Farbe: orange

:

gehen in der wüste

erschienen: • ISBN: • Farbe:

alles klein geschrieben1, aicher schreibt über seine reisen in die wüste. es ist kein zusammenhängender text, aber viele zusammenhängende texte, mal lyrisch, mal praktisch, mal abenteuerlich, mal menschlich. es sind reisen ohne technik, keine handys, kaum autos, wenig gepäck, nur viel wasser und landkarten. reisen mit sich alleine, auch er meist nicht alleine war. dazu viele tolle bilder. sie zeigen meist nur wüste, selten menschen. aber vermitteln einen guten eindruck, dass die wüste immer anders aussieht. jede düne ist in bewegung und dient doch als orientierungspunkt.

es bleibt nicht aus, dass er, fernab jeglicher zivilisation, über zivilisation nachdenkt. und unter der gleißenden mittagssonne zu erkenntnissen kommt, die leider immer noch aktuell sind:

„[über das fotografieren in der wüste:] ja, es ist eine passion. ich muß ja nicht der fiktion unserer jetzigen zivilisation nachlaufen, passion sei sex und man habe sexy zu sein bis ins alter. es gibt andersartige amouren. menschliche kultur ist erfindung von neuen passionen, leben in neuen entwürfen. ein hoher materieller standard rechtfertigt sich zuerst als basis solcher passionen. lebensstandard zu konsumieren, schafft langeweile, unmut bis zur selbstaufgabe.“ (s.101)

„die konserven blieben liegen. das war zum teil in der miserablen qualität begründet. unter dem motto >frisch aus deutschen landen< werden fleischabfälle und fettreste zu wurstbrei verarbeitet. das mag einem maurerpolier als würze zum bierkonsum reichen, bei angegriffenen kräften wird man mindestens so wählerisch wie eine katze oder ein hund." (s.89)

ist es ein reiseführer oder ein essay, eine sammlung oder ein tagebuch? ein bildband? alles das und noch mehr. man kann immer wieder drin blättern, es wird nie langweilig.


  1. meist schreibe ich auch hier im blog alles klein, aus praktischen gründen und weil internet ist. gefreut habe ich mich vor jahren, als ich bei ix einen theoretischen unterbau las. von dort auch die lektüreempfehlung []

:

Das Leben des Vernon Subutex, Teil 2 (Hörbuch)

erschienen: • ISBN: • Farbe:

Nach Teil 1 geht es weiter mit Vernon, inzwischen obdachlos in den Straßen von Buttes-Chaumont (im nordöstlichen 19. Arrondissement von Paris). Es geht weiter mit den Erzählsträngen, die Clique trifft sich nach Jahren wieder, es wird religiös und teilweise eklig.

Und auch im zweiten Teil geht es eigentlich um die französische Gesellschaft und wie sie sich gewandelt hat. Um Migration und Rassismus, um Klassenkampf und Politik. Die Protagonisten haben diverse Meinungen und genügend Platz, diese auszuführen. Das gelingt Virginie Despentes besser als Didier Eribon, der ähnliches vorhatte, aber viel zu verkopft schrieb.

Es gibt noch einen dritten Teil, der hoffentlich besser ist als der zweite hier, dessen Story doch etwas zäh ist.

:

Scharnow (Hörbuch)

erschienen: • ISBN: • Farbe:

die story spielt in einem fiktiven kaff in brandenburg (wie bei Zeh, 2016 und Stanišic, 2014) und ist wie erwartet reichlich absurd. eine vorstadtgang überfällt nackt den örtlichen supermarkt, ein mann fliegt und hat übermenschliche kräfte, die weltenlenker sind schuld am tod eines hundes. es vieles komisch, absurd und tragisch: die tristesse eines vorstadtdorfs, die enttäuschten hoffnungen der bewohner, sie sehnsüchte.

tragen die zahlreichen sprachspielereien, wendungen und einfälle ein ganzes buch? wieviel punk darf literatur sein? es funktioniert, der leser / hörer will wissen wie es weiter geht, schließt die figuren in sein herz und hofft auf eine fortsetzung. ich habe mehrmals den faden verloren, die ereignisse überschlagen sich, es passiert alles zu selben zeit und am ende wird alles ganz anders.

das hörbuch hat bela selbst eingelesen, mit plötzlichen geräuschen mitendrin. es ist was ganz eigenes, ungefähr wie die solo-alben von ihm: es sind keine Die Ärzte, aber man weiß ganz genau, das sie tief in ihm drin stecken.

:

Junger Mann

erschienen: • ISBN: • Farbe:

Ein Heranwachsender lebt bei seiner überfürsorglichen Mutter, besucht das Internat und ab und an seinen Vater, der wegen Trinksucht in der Klinik ist. Er arbeitet in den Energieferien an der Tankstelle und will abnehmen. Das zieht er konsequent durch. Wäre nicht Elsa und der Tscho, wäre das Buch zu Ende. Aber in die Elsa verliebt er sich und vor Ihrem Mann, den Tscho, fürchtet er sich. Der ist Lastwagenfahrer und nimmt den Protagonisten irgendwann mit Richtung Griechenland. Die Story nimmt langsam an Fahrt auf und gegen Ende ist alles ganz anders als erwartet.

In einzigartigem Erzählstil, der schon von den Brenner-Krimis bekannt ist, erzählt Hass die Geschichte. Lakonisch und trocken, die menschlichen Eigenschaften beschreibend und mit viel trockenem Humor, schafft er es, diese eigentlich fade und trockene Geschichte interessant zu erzählen, dass man nicht aufhören will.

Es sind die kleinen Details, wie der sorgsam von der Mutter gepackte Proviant, die österreichischen Wörter, die hin und wieder aufblitzen und die Erinnerung an die eigene Jugend. Denn eigentlich geht es um diese schreckliche Zeit, in der man mit seinem wachsenden Körper nichts anzufangen weiß, in der die Mädels interessant werden, aber man das alles nicht versteht.

:

Auerhaus

erschienen: • ISBN: • Farbe:

die geschichte von ein paar jugendlichen, die kurz vorm abi in eine wg ziehen. ganz ohne eltern und regeln. doch es wird kompliziert, individualismus trifft kollektivismus trifft realität. es wird nicht einfach, auch von den großen themen des lebens werden die bewohner nicht verschont: tod, sexualität, eigentum.

gelungener roman über jene kurze zeit zwischen jugendlich und erwachsen. leider zu kurz.

:

2666

erschienen: • ISBN: • Farbe: ,

789798

Drei Monate lang habe ich dieses Buch gelesen. Über 1100 dünne Seiten, hunderte Charaktere, fünf Teile, die lose miteinander in Verbindung stehen. So ein bisschen Gefühl wie bei Infinite Jest, nur nicht ganz so tief.

Es geht um Literatur. Am Anfang suchen vier europäische Kritiker einen deutschen Schriftsteller namens Benno von Archimboldi. Neben dieser Suche, die sie auch nach Mexiko führt, entwickelt sich eine verworrene Liebesgeschichte. Dann folgt der Teil mit den Frauenmorden in der fiktiven mexikanischen Stadt Santa Teresa, eine reale Frauenmordserie diente als Vorlage. Und am Ende erfahren wir die Lebensgeschichte von Benno von Archimboldi, seiner Familie und seiner Gedanken. Dazwischen immer wieder Ausflüge in die Leben ganz anderer Menschen, in die Literaturgeschichte, man kann gar nicht alles aufzählen.

Also selber lesen und Zeit nehmen dafür. Es lohnt sich, auch wenn die Story etwas fad klingt, die Sprache ist lebendig und es macht Spaß, vor allem in der deutschen Übersetzung von Christian Hansen.