Schlagwortliteratur

„Sicher werden Sie deine Adverbien zählen, deine Obwohls und die Länge deiner Ellipsen messen… Das ist ihr Job. Aber du, du schneiderst dir kein Abendkleid, du schreibst ein Buch! Kümmere dich nicht darum, was man über dich schreibt, ob gut oder schlecht. Meide die Orte, an denen über Bücher gesprochen wird. Höre auf niemanden. Wenn sich jemand über deine Schultern beugt, spring auf und schlag ihm ins Gesicht. Schwing keine Reden über deine Arbeit, es gibt nichts zu sagen. Frag dich nicht, warum und für wen du schreibst, sondern denke, dass jeder deiner Sätze der letzte sein könnte. Laß ihn an die Tür klopfen, er wird schon die Lust verlieren.“

~ Philippe Djian: Pas de deux (Lent dehors), 1991, S.435f ~

über polizeimeldungen als literarische gattung

Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat dauern an.

lesen sie den polizeibericht ihrer stadt, zB von berlin. es gibt ihnen ein gutes gefühl für das, was meist nachts vor sich geht in den häuserschluchten, in den dunklen gassen oder eben am helllichten tag. sehr oft sind es verkehrsunfälle, überfälle, streitigkeiten mit teils erheblichen verletzungen. in nüchterner sprache wird der tathergang geschildert, natürlich aus sicht der polizei, täter- und opfersicht fehlt meist. bei aufsehenerregenden taten finden sich tathergang und bilder dann im boulevard und der lokalen presse.

In dem Verlauf gab einer der Männer Schüsse auf die anderen Zwei ab, die dadurch Verletzungen erlitten.

wenn die hintergründe für den geneigten leser unklar oder nicht erfahrbar sind, entspannt sich ein kopfkino und wir denken uns die geschichte dazu. denn oft gibt es eine vorgeschichte, meist ein jahrelanges nachspiel, seien es verletzungen oder juristisches. damit ich nicht falsch verstanden werde, es geht hier nicht um voyeurismus, ich will mir nicht gaffend einen runterholen. es geht um die dramatik des alltags.

Kurz darauf gelang es der Frau, sich selbst zu befreien und die Polizei zu alarmieren.

krimis lese ich keine, die meisten sind mir zu konstruiert und rauben die zeit für gute literatur. aber ich lese den polizeibericht und sie sollten das auch. schade nur, dass es (zumindest in berlin) kein archiv gibt, da verschwinden alte meldungen nach gewisser zeit. wir müssten das archivieren und dann ist es interessant in ein paar jahren.

Ein Posamentier-Meister in der Frankfurter Str. hat sich gestern aus Melancholie an seinem Arbeitsstuhl erhenkt.

historiker beschäftigten sich wissenschaftlich damit1, es gibt alte statistiken2 und es gibt auch untersuchungen über die einflüsse auf die literatur3. und der socialmedia account der berliner polizei hatte letztens eine auswahl historischer meldungen.

ein durchsuchbares archiv wäre gut, vielleicht hat der eine oder andere einen hinweis.


  1. zB: SCHWERHOFF, Gerd: Historische Kriminalitätsforschung (2011) []
  2. zB: destatis: Auszug aus: Statistik des Deutschen Reichs, Band 257. Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amte, Berlin 1913. Kriminalstatistik für das Jahr 1911. Jugendkriminalität vor 100 Jahren []
  3. zB: MÜLLER-DIETZ, Heinz: Recht und Kriminalität in literarischen Spiegelungen / MÜLLER-DIETZ, Heinz: Recht und Kriminalität in literarischen Brechungen []

postfaktisches bücherregal

ach, was sind wir alle postfaktisch und oberflächlich. seit einigen jahren haben größere deutsche nachrichtenportale auch kleine geschwister für die jüngeren. grellbunt, schreiend und man wird permanent geduzt. bewegt man sich auf SpOn, verklickt man sich schnell und landet bei bento. neben ein wenig politik vor allem netzhypes, mode, sex und bla. interessant sind die bücherlisten:

12 Bücher, die du nur besitzen solltest, um damit anzugeben

  1. Homers Odyssee (mit der Ilias im Schuber!)
  2. Thomas Mann: Buddenbrooks#
  3. Plato: Das Gastmahl (ledergebunden, klar)
  4. Kant: Gesamtausgabe
  5. Friedrich Nitzsche: Kritische Studienausgabe in 15 Bänden
  6. Freud: Gesammelte Werke
  7. Kafka: Gesammelte Werke (12 Bücher im schicken Schuber)
  8. Shakespeare: Sämtliche Werke
  9. Irgendwelche dicken Russen
  10. Goethes Faust (mit Lithographien von Eugène Delacroix)
  11. Günter Grass: Die Blechtrommel
  12. Charles Dickens: Große Erwartungen
  13. David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

jeder eintrag ein kleines witzchen, das ist nett.

Diese Bücher solltest du in deinen Zwanzigern gelesen haben

  1. Franz Kafka: Die Verwandlung
  2. David Foster Wallace: Das hier ist Wasser
  3. Dave Eggers: Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität
  4. Karl Ove Knausgård: Lieben
  5. Joan Didion: Slouching towards Bethlehem (Englisch)
  6. Max Frisch: Fragebogen
  7. Ian McEwan: Am Strand
  8. Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe
  9. Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
  10. Silvia Plath: Die Glasglocke
  11. William T. Vollmann: Afghanistan Picture Show