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Wie Teil 1 bereits eine anstrengende Reise durch die Gefühlswelt des Autors. Dieser Blick nach innen ist keine schöne Literatur und streckenweise ätzend. Es geht um Trennung und neue Liebe, Zusammenleben und vertrocknende Leidenschaft. Das ist kein wildes Rock’n’Roll-Leben, hier wird Alltag beschrieben. Das aber macht das Buchprojekt so faszinierend. Es gibt keine spektakulären Morde, keine Helden, keine Erfolgsstorys. Es gibt einen Autor, Vater, Ehemann, der mit sich ringt und dieses Ringen niedergeschrieben hat. Schonungslos. Man braucht ein bisschen Zeit, die über 800 Seiten lesen sich nicht an einem Stück.

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Ein Krimi aus Hongkong, dieser brodelnden Stadt zwischen West und Ost, zwischen Großbritannien und China, wo die Gegensätze Normalität sind. In sechs Kapiteln und somit sechs Fällen wird das berufliche Wirken des Inspektors Kwan erzählt. Vor und nach der Rückgabe an China 1997. Es geht um Mord und Mafia, Freundschaft und Intrigen, korrupte Polizisten. Dazwischen immer wieder die Millionenstadt, die Veränderungen innerhalb von 20 Jahren und deren Auswirkung auf Gesellschaft, Kriminalität und Polizeiapparat. Trotz allem Beiwerk bleibt es ein solider Krimi.

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Ein Roman um Sinan, der im 16 Jhd. zahlreiche Gebäude im osmanischen Reich schuf und bis heute als einer bedeutendsten Architekten gilt. Die historisch belegten Figuren, wie Sultane und Wesire, tauchen alle auf, die Jahreszahlen und Fakten werden jedoch aus erzähltaktischer Sicht etwas angepasst, so die Autorin im Nachwort.

Auf über 600 Seiten entspannt sich ein bemerkenswertes Panorama des gesellschaftlichen, kulturellen und vor allem politischen Lebens in Istanbul vor 500 Jahren. Den Mittelpunkt des Romans bildet der Mahut Jahan, der sich um den weißen Elefanten Chota in der Menagerie des Palastes kümmert. Noch als Jugendlicher wird er Lehrling bei Sinan (daher der englische Originaltitel “The architect’s apprentice”).

Es werden Moscheen gebaut, Intrigen gesponnen, Hinterhalte und Morde passieren. Liebe bleibt unerwidert, dazwischen Freundschaft und Vertrauen. Ziemlich viel wird erzählt, nicht ganz chronologisch, mal zeitlich stark gerafft, mal detailliert. Den Erzählstil muss man mögen, mein Fall ist es nicht, Nebenhandlungen lösen sich einfach auf, sind unlogisch oder verheddern sich. Trotzdem war es eine schöne Lektüre, weil es einen guten Eindruck vom damaligen Leben in und um Istanbul damals vermittelt. Man möchte sofort aufbrechen und sich die Stadt ansehen, in ihr leben und den Geist dieser Epoche atmen.

Taubenwagen in Bielefeld, Februar 2019

Das kannte ich bisher nicht. Um die Taubenpopulationen in Städten in den Griff zu kriegen, stellt man neuerdings den Taubenschlag selbst auf. Hier mehr zu dem Projekt. Es wird nicht mehr vergrämt und den Kreisler hören wir nur noch sentimental.

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Über 100 Tage ist Christophe André Gefangener in Tschetschenien. Seine (wahre) Geschichte wird hier als Comic erzählt. Tatsächlich passiert nicht viel, es ist nur unglaublich bedrückend. Tag um Tag vergeht, mit Handschellen gefesselt am Heizkörper. Ab und zu gibts Essen oder einen Toilettengang. Schön gezeichnet, bedrückend zu lesen.

Hinweis: Folgenden Text schrob ich letztes Jahr im Zug, nur vergammelte er im Entwürfe-Ordner, jetzt ist er reif.


der autor fährt in letzter zeit wieder häufiger bahn durch deutschland, dabei ist die bahn immer pünktlich, oder hat vielleicht 10 minuten verspätung. die anschlusszüge warten, sodass verbindungen zusammen passen. zugegeben, das ist der ICE-verkehr der deutschen bahn zwischen den städten, das funktioniert. im regionalverkehr sieht das anders aus, das kann sich der autor vorstellen, kennt er ja von den sommerlichen wochenenden, wenn berlin zur ostsee oder ins brandenburgische strömt.

seit januar gibt es 200mb wlan für die zweitklässler. die erste klasse hat eventuell goldene patchkabel, das weiß man nicht. funktioniert auch, nur in argen ödnissen hat das wlan aussetzer oder wenn viele im vollbesetzten zug videos streamen.

worauf der autor hinaus will:
die deutsche bahn ist besser als ihr ruf. klar sind ausfälle und verspätungen immer scheiße und ärgerlich, es ist aber auch ein verflucht komplexes system – da wirste ganze schwindelig im kopp, wenn du drüber nachdenkst, so einen fahrplan erstellen zu müssen. vermutlich wurde auch aufgrund liberalisierung und geplantem börsengang substanziell gekürzt, was wir nun zu spüren bekommen.

aber vielleicht einigen wir uns darauf, dass das unternehmen seiner eigentlichen aufgabe nachkommt im großen und ganzen?

worauf der autor eigentlich hinaus wollte: mit kritik ist man schneller zu hand als mit lob, die kritik fandet große verbreitung dank sozialer netzwerke. das lob dagegen bleibt unausgesprochen, existiert lediglich durch das ausbleiben der kritik. man mag nicht in der haut der zugbegleiter stecken, wenn etwas ausfällt und die leute anfangen, im speisewagen barrikaden zu bauen.

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Kann man Frankreich verstehen? Immer wenn man glaubt, die französische Seele erkundet zu haben, passiert wieder etwas unerwartetes. Dieser Tage sind es die Gelbwesten, die allwöchentlich Furore machen und mediale Aufmerksamkeit bekommen. Seit ein paar Jahren die Mouvance identitaire (dt.: IB). Und immer wieder soziale Proteste (siehe dazu). Mir dünkt, die französische Gesellschaft ist radikaler und fortschrittlicher und auch weiter in der Debatte um soziale Fragen als die verschnarchten Deutschen. Auch wenn die Antworten der Franzosen manchmal erschrecken.

Das passende Buch zur Debatte lieferte Virginie Despentes bereits 2015. Es ist ein verstörendes Buch und leider viel zu schnell zu Ende. Der ehemalige Plattenverkäufer verliert die Wohnung, zieht von Freund zu Freund, hat Höhen und Tiefen, rutscht dann in die Obdachlosigkeit. Die Wirklichkeit hat natürlich nichts zu tun mit der romantischen Vorstellung vom Pariser Clochard.
Neben diesem Hauptstrang gibt es einige Nebenstories, teilweise wird aus der Sicht der Freunde erzählt. Da sie sich bereits in ihren Vierzigern und Fünfzigern befinden, geht es oft um früher, also die Neunziger Jahre. Einer aus der Clique hatte Erfolg und Kohle, ist aber inzwischen tot.
Dazwischen immer wieder popkulturelle Referenzen und Namen, die dem deutschen Leser nicht unbedingt alle was sagen. Egal. Oberflächlich fühlt es sich an wie eine Mischung zwischen Philippe Djian und Bret Easton Ellis. Es gibt viele Drogen und Highs und Abstürze.
Dazwischen immer wieder die politischen Ansichten der Protagonisten, ihre Biographien, ihre Ansichten. Kurz: Alle Leben sind verkorkst, es gibt weder Hoffnung noch Liebe, nur Sucht oder Resignation. Nur Radikalität und Verbitterung. Die Flüchtlingsdebatte wird ähnlich geführt, man fürchtet Überfremdung.
Auch wenn es ätzend ist und anstrengend zu lesen, bin ich doch auf Teil 2 und 3 gespannt.


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Mal wieder im Kino, mal wieder ein deutscher Film. Mit Eidinger und Mädel in den Hauptrollen und anderen bekannten Schauspielern. Ein Roadmovie auf Mofas. Von der schwäbischen Provinz an die Ostsee. Die Brüder, mittlerweile in ihren Vierzigern, finden zu sich selbst und zueinander. Zwischen derben Humor und Sentimentalem, vorhersehbarem Plot, Provinzbashing sind ganz viele Details, die den Film so knuffig machen. Allzu viel tiefe Gesellschaftskritik sollte man nicht erwarten, er plätschert so vor sich hin und man hat seinen Spaß. Dabei bleibt das Niveau wesentlich über der typischen deutschen Klamauk-Komödie.

Falls du einen Bibliotheksausweis der Berliner Büchereien (voebb) hast:

Sie haben das Interfilm Kurzfilmfestival verpasst? Eine kuratierte Auswahl gibt es jetzt bei uns zu sehen – melden Sie sich einfach auf voebb.ava.watch mit Ihrem Bibliotheksausweis an. Dazu gibt es Independent- und Arthouse-Filme aus der renommierten Kollektion von good!movies.

Super ist bspw. Gamer Girl (2016) von Irena Jukić Pranjić