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Das Wetter vor 15 Jahren

das buch besteht nur aus einem interview, was eine nicht näher vorgestellte frau einer literaturbeilage mit dem fiktiven autor führt. über ein buch, dessen inhalt, entstehungsgeschichte und erzählerische intentionen sich dem leser nach und nach erschließt. viel meta-ebene auf 200 seiten, das gefällt nicht jedem, polarisierende rezensionen zeigen es. über literatur zu lesen, ist etwas anderes als lesen, ich habe mich mehrmals dabei erwischt, das besprochene buch lesen zu wollen. da spielt einem der kopf einen streich. haupttragend ist natürlich die story, die von hinten aufgerollt wird, aber immer wieder überraschende wendungen nimmt an stellen, an denen man eigentlich glaubte, längst vorbei gegangen zu sein. aber das kenne wir ja schon von den brenner-romanen. interessant auch die sprachlichen überlegungen und und biographischen anmerkungen. das buch sollte man gelesen haben, weil es erzählerisch so toll ist.

wie ein möbelmarkt versucht, sozialistische baupolitik zu vereinnahmen

neulich in einem möbelhaus in lichtenberg:

neben der unverschämtheit des penetranten Duzens, stört vor allem die lockerfröhliche ironiefreiheit, als wären wir alle degenerierte volldeppen, die nichts anderes tun, als ihre formschöne platte mit funktionsgerechtem vollzumöbeln. aber ich schweife ab. die 1926 errichtete siedlung ist die Splanemann-Siedlung in Friedrichsfelde (Bild). und hier eine schöne übersicht über die im text erwähnten plattenbau-typen. persönlich habe ich noch nie in einem solchen haus gewohnt, kann es mir auch nicht vorstellen, ist aber wahrscheinlich gar nicht so schlimm wie man sich das allgemein vorstellt.

Zy·nis·mus

“Nach Angaben der Ermittler habe der Tatverdächtige 15.000 Verkaufsoptionen (Put-Optionen) auf die Aktie von Borussia Dortmund gekauft. Er wollte nach Erkenntnissen der Ermittler durch den Anschlag einen Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen und mit den Verkaufsoptionen, die bei sinkenden Aktienkursen stark ansteigen, ein Vermögen verdienen.[1] Die Optionen soll W. über einen Verbraucherkredit finanziert haben.” (wikipedia)

und:

“Bei einem massiven Verfall der Aktie hätte der Gewinn ein Vielfaches des Einsatzes betragen. Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn in Folge des Anschlags Spieler schwer verletzt oder gar getötet worden wären.” (RT)

der kapitalismus überholt sich selbst. der tüp tat im kleinen, was im großen tagtäglich passiert. nun sollte ich einen sprengstoffanschlag mit billigender inkaufnahme von toten und verletzten nicht gleichsetzen mit übernahmen, hedgefonds, Paul Singer und automatisiertem handel, um nur ein paar stichworte zu nennen. aber die motivation des tatverdächtigen folgt der maxime der kapitalistischen profitmaximierung. also alles richtig gemacht?

tut mir leid, ich kann beim schreiben dieser zeilen nur noch zynisch sein und vermisse empathie. wahrscheinlich wird kein großer diskurs folgen in den nächsten tagen über die rolle des kapitals in unserere gesellschaft, obwohl wir den dringend bräuchten.

ps: wozu können eigentlich aktien eines fußballvereins gehandelt werden, was hat das für einen gesellschaftlichen mehrwert?

pss: konnte er gewinne realisieren?

[UPDATE:] “Die Hoffnung des mutmaßlichen Attentäters auf einen drastischen Kursverfall der BVB-Aktie erfüllte sich nicht. Das Wertpapier stieg am 12. April, dem Tag nach dem Anschlag, von 5,61 Euro auf 5,71 Euro. Bis zu diesem Donnerstag bröckelte der Kurs lediglich auf 5,36 Euro ab.” (tsp)

alles wie immer anders #1

Schlecht gelaunt löffelte und kaute Frau Brettschneider an ihrem Müsli, starrte dabei auf ihren Bildschirm, legte den Löffel in die Schale und schob ihre Maus herum, klickte hier und da, löffelte wieder, kaute. Es war ein verregnter Tag im frühen November, den ganzen Vormittag schon hatte sie schlechte Laune. Das Müsli war zu bitter, der Joghurt nicht mehr ganz frisch und die verschrumpelten Apfelstückchen machten alles nur noch schlimmer. Wieder Mausbewegungen, Klicken. Ihr gegenüber saß Herr Müller, wie jeden Tag ärgerte er sich über ihre Essgeräusche. Er hasste das, konnte sich nicht konzentrieren, ihr schmatzendes Kauen machte ihn aggresiv. Er starrte auf seine Tabellen, es verschwamm alles vor seinen Augen, an Arbeiten war gerade nicht zu denken. In diesen Situationen malte er sich aus, wie er über den Schreibtisch springt und sie in einem Anflug roher Gewalt zum Schweigen bringt. Es würde ganz schnell gehen, vielleicht mit der Schere, die auf seinem Schreibtisch liegt. Eine einzige Bewegung und ratsch. Dann Schreie, Blut, hereinstürzende Kollegen, das ganze Programm. Aber vielleicht hätte er dann seine Ruhe. Unmerklich schüttelte er sich, verwarf den Gedanken und versuchte sich erneut zu konzentrieren. Schmatzen, Klicken. Löffel trifft Schale. Seufzen, Ausatmen. Frau Brettschneider schob sich mit ihrem rollenden Bürostuhl geräuschvoll vom Schreibtisch weg, stand auf und brachte die Schale mitsamt Löffel in die Küche. Kurze Ruhe, Ausatmen. In der Küche stand Meyer beim Kaffeeautomaten, wartete auf seinen Nachschub an Koffein, man grüßte sich. Er hatte wieder diesen Blick und neue Widrigkeiten aus seinen Projekten mitzuteilen, sie ahnte es, es war immer das Gleiche. Er hob an, wollte sie in ein Gespräch verwickeln, ihr vielleicht neue Aufgaben zuschieben, die er eigentlich schon letzte Woche hätte gelöst haben sollen. Sie hatte einen guten Draht zum Chef. Das nutzte er regelmäßig aus. Stumm lud sie ihre Schale in den Spüler, vermied Blickkontakt und glaubte sich bereits aus der Küche, als er anhob und vorschlug, das neue Projekt Herrn Müller verantworten zu lassen. Nun konnte sie nicht anders, hielt in ihren Bewegungen inne und sah ihn fragend an. Alle waren davon ausgegangen, das neue Projekt würde er, Meyer, sich an Land ziehen und dann die Aufgaben verteilen. Aber die Verantwortung abzugeben, das passte nun gar nicht zu Meyer. Frau Brettschneider fielen nun vor Schreck auch keine Gegenargumente ein, so verwirrt war sie, stimmte zu, das dem Chef vorzuschlagen und kehrte grübelnd zu ihrem Platz zurück.

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Mordor kommt und frisst uns auf

Nach Hinter der Blechwand (2009) von Stasiuk ein ähnliches, und doch ganz anderes Buch. Hier reist ein polnischer Backpacker durch die Ukraine und erlebt mit verschiedenen Mitreisenden wilde Geschichten, die zu Gonzos destiliert, stark an Hunter S. Thompson und Jack Kerouac erinnern. Hinter den Sauf- und Absturzgeschichten verbirgt sich die Analyse der polnischen Geschichte, der Frage nach der Identität und Herkunft. Wieviel Polen, wieviel Europa steckt in der Ukraine? Die Geschichten triefen nur so von Alkohol, Potenzkräuterschnaps und kaputten Menschen und Städten. Aber sie erzählen auch von einer gespaltenen Beziehung beider Länder, die sich auseinander gelebt haben, wie ein altes Ehepaar und doch ähnlicher sind, als sie zugeben wollen.

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Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex (Hörbuch)

endlich wieder ein guter evers, mit vielen querverweisen zwischen den storys. das ist ja überhaupt das gute an den büchern: obwohl abgeschlossene geschichten, gibt es immer wieder überraschende momente, änderungen der perspektive, der erzählweise. verzerrte wahrnehmung und darstellung des alltäglichen ist evers große stärke. mit dem vorliegenden band ist es ihm wieder gelungen, unbedingt das hörbuch hören.

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Die weiteren Aussichten (Hörbuch)

eine geschichte voller naivität. der sohn der tankstellenpächterin brennt mit der putzfrau aus dem schwimmbad und dem goldfisch durch. tragikomisch nennt man es wohl. die erzählweise und auch der sprecher erinnern an wolf haas. doch wesentlich interessanter ist die isolation der geschichte auf den sohn, sämtliche interaktion mit der außenwelt findet nur gedämpft wie in watte gehüllt statt und auch nur in eine richtung. eventuell, ich bin mir nicht sicher, geht es um autistische symptome, also ein mangel an empathie, störung der persönlichkeit, o.ä. auf jeden fall hörenswert, wenn auch nicht so tiefgängig wie seethalers trafikant.

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Das Einstein Enigma


DISCLAIMER: das Buch wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Verlag luzar publishing.


Der Protagonist ist portugiesischer Kryptologe und gerät in die Fänge ausländischer Geheimdienste, die hinter einem alten Manuskripts Einsteins eine Atombombenbauanleitung vermuten. Sehr leichtgläubig landet er im Gefängnis und hat viel Glück. Es folgt eine Reise nach Tibet, wir begleiten den Tod seines Vaters. Immer wieder taucht die schöne Iranerin auf und ein engagierter Prof. Dazwischen seitenweise Mathematik, Physik, Logik, Philosophie, Theologie. Denn neben der Handlung, die in Aufbau und Erzählweise stark an Frank Schätzing, Dan Brown oder Andreas Eschbach erinnert, glänzt das Buch vor allem mit Dialogen und Erklärungen. Ständig wird dem portugiesischen Wissenschaftler etwas erklärt, er nickt verständig und stellt Fragen – wie Platon das dereinst mit seinen Dialogen praktizierte.

Die Erklärungen sind verständlich und ausführlich, erläutern aktuelle Forschungsfelder in der Wissenschaft, vom Urknall bis zum erwartbaren Ende des Universums. Einsteins Theorien werden diskutiert und weitergedacht. Das Buch ist gut recherchiert, er hat sogar seinen Bryson gelesen. Daneben wird Gott, und der Gottesbegriff diskutiert, ohne aufdringlich oder belehrend zu wirken. Eine gelungene Gratwanderung.

Natürlich bleibt es ein Roman, auf Quellenangaben und Anmerkungen muss der Leser verzichten – ein Physikstudium ersetzt es nicht. Es ist die Stärke des Buchs, die grundlegenden Begriffe und Theorien moderner Physik verständlich zu erläutern. Die Theorien zu den Parallelen von Bibeltexten und der neuesten Forschungen zur Entstehung des Universums sind ebenso interessant wie die Zukunftsvisionen gegen Ende des Buchs.

Ich habe es in gut zwei Wochen gelesen und empfehle es dringend als Urlaubslektüre mit Anspruch, weil es sich gut runterliest und den Leser mit ein paar interessanten Gedanken versorgt.

pankreich, kurz notiert #1

1996 verlegte der aufzughersteller OTIS seinen berliner standort von der mühlenstraße in pankow ins westfälische hallenberg. wegen rückläufigen geschäfts1 und der lohnkosten, wie ein zeitungsartikel vom 04.07.96 berichtet. offenbar waren vor zwanzig jahren die lohnkosten in berlin höher als in westfalen. 220 mitarbeiter waren betroffen. auf dem gelände ist seit jahren ein autohändler mit werkstatt.


  1. die umsätze fuhren also mit dem lift nach unten, höhö []