: )

Ein wichtiges Buch zu einem Thema, das bisher wenig diskutiert wurde. Systematischer Drogenmissbrauch in Gesellschaft, Wehrmacht und beim Führer kratzen am Mythos des arischen und gesunden Volkskörpers.
Ob Überfall auf Polen, “Blitzkrieg” gegen Frankreich, Stalingrad – der Autor spricht von flächendeckendem Meth-Konsum bei den Soldaten, in Form des Präparats Pervitin der Berliner Temmler-Werke. Also das gleiche Zeug, was heute als Crystal Meth traurige Berühmtheit genießt: Hält dich wach und du überschätzt dich – ideal für einen Angriffskrieg.
Dann wird die zweifelhafte Rolle des Theo Morell beleuchtet, der Leibarzt Hitlers und anderer Nazigrößen. Immer wieder gab es Spritzen gegen alle möglichen Wehwehchen, bis hin zu Eukodal (Oxycodon), einem heute noch beliebten Schmerzmittel und Kokain. Ob Hitler tatsächlich süchtig war und in den letzten Monaten unter Entzugserscheinungen litt ist höchst umstritten (siehe unten verlinkte Rezensionen) – verabreicht wurde es, zusammen mit allerlei anderem zwielichtigem Zeug.
Ein weiteres Kapitel schließlich beschäftigt sich mit Drogenexperimenten in Marine und KZ, die nach dem Krieg auch in den USA und anderswo weiter geführt wurden.
Auch wenn die Erzählweise für ein Sachbuch zu reißerisch ist und die Grenze von Drogen, aufputschenden Mitteln und Nahrungsergänzungsmitteln früher eher fließend war – die Geschichte sollte erzählt werden. Keinesfalls – und das macht Ohler deutlich – soll es eine Erklärung oder gar Entschuldigung für die irren Entscheidungen und Handlungen der Nazis sein. Sie haben bewusst die Mittel verabreicht, um ihre Pläne durchzusetzen, um die Wehmacht aufzuputschen. Die Pläne jedoch entstanden schon vorher bei klarem Bewusstsein.
Das Buch habe ich in zwei Tagen verschlungen, aber ein bisschen Kontext benötigt man schon, um das einzuordnen.

zur Einordnung:

  • Hier ein Interview mit dem Autor von 2015.
  • Martin Doerry hat in DER SPIEGEL 37/2015 starke Zweifel an den Thesen
  • die SZ ordnet das Buch anders ein (€€€)
  • die WELT kann die Welt nicht mehr verstehen
  • DIE ZEIT hat auch ihre Zweifel

: )

ein schönes kleines büchlein über lissabon, gezeichnet und geschrieben von einer, die mal da länger gelebt hat und es wissen muss. über die einheimischen und den tourismus, über besonderes und wissenswertes, viel besser als ein reiseführer und nah dran an dem, was wir selbst dieses jahr in der sonnigen stadt erlebt haben. hier ein paar auszüge.

: )

To Hell and Back, so der englische Titel, beschreibt auf eindringliche Art Europas dunkle Jahre, die erste Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, vom ersten bis zum zweiten Weltkrieg und die schwierige Phase dazwischen. Wobei der Fokus der Betrachtung tatsächlich auf Europa liegt, trotzdem diese Jahre extrem deutsch waren, im wahrsten Sinne.
Kershaw bemüht sich, Entwicklungen aufzuzeigen, wie das Wettrüsten und Nationalismus in den ersten Weltkrieg mündete, wie Konservatismus und erneuter Nationalismus die Demokratiebemühungen der Zwischenkriegsjahre vernichteten, wie Appeasement und Gleichgültigkeit gegenüber Nazi-Deutschland in die Katastrophe mündete, wie es im Angesicht schwacher Staaten in Europa unweigerlich zum Kalten Krieg kam.
Und immer wieder die Entwicklungen der Staaten, der Gesellschaften, der Politik, der Wirtschaft, der Medien, der Religion. Das Buch glänzt weniger durch Zusammentragen der Fakten – denn so viele passen nicht in 700 Seiten – es sind eher die Zusammenhänge, die Linien. Und manchmal auch die kleinen Geschichten, etwa die Erinnerungen des polnischen Dorfbürgermeisters oder individuelle Beschreibungen des Krieges von Soldaten.
Dabei ist Kershaw wenig tendenziös, akribisch und manchmal sogar witzig, auch wenn dies bei dem Thema eher selten möglich ist. Es gibt keine Fußnoten, dafür eine umfangreiche Bibliographie, Karten und einige Photos, Zeitdokumente. Es ist weniger ein Fachbuch als ein anspruchsvoller Versuch die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Worte zu fassen.

: )

Ein großer Roman, die Handlung kann hier nachgelesen werden. Es geht um drei Hauptfiguren, die in Beziehung zueinander treten, auseinander treiben und wieder zusammen finden. Es geht um die DDR als Überwachungsstaat, das Internet, Whistleblowing. Um verkorkste Elternhäuser und Beziehungen, Liebe, Enttäuschung und Verrat. Alles ist miteinander verbunden, die Handlung wird schlüssig erzählt aus verschiedenen Perspektiven, aber insgesamt wirkt es teilweise langatmig und langweilig und der Leser/Hörer steigt aus. Das Stärke des Romans sind die Charaktere, deren Gefühlswelten und Handlungen tief erforscht werden. Scheinbar nebenbei klopft Franzen die Rolle der Medien, Politik und Gesellschaft ab, untersucht ihre Wirkung auf das Individuum. Das Buch reiht sich ein in die Reihe der anderen Romane des Autors. Wer intelligente Unterhaltung sucht, wird schnell begeistert sein. Allerdings zieht es einen auch runter, weil alles so kaputt ist, die Charaktere alles kaputt machen und am Ende nichts bleibt als zerstörte Beziehungen.

: )

moeller

steffen möller lebt seit über 20 jahren in polen, schauspielert und ist dort ziemlich bekannt. uns deutschen erklärt er das land in buchform. der vorliegende band erzählt von der polnischen hauptstadt, fast wie ein reiseführer und schön geschrieben. es sind vor allem die kleinen geschichten, von einem der sich auskennt, die das buch so lesenswert machen. von seinen taxifahrten, von kulturellen unterschieden, von den besonderheiten und gemeinsamkeiten. vielleicht kann man ihm den fehlenden blick von außen vorwerfen, politik wird weitesgehend ausgeklammert und auch mit sonstiger kritik hält er sich zurück. aber dafür sind andere da, er ist ja in erster linie unterhalter, und das macht er bardzo dobrze!

, : )

Ich mochte Die Ökonomie von Gut und Böse und kann es immer noch empfehlen. Der Autor untersuchte die moralischen Grenzen und Ansätze in der gegenwärtigen Ökonomie und Gesellschaft. Im vorliegenden Buch geht es in eine ähnliche Richtung, aber mit mehr Psychologie. Es gibt viel Antike, Christentum, die Psyschologen des 19. und 20. Jahrhunders.

Fazit ist, dass das kapitalistische System, seine Protagonisten und auch wir uns verhalten wie Süchtige mit unstillbarem Verlangen nach mehr, mehr, mehr. In Wahrheit braucht man für diese Erkenntnis kein Buch. Aber das vorliegende untermauert die These mit viel kulturellem Hintergrund, sodass es sich wirklich lohnt zu lesen.

: )

Wie schon das Buch über die Kulturgeschichte der Schulden ist dieses über Bürokratie sehr erfrischend, liest sich wie ein Roman und nicht so trocken wie ein Fachbuch, trotzdem es ein ernstes Thema behandelt.

dsc_1477

Allerdings ist es nicht aus einem Guss, sondern eine Sammlung von Essays, Redundanz inbegriffen.

Kernthese ist, dass unser Leben zunehmend dürch einen Verwaltungsapparat bestimmt wird, nicht nur auf Staatsseite, sondern auch in den Unternehmen. Niemand will/kann/darf mehr Entscheidungen treffen, also wird der Wasserkopf immer größer.

Spannend auch die Geschichte der Bürokratie, die in der deutschen Post (Sic!) ihre erste Höchstform fand, aber natürlich wesentlich älter ist. Überhaupt ist der anthropologische, kulturgeschichtliche Teil wesentlich fundierter und umfangreicher als die Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft.

“Für diesen Prozess – das allmähliche Verschmelzen von öffentlicher und privater Macht zu einer Einheit, die überfrachtet ist mit Regeln und Vorschriften, deren letztlicher Zweck darin besteht, Wohlstand in Form von Gewinnen abzuschöpfen –, gibt es noch keinen Namen. Schon allein das ist bezeichnend. Diese Entwicklungen können sich vor allem deshalb vollziehen, weil wir noch über keine begrifflichen Mittel verfügen, um über sie zu sprechen. Ihre Auswirkungen lassen sich jedoch in allen Lebensbereichen beobachten und füllen unsere Tage mit Papierkram aus. Die Formulare werden immer länger und komplizierter. Einfache Dokumente wie Rechnungen oder Fahrkarten oder Mitgliedsausweise für Sportvereine oder Buchclubs sind mit seitenlangen kleingedruckten rechtlichen Erläuterungen versehen.

Ich möchte eine Bezeichnung vorschlagen. Ich halte es für sinnvoll, diesen Prozess die »totale Bürokratisierung« zu nennen. Zunächst wollte ich vom Zeitalter der »räuberischen Bürokratisierung« sprechen, aber das ist ohnehin die grundlegende Natur jenes Ungetüms, das ich hier darstellen möchte. Dieses Ungetüm regte sich erstmals, so könnte man sagen, als die öffentliche Diskussion über Bürokratie Ende der Siebzigerjahre abzuklingen begann, und es wuchs in den Achtzigerjahren. Doch erst in den Neunzigerjahren gewann es richtig an Kraft und Stärke.”

Lesen Sie es, wenn sie querdenken wollen.

Hier ein Inerview im Schweizer Fernsehen.

: )

Disclaimer: I got this book for free earlier this year as a goodreads giveaway – thanks to the author!

dsc_1618

This was a very good read. A collection of short stories all of them titled with the names of the respective main characters – thats why it is the book of names. Every story is different. There are no connection. Or I didn’t got the connections. Also the narrative style is different.

In conclusion everybody has it’s dark secret or hidden passion and sometimes it gets visible. By another person or by an occurrence. Sometimes we are walking on the edge of our dark soules. Sometimes we are observing others walking on the edge. And thats why this book is great and you won’t put it away until you are on the last page.

Who wants to read this? It’s available as a bookcrossing book.

Text is also published as a goodreads review.

: )

Cover von Uli Staiger – Die Lichtgestalten
Cover von Uli Staiger – Die Lichtgestalten

Das Hörbuch ist zu schnell vorbei. Vier Geschichten liest Frau Lautenbach, vier absurde Geschichten, die entweder in einer düsten Zukunft spielen (“Schöne neue Schuhwelt”, “Videoabend in Pankow”) oder eine absurde Wendung nehmen (“Gute Reise!”, “Wünsch dir was”). Mit Berlin haben sie weniger zu tun, dafür mit vielem Allzumenschlichem und Tragischem.

: )

ki

Ein umfangreicher Rundumschlag über den aktuellen Stand der Technik in Robotik, Big Data, künstlicher Intelligenz, Maschinenlernen. Die komplexen Themen werden detailiert und tief erklärt, ihre Herkunft beschrieben und was daraus werden wird. Schlieter geht noch weiter und untersucht, was die Technik mit uns macht, wo sie uns hilft, steuert, manipuliert, ersetzt. Fast schon philosophisch sind seine gesellschaftlichen Untersuchungen. Düster sind die Aussichten. Das macht das Buch so wertvoll und wichtig, denn wenn wir uns blind auf Technik verlassen, sie nicht mehr verstehen, wird sie uns bald steuern.

Hier ein Interview mit dem Autor.

: )

März 1848 – Barrikaden, Schüsse und Revolution. Die Arbeiter erheben sich gegen Armut, Frühkapitalismus und König. Man will mitbestimmen und sich nicht gnadenlos ausbeuten lassen. König und Militär reagieren nervös und schießen zurück. Der Aufstand endet unglücklich, am Ende haben alle verloren. Es gibt ein bisschen Demokratie, Adel und König revidieren ihre Zugeständnisse.
Die spannenden Ereignisse dieser Tage werden anschaulisch erzählt, eingebettet in die Geschichte einer unglücklichen Romanze und einer (imho) mißglückten Spionage-Nebenhandlung. Der Roman ist sehr gut recherchiert, es entsteht ein plastisches Berlin-Bild.
Trotzdem ist es in unserer Zeit entstanden, wir lesen und rezipieren es vor dem Hintergrund unserer eigenen gesellschaftlichen Grundordnung, sich in damalige Gedanken und Entscheidungen hineinzuversetzen fällt schwer. Aber daran krankt wohl jedes Buch mit historischem Inhalt.

, : )

sound_of_cities

habe nur den london-teil gelesen und fand es so semi-spannend.

die beiden autoren haben lange recherchiert für ihr buch und mit allen gesprochen, um ihre these zu untermauern, dass spezifischer sound nur zu einer bestimmten zeit an bestimmten orten (hier: städten). funktioniert. und sie fanden gute belege. ansonsten sehr viel namedropping und ein paar insider-geschichten rund um rock und pop. ganz nett.

: )

12686

Die Zeit des genialen Künstlers im stillen Kämmerlein ist vorüber, es wird zusammen gearbeitet. Ähnlich wie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, kommt es auch in der Kultur nun mehr auf das gemeinsame Wirken an, als auf das Schaffen Einzelner. In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es die Zusammenarbeit, die Kollaboration – weniger verstanden als Zusammenarbeit mit einem Besatzungsregime, eher wie im englischen collaboration.
Das Buch thematisiert sowohl Terkessidis’ Überlegungen zum Thema als auch seine Arbeit (etwa die Heimatlieder oder das Kollektiv kanak attak). Mir war der Teil mit der kollaborativen Performance-Kunst zu abgedreht, aber der Rest des Buchs ist empfehlenswert und inspirierend.

(🔗 goodreads)

: )

endlich wieder ein besserer eco. es geht um eine redaktion, die ein paar ausgaben einer neuen zeitung entwerfen soll, damit der auftraggeber ein politisches druckmittel in der hand hat. eigentlich ist jedoch die rahmenhandlung eher nebensache, im kern es geht es um die frage, wie nachrichten gemacht und verbreitet werden, wer wie aus welchen gründen manipuliert. das ist stark. außerdem wird die geschichte der stay-behind-organisationen nach dem zweiten weltkrieg erzählt, ihre rolle in italien beleuchtet. ein bisschen wie im foucaultsches pendel, nur nicht so umfangreich.

: )

DSC_0069

leider nicht so dolle, wie noch Grand Tour, aber immerhin spannend: eine gruppe unter deutscher führung macht sich in den wirren des ersten weltkriegs in einer geheimexpedition auf, um den emir von afganisthan auf der seite der mittelmächte in den krieg zu ziehen historischer hintergrund: Niedermayer-Hentig-Expedition. es geht einiges schief, es passiert viel menschliches.

: )

die geschichte von ein paar jugendlichen, die kurz vorm abi in eine wg ziehen. ganz ohne eltern und regeln. doch es wird kompliziert, individualismus trifft kollektivismus trifft realität. es wird nicht einfach, auch von den großen themen des lebens werden die bewohner nicht verschont: tod, sexualität, eigentum.

gelungener roman über jene kurze zeit zwischen jugendlich und erwachsen. leider zu kurz.

: )

Bild: Campus Verlag GmbH
Bild: Campus Verlag GmbH

Erfrischende Lektüre. Dueck beschreibt anhand vieler Beispiele wie wir uns alle verrückt machen in unserer schönen neuen Arbeitswelt, wie alles andere darunter leidet und vor allem: Warum und wie es dazu kommen konnte. Gruppendynamische Effekte, mittelmäßiges Management und (falsche) Erziehung führen zu hohen Erwartungen, Druck und letztendlich Versagen bis zum Burnout. Unternehmen haben keine Ziele neben Umsatz und Gewinn und wirtschaften letztendlich nur noch zum Selbstzweck und gehen unter. Darunter leiden alle. Dueck zeigt auch Auswege, es geht vor allem um Planung, Auslastung mit genügend Luft, und noch einigem mehr. Lesen Sie dieses Buch und schenken Sie es Ihrem Chef.

: )

boyle hat mal wieder qualität geliefert. es geht um freiheit, wo fängt sie an, wo hört sie auf. eine handvoll figuren hat er erschaffen, die um ihren ganz persönlichen freiheitsbegriff ringen. der ex-soldat, der auch mal töten darf. sein verstörter sohn, der in seiner eigenen welt lebt und eine frau trifft, die sich jenseits des staatlichen freiheitsbegriffs wähnt. eng versponnen und voller details, deprimierend und verstörend.