U-Bhf Rosenthaler Platz (Dezember 2008)

sonntag nachmittag in der u8 ab hermannplatz richtung wittenau, nach zagen versuchen, sich den 48h neukölln anzunähern: zwei jungmänner rappen ambitioniert wie teenietussis irgend ein lied vor sich her. der langhaarige hipster gegenüber fragt sie, warum sie kein reggae machen. unverständliches. in der anderen ecke der sternburgpunk mit den krampfadern: wippt zu musik aus seinem klobigen walkman und legt ein neues tape aus seiner sammlung ein, die er im jute-beutel mit sich führt. sie alle steigen rosenthaler aus, auch klar. dann an der tür der dürre drogist mit den roten augen, der seinen hund dressiert. an der bernauer dann die tussis in 20er-jahre fummeln. ab gesundbrunnen sind dann alle wieder halbwegs normal. das badstraßenfest hat sich ganz dem kommerz verschrieben, nix kunst, nirgends.

warschauer, Okt. 2006

Heute Morgen in der U9 Richtung Zoo: Ein nachlässig gekleideter Mann mit dreckigem kleinem Köter steigt ein, zeigt den Hitlergruß und beginnt zu palavern. Sehr laut und aggressiv stellt er sich als Leutnant Soundso mit Hund Robert von der Bürgerwehr vor und schreitet dabei mit großen Schritten von einem Ende der U-Bahn zum anderen. Alle Fahrgäste hören schweigend zu, zeigen immerhin angewiderte Gesichter, sagen aber nichts. Die Beweggründe seiner Bürgerwehr sind schnell erzählt: Man müsse aufräumen mit dem ganzen Pack in Berlin und sauber machen. Und alle die gegen ihn sind, bekommen ein Messer in den Rücken.

Dem offenbar verwirrten Mann schien es Ernst zu sein mit seinen Drohungen. Das ganze war ganz und gar nicht zum Lachen und machte mir ganz schön Angst. Wie verhält man sich in so einer Situation: Brüllt man ihn an, ignoriert man ihn, ruft man die BVG oder die Polizei? Schwierig. Was hättet Ihr getan?

gestern in kreuzberg war dann alles ruhig. keine polizei, keine demonstrationen, man saß im park und entspannte sich, ruhte sich aus vom wilden ersten mai tags zuvor. ist das besonders deutsch, albern oder einfach nur menschlich? man weiß es nicht, man steckt nicht drin.

szenenwechsel. der spiegel schreibt über eine schwarzfahrerversicherung im pariser nahverkehrssystem1. nette idee. ziviler ungehorsam + praktischer nutzen.

so wird ein schuh draus. erst graswurzeln, gerne auch mit social media, dann werden medien drauf aufmerksam und schließlich die politiker. probleme vergesellschaften, sag ich mal.


  1. spiegel.de: Sieben-Euro-Versicherung. Wie sich Pariser Schwarzfahrer vor Strafen schützen (03.05.2010) []

So viel Berlin war noch nie: U-Bahn, Unterwelten, ein verrückter Künstler, Flaschensamler, Problemkids – alles dabei. Und mittendrin unsere beiden Helden. Mit ein paar Ungereimtheiten zwar (erst sind sie am Alex und plötzlich in Steglitz), aber das verzeihen wir ihnen gern. Die Story ist gut durchdacht, nur verheddert sie sich ein wenig in den Handlungssträngen, das gab Punktabzug. Starks Flörterei mit dem Au-Pair wird leider nicht weiter thematisiert und auch Sohnemann spielt gar keine Rolle mehr. Immerhin gibt es eine Anspielung auf Ritters Steuererklärung.

Eine Frage bleibt jedoch: Waren die Fahrgäste auf den U-Bahnhöfen gecastete Statisten oder zufällige Passanten?

[xrr rating=6/7]

LINK — Erstausstrahlung!

heute in der u-bahn kam mir ein gedanke, der mich so schnell nicht mehr losgelassen hat: da fahren hunderte u-bahnzüge mit millionen von fahrgästen täglich durch unsere stadt und es funktioniert. ohne eingreifen von sicherheitspersonal oder bvg-mitarbeitern. wäre personaltechnisch auch unlösbar. die fahrgäste sitzen und stehen in einer geschlossenen kabine auf engstem raum beieinander und es bricht keine panik aus. nun gut, die zwischenmenschliche kommunikation geht gegen null, aber das ist ja auch nicht der sinn von öffentlichen verkehrsmitteln. und sicher, ab und zu gibt es zwischenfälle und es gibt auch drogendealer auf den einschlägigen linien. und vereinzelt gehen die fahrzeuge kaputt. doch im großen und ganzen und wahrscheinlich zu 99% verläuft eine u-bahnfahrt ohne besondere vorkommnisse.
bei lichte besehen ist dieser umstand ein ziemliches wunder. denn wenn wir unserer regierung glauben schenken könnten, besteht permanente terrorgefahr und man ist ständig den übergriffen meist migrantiöser mitmenschen ausgesetzt. nur leider ist dem nicht so. streng genommen ist eine u-bahnfahrt so ziemlich das langweiligste an berlin. das berliner fenster natürlich inbegriffen. insofern könnte sich die bvg auch die flächendeckende überwachung sparen: es passiert einfach zu wenig als dass es sich lohnen könnte.
und nun meine vermutung: ist dies nicht auch generell im öffentlichen leben so? ist die gefühlte terrorgefahr und geschürte angst nicht einfach nur ein produkt übereifriger politiker und angeschlossener journalisten, um wer weiß was noch hier zu installieren?
ich bitte um meinung und ausführliche erfahrungsberichte. danke.

Thilo Sarrazin, Finanzsenator und ausgewiesener Experte in finanzieller Lebensgestaltung hat sich verzockt. Ein paar U-Bahnen und Straßenbahnen der BVG hat er verkauft an windige Amerikaner. Dann mietete er sie wieder zurück. Und ein paar ulkige Wertpapiergeschäfte liefen auch noch. Deren Wert geht aber im Zuge der Finanzkriese nun gegen null. 157 Mio. Euro futsch, sagt die Morgenpost. Schon jetzt werden Rufe laut, Herr Sarrazin müsse gehen. Dann würde er wahrscheinlich von H4 leben müssen, aber das kann er ja ganz ausgezeichnet.

so. es folgt eine pause, deren ende noch nicht abzusehen ist. ich ziehe um und in der zielwohnung gibts noch kein internet. das wird voraussichtlich nächste woche freitag angeschaltet. den countdown hab ich schon mal aktiviert (rechte seitenleiste) bis dahin vergnügt euch mit dem archiv oder geht mal wieder raus oder was weiß ich. übrigens: nächste woche freitag gibts auch ein bild von mir inner u-bahn (berliner fenster, foto des tages, yeah!). welches, wird natürlich noch nicht verraten.

morgen ist wieder Nächste Ausfahrt Wedding. alternative und geführte radtouren durch berlins weddingsten bezirk. fahrräder kann man wohl kostenlos ausleihen. und die tour zur gesundbrunnenquelle ist wohl das higlight. die blödzeitung hat schon über das wunder vom wedding berichtet. da kann ja nix mehr schiefgehen, oder?

Programm:

12. Juli 2008, ab 13 Uhr – Start: Gleimstraße, vor Gleimtunnel

13 Uhr:
„Afrika küsst Asien“, Spezialführung mit den Jugendlichen von Route 65 / plus Führung durch Brauerei Eschenbräu (Treffpunkt: 13 Uhr vor Gleimtunnel, mit Fahrrad; oder direkt um 13.30 Uhr am U-Bahnhof Leopoldplatz, vor Karstadt in der Müllerstraße)

14 Uhr und 16 Uhr:
Führungen Gesundbrunnenquelle (Fahrradtour)

16 Uhr:
Expedition hinter den Gleimtunnel (Fußgängertour)


INSERT_MAP

coney island
[picture by Jonah G.S., license]

die new yorker haben ihren eigenen spreepark plänterwald. sie nennen ihn coney island. seit über hundert jahren stehen auf der halbinsel im süden brooklyns fahrgeschäfte und allerlei attraktivitäten. die große glanzzeit war wohl schon vor dem zweiten weltkrieg. mehr dazu ausführlich bei wiki. seitdem ranken sich mythen und bizarre geschichten um den park. nachzulesen in dem wunderbaren comic the secrets of coney island von reinhard kleist.

coney island
[picture by kat…, license]

sollte man vielleicht mal hinfahren. aber mit der u-bahn. parkplätze soll es nicht viele geben. wer kommt mit?

Every night she cames
To take me out to dreamland
When I’m with her, I’m the richest
Man in the town

She’s a rose, she’s the pearl
She’s the spin on my world
All the stars make their wishes on her eyes

She’s my Coney Island Baby
She’s my Coney Island Girl
She’s a princess, in a red dress
She’s the moon in the mist to me
She’s my Coney Island Baby
She’s my Coney Island Girl

[tom waits: Coney Island Baby]

heute ist tag des buches. und dass es bedruckten wald überhaupt noch gibt, dass ist erstaunlich. noch erstaunlicher ist, dass sich menschen noch hinsetzen und sie lesen. und ein paar andere schreiben sie. wenn ich in einer buchhandlung stehe, komme ich da so schnell nicht wieder raus. viel zu viele bücher gibt es. kann man garnicht alle lesen. nun, es gibt auch viel schrott. aber das gibts woanders ja auch. ein paar will ich in den kommenden wochen vorstellen.

ein stadtbekannter vorleser und taxifahrer erzählt in gefühlten hundert kurzgeschichten über das (zusammen- und nebeneinander-) leben in neukölln. dabei stapft er in der tradition bekannter lesebühnenautoren. für das buch braucht man ungefähr eine stunde. ganz stilsicher liest man es in der u8. da fällt es auch nicht auf, wenn man mehrmals laut auflacht, denn das publikum in berlins skurilster linie ist selber schon verrückt genug. und so lesen wir von der kategorisierung des öffentlichen murmelns, vom richtigen rumlungern und der fabelhaften schlorkmaschine. das!ist!witzig! ehrlich jetzt. wobei die geschichten viel zu kurz sind und das buch viel zu schnell ausgelesen. der autor baut jedesmal eine phantasiekulisse auf und dehnt die situationen ins groteske. sowas mögen wir. mehr davon. und ich besuch auch mal wieder neukölln, versprochen.

die bvg bereitet sich intensiv auf die zeit nach dem streik vor, wie aus einem uns vorligenden internen papier hervorgeht. darin heißt es unter anderem, dass eine große relaunch-kampagne geplant ist. denn die autoren gehen davon aus, dass nach dem streikende keiner mehr die drei buchstaben kennt und die farbkombination blau-gelb mit einer drittklassigen partei assoziiert. auszüge aus dem papier:

[…]

es wird von eltern berichtet, die ihren kindern mit tränen in den augen von sonnenblumengelben u-bahnen erzählen. liebevoll motzen sich migrantenkinder mit dem satz an: „MIT DEM FAHRRAD NICH IN™ ERSTEN WAGN™!!!” (vgl. dazu KRÖMER, Kurt et al.). die unfreiwilligen moabiter basteln straßenbahnen aus pappe in originalgröße. windige geschäftsleute bieten original berliner bus-hintergrundgeräusche auf cd an, dabei kommt raus, dass die aufnahmen in tübingen entstanden sind. hertha trat beim letzten heimspiel in bvg-uniformen an. und das technikmuseum in kreuzberg berichtet, dass mehrere historische nahverkehrszüge geklaut wurden. wowereit, einst lieblingsklaus der hauptstädter, bombt sich in die herzen zurück und verkündet heute den neuen slogan der berlin-kampagne der marketing-gesellschaft berlin partner: „be-vg berlin“. […]

[…]

wir gehen davon aus, dass sich die situation noch verstärken wird. unsere ersatzbusse und -fahrer aus bayern werden berlinweit boykottiert, alle fahren s-bahn und fahrrad. keiner erinnert sich mehr an die u-bahn und die schienen der trams wurden von ganoven abmontiert und nach china verkauft. derzeit schulen wir neues personal, dass die fahrgäste im falle eines ende des streiks einweisen wird. da viele vermutlich nicht mehr wissen, wie der öffentliche nahverkehr funktioniert. wir bereiten radiospots mit der ansage vor: „Bitte beachten Sie die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante“, an kindergärten werden essbare liniennetzpläne verteilt. […]

schluss mit dem unsinn. das ist kein streik, das ist profilierungssucht von gewerkschaftern und senat. ausgetragen auf dem rücken der fahrgäste und wohl auch der bvg-angestellten. noch werben die lokalen medien um sympathie, doch das wird sich spätestens mitte der woche ändern. wenn endlich alle abgenervt sind, wenn das geld alle ist oder die ersten klagen erfolg haben.

wir leben nicht mehr in der welt der zwanziger, dreißiger oder sechziger jahre. wir sind individualisiert bis ins knochenmark. oder anders: warum sollte der schlecht bezahlte praktikant verständniss für den lohnfordernden bvg-knecht zeigen? warum muss der zeitarbeitende maler nun auf dem fahrrad um seinen job bangen? was gehen mich die probleme der kollegen in den uniformen an? ich hab selber genug! oder liegt es am ende an uns allen und die gesellschaft krankt an sich selber? sind wir überhaupt noch in der lage zu solidarität und rücksicht? wollen wir so denken, leben, arbeiten? oder sind wir nicht schon von uns selber angeekelt?

das problem sitzt tief und wird auch morgen nicht gelöst sein. ein anfang wären sicherlich bvg-mitarbeiter vor den geschlossenen u-bahn-eingängen. denn reden und zuhören ist eine möglichkeit. ansonsten bleibt dieses mulmige gefühl, von stumpfen gewerkschaftern und grauen politikern verzockt zu werden. basta. und eine fahrende u-bahn hätt ich auch gerne mal wieder.

[update:] am freitag gab es offenbar eine derartige aktion (indymedia).

wir lieben unsere bvg - 1

heute also streik, verkehrschaos, nervenzusammenbrüche, nichts geht mehr bei dem gelben dienstleister. menschen kommen nicht zum malochen, arbeitsverhältnisse enden, familien brechen auseinander, beziehungen gehen in die brüche, kinder entfremden sich, freundschaften werden gekündigt, die soziale temperatur kühlt sich weiter ab, der staat schaut tatenlos zu, zusammenrottungen kopfloser menschen an den haltestellen plündern und zerstören, ziehen marodierend durch die stadt, die letzten infrastrukturen brechen zusammen, öffentliche einrichtungen werden geschlossen, selbst die polizei hat berlin aufgegeben, das kleine bundesland an der spree versinkt im chaos, brandenburg rüstet zum finalen schlag, die pendlerinfanterie ist schließlich schon da, stündlich werden neue übergangsregierungen ausgerufen, es kommt zu straßenschlachten, brennende barrikaden überall, wo man nur hinsieht, wowereit im holländischen exil, momper reitet durchs brandenburger tor, die berlinfahne schwenkend, aber nichts passiert, im reichstag brennt eine toilette (ein abgeordneter hat heimlich geraucht), nach wochenlangem straßenkampf kann die NATO mithilfe von kampfrobotern die situation beenden und die eigentlichen gründe des ursprünglichen streiks kommen heraus:

eigentlich wollte die bvg nur die bezeichnung TRAM aus dem sprachschatz abschaffen…