibts brunch und es wurde wohl auch schon mal getanzt da. dazu die unschlagbare nähe zu mir nach hause. eine künstlerkneipe, da wo sonst nur dönerläden und kioske sind, das macht schon sinn.

[qype-queerpost]

“Wir finden einen Kinderwagenparkplatz in der zweiten Reihe, setzen die Kröten in den Sand und uns an den Rand und senken damit den Hipness-Grad der gut bevölkerten Anlage sicherlich um die Hälfte, misstrauisch beäugt von den Elternpraktikanten ringsum.”

Die geschundenen Kinder vom Prenzlauer Berg
Heiko Werning über Einschulung im Prenzlberg

“Aber es musste der Soldiner Kiez sein. Meine Eltern sind jeden Morgen eine Stunde gefahren, nur um mich dort hinzubringen. Am Nachmittag holten sie mich immer ab, ich war froh, endlich wieder Erwachsene zu sehen. Denn Erwachsene bedeuteten immer gute Nachrichten für mich an der Juhnke, egal, ob es nun meine Eltern oder die Uniformierten vom SEK waren, die meistens Mittwoch vorbeikamen.”

Das Geständnis
Jakob Hein über “das geschundene Kind vom Wedding”