Schlagwortfrust

undifferenzkurve

demokratie und rechtsstaat sind anstrengend: die berichterstattung über den prozeß mit dem dessen-name-nicht-genannt-werden-darf aus oslo nervt, weil er noch mehr aufmerksamkeit nicht verdient hat. aber es ist wichtig, die verhandlung so transparent wie möglich zu gestalten, weil wir uns immer wieder unserer zivilisatorischen und rechtsstaatlichen fortschritte bewußt sein müssen. jeden tag aufs neue. transparenz wird immer wichtiger, gerade in einer sich immer mehr und selbst verkomplizierenden welt. wir haben gar keine andere wahl, sonst stehen wir irgendwann unter der knute weniger technokraten, großer wirtschaftsunternehmen oder geistloser, korrupter und anspruchsloser politiker. keine schöne vorstellung. ein gedanke beschäftigt mich seit tagen: nicht die industrie ist schuld, dass wir lebensmüttelmüll im discounter kaufen, der sozialstaat bröckelt und die gesellschaft verroht, sondern wir sind es. wir, die wir nur an uns denken und für unsere fehler immer wieder neue schuldige suchen. weil wir aufgehört haben, laut aufzuschreien, wenn wir ungerechtigkeit sehen. weil wir die lügen glauben. weil wir uns ablenken lassen, von dem glitzer. weil der kaiser doch eigentlich nackt ist. weil uns die mitmenschen egal sind, solange ihr fernseher weniger zölle hat als unserer. wir fordern grünen strom und salami im angebot beim lidl und fahren mit dem großen SUV vor. wir weinen, wenn dieter bohlen jemanden rausschmeißt, aber gehen mit eisigem blick am penner vorbei. wir sind so verlogen, dass wir es selbst nicht mehr merken. und der verlogene christian wulff war unser präsident. weil wir selbst keinen dreck bessser sind. wann werden wir merken, dass nicht ein hartz4er unser problem ist, sondern einer, der sich aus steuerspargründen in sonstwo sonnt. warum immer auf jene, die sich nicht wehren können? weil das nur menschlich allzu menschlich ist? glaube ich nicht. ich glaube, dass wir fett, faul und träge geworden sind. zeit, etwas zu ändern. gelich morgen.

Wenn Indien cancelt, hamstern die Polen bei Lidl

Alles im Eimer - September 2008 in der Hala Targowa in Wroclaw, Polen

Die Schwarz-Gruppe ist kein linkes Aktionsbündnis gegen den Kapitalismus – ganz im Gegenteil, dahinter verbirgt sich Lidl und Kaufland und noch ein bisschen mehr. Laut einem Spiegel-Bericht werden in diesen Märkten die Zuckerpackungen nur noch in haushaltsüblichen Mengen verkauft. Weil doch die Polen kommen und alles weghamstern. Der Weltmarktpreis für Zucker ist nämlich gestiegen. Das hat zwar Auswirkungen in Polen, nicht aber in Deutschland. Weiß der Geier1, warum. Ich hab‘ zwar ein paar Jahre lang BWL studiert, aber so richtig versteh‘ ich das nicht. Eine kurze Recherche zum Zuckerpreis bringt auch keine Erhellung: Mal ist von krassen Anstiegen die Rede, dann wird der baldige Fall prophezeit. Einige Länder hatten gute Ernten, in Florida gab es einen Kälteinbruch und in Brasilien war es zu trocken. Das ist widersprüchlich und ergibt keinen Sinn. Führt aber zu solch‘ Kleinoden:

„Die Spekulanten […] hatten den Preis schließlich bis Ende Januar auf bis zu 30 US-Cent pro Pfund getrieben. Waren die Importeure vorher schon vorsichtig, war es nun mit der Kauffreude ganz dahin. Indien cancelte schließlich den Kauf von 100.000 Tonnen, Ägypten sogar 300.000 Tonnen und auch Pakistan zuckte zurück. Und nach wie vor lässt die hohe Preisvolatilität die Importeure verhalten zurück. […] zum einen erweist sich die physische Nachfrage aufgrund der hohen Preisvolatilität zurückhaltend und zum anderen schwindet das spekulative Interesse, welches zuvor die Preise noch weiter nach oben getrieben hatte…“ (quelle)

Ringelringelreihe – hä? Alles klar. Ich weiß, wie schräg drauf man sein oder welche Drogen man zu sich nehmen muss, um ernsthaft über den Zuckerpreis debattieren zu können – klar ist:

„…kostet Haushaltszucker in Deutschland derzeit um die 65 Cent pro Kilogramm. In Polen zahlten Verbraucher dagegen zwischen 1,25 und 1,70 Euro dafür“ (SPON)

Warum allerdings die Schwarz-Gruppe das Zeug rationiert und nicht ein Bombengeschäft draus macht, indem sie einfach mehr in die Grenzregionen liefert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Wahrscheinlich fahren sie es ein paar Kilometer weiter nach Polen, um dort höhere Gewinne zu erzielen. Denn schon längst gibt es Lidl und Kaufland auch in Polen, selbstverständlich unter demselbengleichen Namen.

Kleiner Tipp für unsere östlichen Nachbarn: In Steglitz in einem Lidl steht noch eine Palette Fein Zucker.


  1. das Wappen Polens ziert ein Adler: „Einer Legende zufolge beschloss der legendäre erste Herrscher Polens, Herzog Lech, beim Anblick eines Adlers, der bei Sonnenuntergang in seinem Horst nistete, dieses Bild als sein Emblem zu verwenden“ []

Gefühlte Politik

„Es gibt das böse Wort, dass jedes Volk die Regierung besitzt, die es verdient.“1
– STEFAN WOLLE, 1999 –

Vielleicht irre ich ja in der Annahme, dann korrigiert mich bitte: Kann es sein, dass es derzeit weder Struktur noch Ordnung, noch Richtung, noch Visionen2 gibt? Immer nur um den ranzigen Brei reden und wenn wirklich mal was passiert, dann tritt man zurück? Was ist denn das für eine Politik. Da können wir das doch gleich selber machen. So per Facebook oder Petition. Die Schwamm-Intelligenz im Bundestag hilft uns jedenfalls nicht weiter, da muss man sich nicht wundern, wenn die Jugend nicht mal mehr politikverdrossen wird.

Reichstag im März 2011

Es mag ja sein, dass diese unsere Regierung eine stabile und verlässliche ist – nur für was steht sie? Wie soll man denn bitteschön dagegen sein, wenn man nicht weiß wofür? Selbst gegen Atom sind sie mittlerweile und gegen Stuttgart – diese wichtigen Themen wurden uns Regierungskritikern genommen! Sicherlich gibt es noch genug Reibefläche, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Politik langweilig und grau geworden ist und einen Hosenanzug anhat. Gähn.

Bundeskanzleramt im März 2011

Gehts eigentlich nur mir so oder seht Ihr das ähnlich?


  1. WOLLE, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 1999, S. 52 []
  2. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ – HELMUT SCHMIDT – Altkanzler mit viel Meinung []

Nachdenken über Emir Kusturica

Symbolbild: Aus dem Fenster lehnen (2003)

Die ZEIT hat einen interessanten Artikel über Regisseur und Musiker Emir Kusturica. Rassistisch sei er bis in die Knochen, verklärt Kriegsverbrecher und wird deshalb kaum noch zu Filmfestivals eingeladen.

„Im ehemaligen Jugoslawien ist Kusturicas nationalistisches Engagement bekannt. In Europa oder den USA dagegen steht sein Name vor allem für Filme wie Arizona Dream, eine Satire auf den amerikanischen Traum mit Johnny Depp; seinen Dokumentarfilm über den Fußballstar Diego Maradona; oder für Melodramen und Burlesken wie Zeit der Zigeuner (1986) und Schwarze Katze, weißer Kater (1998). Wenn der Regisseur und zweimalige Gewinner der Goldenen Palme von Cannes im Westen überhaupt politisch verortet wird, dann im alternativen Multikulti-Spektrum.“ [ZEIT Online: Singen für den Kriegsverbrecher]

Dabei macht es sich der Autor des Artikels ein bisschen zu einfach: Weil Herr Kusturica politisch engagiert ist und auf der falschen Seite steht, negiert sich auch sein Werk. Und sollte gemieden werden vom Konsumenten. Aber ist das wirklich so? Was uns zur Frage bringt: Interessieren die politischen Ansichten des Künstlers, sollten Sie die Bewertung des Werks beeinflussen oder gerade nicht?

Genügt der Hinweis auf seine nationalistischen Positionen oder sollte man generell alles boykottieren? Dürfen wir uns überhaupt anmaßen, Balkankonflikte zu bewerten oder gar einzugreifen (wie 1999 im Kosovokrieg)? Anderseits: unter seinen Ikonen sind verurteilte Kriegsverbrecher, muss man da nicht mit dem Finger drauf zeigen?

Schwierige Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Seine Filme mag ich, Schwarze Katze, weißer Kater hab‘ ich schon mehrmals gesehen und Underground ist einfach nur toll. Vielleicht sollte man die ganze Sache entspannter sehen?

volk ohne denken (2)

ihr herrenmenschen und weltverbesserer, ihr christlich-jüdischen leitkultler, ihr traditionalisten und reihenhäusler: habt ihr euch mal überlegt, was passiert, wenn sich euer hass, eure statistiken, eure meinungen, eure anfeindungen, eure populistische hetzen irgendwann gegen euch richten? deutschland den deutschen – nicht anders ist doch die aktuelle (schein-)debatte zu interpretieren – was war denn los vor ein paar jahren, als es plötzlich schwaben raus! hieß im prenzlauer berg: angepisst war man. ist nicht vergleichbar? ach, geht mir weg mit eurer doppelmoral. es geht um angst. die ängste werden geschürt von politik und medien. der pöse islamist sitzt in seinem fetten bmw, schnorrt ALG II vom aufrichtigen deutschen steuerzahler und grinst dabei, dass der stammtisch nur so zittert.

die realität sieht anders aus, weil der staat die falschen anreize schafft mit seinem aufgeblähten sozialstaat1, weil integration, einwanderung und ähnliches jahrzentelang kein thema war in der deutschen politik. und so haben sich sogenannte parallelgesellschaften2 gebildet.

halb geschlossene systeme, man trifft sich im türkischen supermarkt, im vereinslokal („zutritt nur für mitglieder!“), in der moschee, in der großfamilie, man muss kein deutsch lernen (erstaunlich, wieviele es dann doch können), man geht nicht zur schule, landet in der unterschicht oder in der unterwelt (wieso hat ich nur so viele migrantöse kommilitonen an der uni?). und alle haben sie ihren koran falsch gelesen und liebäugeln deshalb mit der islamisierung europas oder zumindest talibanischem terror. herrgott, wenn mich ein pole verkloppt, werd‘ ich auch nicht zum katholikenhasser. warum also diese reduzierung auf die religion? natürlich gehört der islam inzwischen zu deutschland, der hinduismus auch und die zeugen jehovas. und jedi-ritter und mickey maus. und, was bitte schön, wollen denn all‘ die islamkritiker? deportation? dann sollte man das auch deutlich sagen. manch einer warnt schon vor einer neuen völkerwanderung, dass die deutschen langsam aussterben, weil der muselmann mit seiner schieren fertilität alles verdrängt.3 sei’s drum.

klar ist nicht alles eitel sonnenschein, man lebt so nebeneinander her, soziale brennpunkte überall. schon kinder werden angegriffen ob ihres deutschseins4. in wedding und neukölln traut man sich ja kaum noch auf die straße, ohne gleich erschossen zu werden. ich bin kein gutmensch, wer gegen geltendes recht verstößt, der gehört bestraft nach dem strafgesetzbuch. da gibt es keine diskussion. wer sich nicht ans grundgesetz hält, der wird vor gericht gezerrt. aber alle forderungen, die darüber hinaus gehen, sind erstens unmenschlich und zweitens unsinn: wer einen deutschen pass hat, kann nicht anders bestraft werden, nur weil er einen migrationshintergrund hat. das wäre willkür und da war deutschland schon mal.

stell dir vor, es ist deutschland und keiner will hin. nix facharbeiter aus dem ausland, weil mal wieder die cdu eine partei am rechten rand verhindert hat, ohne zu merken, wie nazi sie selbst schon geworden sind. ich kanns nicht oft genug sagen: selber denken. und nicht alles nachplappern. wie schnell kehrt sich hass um und man ist selbst plötzlich minderheit. weil man raucht, zu dick ist, zu klein, zu wenig arbeitet oder zuviel oder der großvater aus dem osten kam. und bleibt mir weg mit eurer leitkultur…


  1. anschaulich erklärt in: HERLES, Wolfgang: Neurose D: Eine andere Geschichte Deutschlands (2008) []
  2. Henryk M. Broder schrob gestern dazu viel richtiges: „Nur primitive Gesellschaften, die weder eine horizontale noch eine vertikale Differenzierung zulassen und Diktaturen, die alle Lebensbereiche kontrollieren, kennen keine Parallelgesellschaften. […] Überall dort, wo Gesellschaften nicht auf der Stelle treten, sondern beweglich sind, kommt es zwangsläufig zur Entstehung von Parallelgesellschaften. Nur in Deutschland tut man sich mit der Erkenntnis schwer, dass Parallelgesellschaften unvermeidlich, vielleicht sogar gut und nützlich sind. Sie geben ihren Angehörigen das Gefühl der Geborgenheit, der Überschaubarkeit, die ihnen große Einheiten nicht bieten können. Davon abgesehen: Parallelen treffen sich im Unendlichen, dort wo die Differenzen gegen Null tendieren.“ (SPON, 21.10.2010) []
  3. dazu bitte Heiko Werning: „Menschen wandern und vermischen sich, Liebe ist stärker als euer obskures genetisches Reinheitsgebot, die Menschen pimpern unterm Strich eben nach Leidenschaft und Erregung, nicht nach Pässen.“ (Reptilienfonds, 14.10.2010) []
  4. dazu bitte bildblog vom 18.10.10: Und täglich grüßt die KFN-Studie []

was uns kaputt macht

Hilmar Schneiders1 Reaktion auf die Frage nach HartzIV-Kürzungen:

Das ist politisch auf absehbare Zeit nicht durchsetzbar. Was meinen Sie, was los wäre, wenn die Regierung so etwas beschließt? Dann bekommen wir hier Straßenkämpfe.

Das ist bemerkenswert. Vor ein paar Wochen hat sich das bei Anne Will in der Diskussion zum Thema niemand getraut so zu formulieren. Oder ich hab‘ das überhört. Aber er hat schon recht, der gute Herr Schneider. Auch wenn er sonst nur ziemlichen Quark daher redet.

Es klaffen zur Zeit mehrere Scheren auseinander. Und da hilft auch kein staatlich subventionierter Aufschwung2, das System marodiert vor sich hin.

Und es fehlt an Mutigen, die Ideen haben, den Finger in die Wunde drücken und sagen, wie es weiter gehen könnte. Es gibt sie sicherlich, doch niemand hört sie. Weil alle mit sich selber beschäftigt sind. Weil Politiker sich lieber selber hören, Dampf erzeugen, sich einlullen lassen und dabei ihr Volk vergessen. Diese Strategie kann auch schief gehen.

Man möge mich bitte korrigieren, wenn ich falsch liege.


  1. Ökonom, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) / Interview „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ in Wirtschaftswoche 34/2010, S. 26 und im Internet []
  2. durch Abwrackprämie, Bankenrettung, Kurzarbeit und ähnlichem []

die krise heißt medien

Kannst du vor deinen Augen
Die Explosionen sehen?
Ein Feuerwerk in der Nacht
Kannst du in den Pfützen
Die Wolkenfetzen sehen?
Spiegel in der Innenstadt
Kannst du in den Bäumen
Die Tonbandfetzen sehen?
Wer hat sie dorthin gebracht?
Alles gehört dir
Eine Welt aus Papier
Alles explodiert
Kein Wille
Triumphiert

{TOCOTRONIC}

die taz hat eine chronologie der reaktionen der bombe des knalls vom vergangenen samstag. ich war nicht dabei, ich habe keine ahnung, was da los war. unser innenminister spruch heute nachmittag im bundestag von einem „Angriff auf unsere Demokratie in ihrem Kern“ – das klingt ja schon wie 1929 oder 1974 und mittlerweile habe ich keine ahnung mehr, was ich denken soll.

widersprüchliche meinungen gibt es da, offenbar weiß keiner so recht, was da eigentlich abging. und in der folge nutzt es jeder für seine anliegen: die polizei rechtfertigt mit dem knall ihre präsenz, die bürgerliche rechte ruft nach mehr polizei, die linke macht die polizei verantwortlich für den knall und die politik ergibt sich in dunstigen wortwolken. das ganze heizt sich auf und wird zur farce.

die kritische Masse (Mai 2007)

übrigens ging es bei der demo gegen die geplanten kürzungen vor allem im sozialen bereich, falls das noch jemanden interessiert. vielleicht sollten wir uns die regierung sparen.