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Nach Das Schlangenmaul mein zweites Buch von Fauser, diesmal gehts um einen abgeranzten Vertreter, der plötzlich eine Menge Kokain hat und es versucht zu verkaufen. Das führt ihn in üble Gegenden von München nach Frankfurt bis Holland. Natürlich fühlt er sich verfolgt und verraten, wird es auch, aber anders als gedacht. Auf niemanden kann er sich verlassen, lässt sich aber trotzdem mit den Falschen ein. Die Story ist linear und man kommt aus dem Kopfschütteln über den Protagonisten Blum nicht heraus. Interessanter sind aber die Dialoge und pessimistischen Weltanschauungen. Es gibt nicht viel Hoffnung in der BRD der achtziger Jahre. Alles ist Sumpf und kaputt, jeder will dich übers Ohr hauen. Die lakonische Erzählweise Fausers kann einen den Tag versauen. Dabei bewegt er sich erzählerisch zwischen Hunter S. Thompson und Don Winslow. Und auch spannend, wie sich die Sprache und auch die Gesellschaft nach mittlerweile fast vierzig Jahren geändert hat. Wie Fauser über Migranten und Ausländer schreibt, würde heutzutage sofort Shitstorms erzeugen, man muss es also als historisches Dokument lesen bzw. hören.

Statement in Pankow, Mai 2019

vor ein paar jahren verkündete ich noch stolz, meine nachrichten ausschließlich von postillion, titanic und fefe zu beziehen, heute ist mir das peinlich. ich war so ironisch und satt. damals war die afd eine spaßpartei mit euro abschaffen, heute sind sie eine nazipartei mit menschheit abschaffen. wir haben die layer verdoppelt und jetzt verstehen wir uns selbst nicht mehr.

„Wir meinten alles ironisch
auch die Ironie“
– Rainald Grebe

ironie, und sein kleiner böser bruder, der sarkasmus sind auch selbstschutz. um sich zu distanzieren, abzuheben. vom wahnsinn der alltäglichkeiten, und vom wahnsinn der nachrichten.

inzwischen geht mir das nur noch auf den geist, ich bin so müde und, es langweilt, es nervt, es ist nicht produktiv. weil es außerhalb der ironischen blase niemand versteht, weil es den ironiefreien spaßvögeln von rechts gefällt. hier, sowas meine ich.

„Warum kommt meine Ironie nie durch
Wenn ich „ja“ sag‘ mein‘ ich „nein“
Warum kommt meine Ironie nie durch
So schwer kann das nicht sein“
– Marc-Uwe Kling

ab und an lese ich noch gedruckte zeitungen, doch da finden sich die auch nur noch die debatten aufgewärmt, die twitter schon durch hatte. weil die journalisten auf twitter rumhängen und keiner mehr selber denkt. dafür ist keine zeit mehr, man könnte den nächsten aufreger verpassen.

Die Frage ist nur, warum es wenige Menschen geben soll, denen BMW exklusiv gehört und die das weitgehend alleinige Recht haben, über Gewinne zu verfügen.

Wir könnten uns dafür entscheiden, unseren Wohlstand nicht auf die Produktion von Waffen aufzubauen, sondern unsere Produktivkraft einzusetzen für Dinge, die uns nutzen, Wohnungen zu bauen oder Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.

Hier das Interview der ZEIT mit Kevin Kühnert (ohne Paywall). Das Interview, das seit Mittwoch jeden triggert. Auf dem Scheiterhaufen wollen sie ihn sehen, mindestens aus der SPD ausschließen. DDR! schreien sie und SOzAiLisMUS!!! Sie wollen, dass alles so bleibt und niemand über den Tellerrand guckt. Also ist jeder ein Ketzer, weil es ans Eingemachte geht. Gut so! Die Reaktionen sagen eigentlich mehr über die Schreihälse als über Kühnert. Von ihm kann man sich nur mehr Radikalität wünschen und dass er demnächst Kanzler wird.

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ist es creepy, wenn jemand nach dem onenightstand das zimmer umräumt und bilder macht von der wohnung und der neuen (un)ordnung? ja, aber es ist auch spannend, den anderen kennen zu lernen, ohne sich mit ihm\ihr abgeben zu müssen. was treibt die Protagonistin an? wir erfahren es nicht, staunen aber ob ihres erfindungsreichtums, umzugestalten. sie kauft sich extra eine kamera und hängt die bilder zuhause auf. spannender jedoch als die technische umsetzung ist die ausdauer, mit der sehr in fremdes eindringt, analysiert und dekonstruiert. und ständig die vorstellung, was der besitzer der wohnung davon halten soll, wenn er nach hause kommt, die feinen arrangements vorfindet und sich am kopf kratzt, eine geste der ungläubigkeit und irritation, die einzige die hier passt. es fehlt ja nichts, evtl. sind ein paar dinge kaputt gegangen.

eine kurzgeschichte, ein kleiner schatz in zeiten von dicken hardcovern, in denen viel geschwafelt wird und viel passiert, aber keine geschichten erzählt werden.

gekauft, gelesen und bewertet bei mojoreads.

throwback in april 2016: in einem hof eines berliner bürogebäudes in mitte passieren merkwürdige dinge. das architektonisch höchst bedenkliche gesamtkonzept aus oval, trapez und dreieck wird gestört durch zwei rechteckige löcher. absperrband verhindert unfälle.

eine frau entfernt sich zügig von der szenerie. ist sie soeben dem loch entstiegen? hat sie sich von der korrekten ausführung des bauvorhaben überzeugt? hat sie gar ihren kollegen in die grube gestoßen?

links oben im bild eine weitere grube, nah am haus. vielleicht auch einbrecher, die sich in büroräume graben wollten? oder in eine bank, aber sie haben die pläne falschrum gehalten und sind hier im hof rausgekommen?

alles sehr mysteriös und wir werden nie die wahrheit erfahren.

in templin haben sie kurz vorm mauerfall ein wellnesshotel für stasimitarbeiter gebaut, sind aber nicht fertig geworden. die gebäude wuchern seit zwei jahrzehnten zu und die natur schafft eine ganz angenehm düstere szenerie. in etwa so stelle ich mir tschernobyl vor.

auf youtube gibts auch einige videos zu diesem lost place, z.B.:

Media Team Uckermark: Das Stasihotel Buchheide in Templin
Geox World: Lost Place DDR Hotel Buchheide

leider hatte ich das falsche objektiv dabei, aber ein bisschen eindruck ist immer:

vorher im blog: #templogs (12/2016)

Das Bloggen gleicht inzwischen dem Schreiben auf einer alten Triumph Adler. Hemmungslose Lektorats- und Redaktionsfreiheit. Deadlinefreiheit. Leserfreiheit. Kein anderes Medium derart in der Lage, das Durcheinander, die Skizze, die Beobachtung und den Gedanken, die haltlose Assoziation und den hinfälligen Zusammenhang in ähnlicher Diskretion, ähnlicher Verantwortungslosigkeit, ähnlicher Willkür aneinanderzureihen.

goncourt.net: On Blogging

In Prag am Wenzelsplatz gibt es einige Passagen oder Arkaden. Das sind jedoch keine eigenständigen Gebäude, sondern in die bestehenden Häuser integrierte Durchgänge mit Läden und Restaurants. Man spaziert in einem Labyrinth und entdeckt immer wieder Neues. Die bekannteste ist wohl die Passage im Lucerna (erbaut 1907-20). Da hängt auch eine ungewöhnliche Skulptur von David Černý:

Wenn ich das richtig sehe, gibts solche Passagen auch in Wien. In Episode #153 des Zeitsprung-Podcasts spricht Thomas Harbich darüber und nennt sie Durchhäuser.

Unter #praglogs mehr aus Prag

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Der Originaltitel Why the West Rules — For Now: The Patterns of History, and What They Reveal About the Future – nicht ganz so reißerisch wie der deutsche Titel. Über 600 klein bedruckte Seiten, einige Karten und Diagramme und die Übersetzung machen das Buch zu einem gut lesbaren Sachbuch.
Das etwas zu gewollte Gedankenexperiment am Anfang kann übersprungen werden. Die zentrale Thesen lauten: Der Antrieb zivilisatorischer Entwicklung basiert auf den menschlichen Gefühlen Faulheit, Angst und Habgier. Hinzu kommen klimatische, geographische und biologische Gegebenheiten (siehe dazu MARSHALL, 2015). Die Entwicklung folgt dann den immer gleichen Mustern: Ein Kerngebiet entwickelt sich und expandiert dann aus verschiedenen Gründen nach außen, nicht gleichmäßig, nicht kontinuierlich, sondern immer dann, wenn Menschen aus Angst fliehen oder woanders bessere Perspektiven sehen. Dann wird das Gebiet immer größer und andere Vöker/Nationen versuchen wiederum in die Gebiete einzudringen. Manchmal bis zum Kerngebiet, sodass die jeweilige Zivilisation aufhört zu existieren oder sich neu erfindet.
Der Autor dekliniert diese Thesen von den frühen Zivilisationen durch, wobei er einen Index der gesellschaftlichen Entwicklung einführt. Den Versuch, den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft in Zahlen zu fassen. Die Dimensionen sind Energieausbeute, Gesellschaftliche Organisation, Kriegführung, Informationstechniken. Anhand historischer Funde, Fakten und Quellen ergeben sich Graphen für verschiedene Regionen und Epochen, die helfen, die Entwicklung nachvollziehbar zu machen:

Abbildung 12.1 aus MORRIS, Ian: Wer regiert die Welt. Campus Verlag, Frankfurt, 2011, S. 559

Aufräumen will der Autor mit der These, dass der Westen schon immer geführt hat, vielmehr war der Osten (vor allem China) durchaus mal weiter und wird auch wieder führend werden in naher Zukunft. Geschichte ist nicht vorherbestimmt und die Sicherheit von heute kann morgen schon nicht mehr da sein. Mächtige Reiche sind untergegangen oder wurden durch äußere oder innere Umstände verändert, nichts ist vorhersehbar.

Dabei sind es vor allem die vielen Details und kleinen Ereignisse, die den Lauf der Dinge bestimmen, und die das Buch so kostbar machen. Morris versteht es auf anschauliche Weise, eine kompakte Geschichte der Zivilisationen zu erzählen, ohne oberflächlich zu werden.

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Der englische Titel Prisoners of Geography ist auch nicht viel sachlicher als der deutsche. Leider erfüllt das Buch die Erwartungen des Lesers nicht. In zehn Kapiteln geht der Autor auf verschiedene Regionen der Welt ein und fasst in verständlicher Art die früheren und aktuellen Konflikte der jeweiligen Politik zusammen. Dass diese auch von der Geographie beherrscht wurden und auch immer noch werden, dürfte klar sein.
Viel Raum beispielsweise nimmt die These von der nordeuropäischen Tiefebene ein (siehe auch wikipedia: European Plain), jenem Keil flachen Lands zwischen Berlin und Moskau, vor dem sämtliche russischen Führer Angst hatten und haben und ihre europäische Politik ausrichteten und ausrichten. Es erklären sich wie von Zauberhand die Politik Stalins in Osteuropa und Puntins Ukraine-Politik der vergangenen Jahre. Dass es nicht nur an der Geographie lag, ist dem Autor auch klar und so muss er den ganzen Rest auch noch erklären.
Für andere Regionen gilt dasselbe: Kein richtiger Krieg je zwischen China und Indien? Liegt am Himalaya. Die Grenze zwischen USA und Mexiko? Wegen Wüste sowieso schwierig. Warum Japan nur mit Atomwaffen bezwungen werden konnte? Lag am Insel-Status. So geht das munter weiter, dazwischen immer wieder neues und interessantes.
Die große Theorie von der Allmacht der Berge und Flüsse und Täler und Wüsten kann das Buch nicht aufrechterhalten. Spätestens beim Afrika-Kapitel waren es eher die Willkür der Grenzziehungen und Unterdrückung und Ausbeutung durch die Kolonialmächte, weniger die geographischen Verhältnisse.
Interessant ist die Rolle Chinas in der Welt, die sich weniger durch militärische Stärke als durch kapitalistischen Imperialismus in der Welt einkaufen, vor allem in Afrika und Nahem Osten. Dabei legen sie weniger Bedenken gegen Diktatur und Missachtung von Menschenrechten an den Tag als noch die USA, die neben Coca Cola auch Demokratie bringen wollten. Oder andersherum: China bringt nur Geld und mischt sich weniger in lokale Politik ein. Ohne das zu bewerten, ist es doch ein erstaunlicher Trend. Aber auch hier ist das Buch weit weg von seinem eigentlichen Anspruch.
Ich hätte mir wirklich mehr Details gewünscht, geschichtliche Ereignisse, in denen die Geographie der entscheidende Faktor war, die Wende brachte. Und dafür dann weniger allgemeine Erklärungen. Aber die brauchts natürlich, um verständlich zu bleiben.
Die Karten sind lieblos blau in blau, schlecht lesbar und viel zu oberflächlich, so dass man auf sie auch verzichten hätte können.

Wir besuchen die Stadt an der Weichsel, Kultur und Städtetourismus. Für ein paar Tage in einem Hostel, angereist mit dem Bus. Ein Stadt voll Geschichte, jüdischer Erinnerungskultur, vor allem aber polnischer Identität. Hier liegen die Herrscher begraben, hier schlägt eines der vielen Herzen Europas. Jeder Stein ist Geschichte. Und zwischen Erinnern und Gedenken, das einem die Kehle zuschnürt – das KZ Auschwitz-Birkenau ist nicht weit – ist eine moderne Stadt entstanden, mit allem Pipapo des Kapitalismus, sodass es schwer wird noch Authentizität zu finden. Überall Wodkashots und Zapiekanka (lecker!), Touristen und nochmals Touristen. Städtebauliche Verbrechen neben Highlights der Architektur aus mehreren Epochen.