Erscheinungsjahr: 2014

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Saisonarbeit

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die autorin hat vor ein paar jahren mal bei amazon als aushilfe gearbeitet und schreibt darüber sehr reflektiert und nachdenklich. das ist kein text voll oberflächlicher kapitalismuskritik. sehr geschickt werden die rollen verteilt, der leser wird zum aushilfsjobber und die autorin begleitet uns dabei. wir erleben unseren ersten tag, die einführung, lernen die kollegen kennen. und wir arbeiten ein paar wochen in dr großen halle, in der es doch so zieht. wir werden auch krank und müssen zuhause bleiben. es ist gerade vorweihnachtsgeschäft, es gibt viel zu tun. was uns rettet, ist die distanz, denn wir wissen, das ist nicht auf dauer, nur, bis sich das konto wieder etwas erholt hat, und außerdem haben wir ja noch einen richtigen job. nur die neuen kollegen, von der arbeitsagentur geschickt, von weit hergependelt, die haben nicht diese hängematte. die sind hier hauptberuflich.

die zustände sind erwartbar katastrophal: die belegschaft wird schikaniert, überwacht und entmenschlicht. es sind menschen in leitenden positionen, die da nicht hingehören. die arbeit banal und wiederholt sich ohne herausfordernd zu sein, reine akkordarbeit.

die autorin schafft es, ihre gefühle und antipathien uns unterzuschieben und wir als leser fühlen uns ertappt, denn solche jobs haben wir alle schon gehabt und jeweils auf das ende der schicht gehofft, das ende der woche, das lebensende, es soll nur vorbei gehen.

dazwischen immer wieder zitate von autoren, die die arbeitswelt bereits beschrieben haben.

ein kluges, überlegtes buch, trotz dem banalen thema.

Website der Autorin.
Buch auf der Website des Verlags.
Autorenlesung auf youtube.

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Das Mädchen aus dem Norden (Hörbuch)

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solider krimi mit viel handlung und fein verwobenen figuren. auch wenn ich kein großer fan von krimis bin, so rutscht doch ab und an einer durch. es ist leichte kost und je nach autor ist auch substanz vorhanden. im vorligenden fall etwa die wirren polens nach ’89. dazu die windigen finanzgeschäfte der letzten jahre, in denen unterwelt und politik verwoben sind. alte rechnungen werden beglichen, es gibt viel leid und armut und direkt daneben viel protziges geld. es treten auf ein pfarrer mit unklarer vergangenheit, ein clubbesitzer mit einem großen musikhit („Das Mädchen aus dem Norden“) und natürlich eine ermittlerin, deren gebrochener lebenslauf sie nicht davon abhält, geschickt und klug zu kombinieren. natürlich ist es keine weltliteratur, aber ein krimi der anspruchsvolleren art.

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Utopien für Realisten: Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen

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in knalligem rot und provokantem titel schreit das büchlein kauf mich! kauf mich! was will der autor, etwa die kommunistische weltrevolution? oder wenigstens die herrschende klasse von ihrem thron stürzen? nein, nichts dergleichen. er kommt mit argumenten daher, mit studien und wissenschaft. der 1988 geborene autor hat argumente. verwundert reiben wir uns die augen. hier wird nicht losgepoltert und alles neue schlecht gemacht, hier hat einer ideen für morgen, statt das gestern in den himmel zu loben. ähnlich wie paul mason (postkapitalismus, 2015) vertritt bregmann die these, dass der kapitalismus sich heute neu erfindet, erfinden muss und wir die chance haben, das zu gestalten. drei große ziele werden definiert: massive reduzierung der arbeitszeit, einführung eines bedingungslosen grundeinkommens und abschaffung der grenzen. das geld ist da, es ist nur ungleich verteilt. für die thesen werden sowohl historische belege angeführt als auch aktuelle studien zur machbarkeit. trotzdem ist es sehr flüssig und eingängig lesbar. wir sollten uns nicht der lethargie hingeben, sondern handeln.

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Das Auge von Hongkong: Die sechs Fälle des Inspector Kwan

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Ein Krimi aus Hongkong, dieser brodelnden Stadt zwischen West und Ost, zwischen Großbritannien und China, wo die Gegensätze Normalität sind. In sechs Kapiteln und somit sechs Fällen wird das berufliche Wirken des Inspektors Kwan erzählt. Vor und nach der Rückgabe an China 1997. Es geht um Mord und Mafia, Freundschaft und Intrigen, korrupte Polizisten. Dazwischen immer wieder die Millionenstadt, die Veränderungen innerhalb von 20 Jahren und deren Auswirkung auf Gesellschaft, Kriminalität und Polizeiapparat. Trotz allem Beiwerk bleibt es ein solider Krimi.

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Der Architekt des Sultans

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Ein Roman um Sinan, der im 16 Jhd. zahlreiche Gebäude im osmanischen Reich schuf und bis heute als einer bedeutendsten Architekten gilt. Die historisch belegten Figuren, wie Sultane und Wesire, tauchen alle auf, die Jahreszahlen und Fakten werden jedoch aus erzähltaktischer Sicht etwas angepasst, so die Autorin im Nachwort.

Auf über 600 Seiten entspannt sich ein bemerkenswertes Panorama des gesellschaftlichen, kulturellen und vor allem politischen Lebens in Istanbul vor 500 Jahren. Den Mittelpunkt des Romans bildet der Mahut Jahan, der sich um den weißen Elefanten Chota in der Menagerie des Palastes kümmert. Noch als Jugendlicher wird er Lehrling bei Sinan (daher der englische Originaltitel „The architect’s apprentice“).

Es werden Moscheen gebaut, Intrigen gesponnen, Hinterhalte und Morde passieren. Liebe bleibt unerwidert, dazwischen Freundschaft und Vertrauen. Ziemlich viel wird erzählt, nicht ganz chronologisch, mal zeitlich stark gerafft, mal detailliert. Den Erzählstil muss man mögen, mein Fall ist es nicht, Nebenhandlungen lösen sich einfach auf, sind unlogisch oder verheddern sich. Trotzdem war es eine schöne Lektüre, weil es einen guten Eindruck vom damaligen Leben in und um Istanbul damals vermittelt. Man möchte sofort aufbrechen und sich die Stadt ansehen, in ihr leben und den Geist dieser Epoche atmen.

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Drach

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Nach Morphin (2012) und Der Boxer (2017) nun das dritte Buch von Twardoch. Es spielen in jedem seiner Büchern Männer die Hauptrolle, gebrochene Helden mit übler Vergangenheit. Frauen gibts nur am Rande und dann meist als unglückliche Ehefrauen, Prostituierte oder gewiefte Strippenzieherinnen oder alles zusammen. Das mag nicht jeder, daher stehts ganz vorn.

Drach ist – wenn ich es richtig verstanden habe – die Erde, alles Leben und Vergehen und Vergangenheit und Zukunft. Woanders heißt das Gott, hier ists der Erzähler. Es wird viel gestorben und geboren, und dazwischen ist die Erde, eben Drach.

Erzählt werden die Geschichten der Einwohner eines Dorfes in Oberschlesien nahe Katowice, nahe der längst nicht mehr existierenden Grenze zwischen Polen und Deutschland. Mehrere Generationen tauchen auf und vergehen. Den Anfang macht die Generation der Männer im Ersten Weltkrieg und für den Leser wirds anstrengend wie bei Remarque. Dann wird die Nachkriegszeit erzählt, in Polen dauerten die Kämpfe wesentlich länger und es gab blutige Aufstände. Alles danach resultierte aus dieser Zeit. Bis hin zu Nikodem, dem verwöhnten Architekten in der heutigen Zeit.

Es gibt keine Chronologie in der Erzählung, alles passiert gleichzeitig. Das sind die Buddenbrooks auf Speed, mit mehr Abgründen und tragischen Familiendramen. Lakonisch fast die Einschläge des Zweiten Weltkriegs inklusive Verfolgung und KZ.

Es sind typische Biographien für das 20. Jahrhundert, in ihrem Detailgrad aber besonders. Der Leser kann nicht sympathisieren, es gibt keine Helden, es gibt nur Verlierer.

Gesprochen wird schlesisch. Für den deutschen Leser wurde vom Übersetzer Olaf Kühl das Niederschlesische gewählt. Seltsam vertraut und doch fremd. Und man ahnt, dass es abseits vom Nationalstaat noch mehr Identitäten gibt, wir sollten nur genauer hinschauen.

Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie jüngere polnische Geschichte verstehen wollen oder gut erzählte verschachtelte Storys mögen. Wenn Sie Europa im Kleinen begreifen wollen. Denn auch wenn es spezifisch in einer Region spielt, hat es sich doch millionenfach überall ähnlich auf diesem Kontinent in den letzten hundert Jahren so abgespielt.

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Habsburg: Bibliothek einer verlorenen Welt

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Betrachtungen über das untergegangene Kakanien1 und seine Nachfolgestaaten (Österreich, Polen, Tschechien, Ungarn, Ex-Jugoslawien, usw.), in denen wie selbstverständlich an jeder Ecke historisches zu entdecken ist.

Das Buch ist eine lose Zusammenstellung kultureller Beobachtungen, Reiseführer, Anekdoten, Literaturempfehlungen und Rezepte. Geklammert von einer Geschichte über einen Bibliothekar.

Die Geschichten so fremd wie vertraut, so fern und so nah, erzählen auch von Europa, von uns. Und dass die großen politischen Entscheidungen wenig oder alles im Leben der Menschen verändern.


  1. inoffizielle Bezeichnung für die Österreichisch-Ungarische Monarchie 1867-1918 []