Letzte Woche gabs eine spannende Diskussion zum Thema „Gentrifizierung im Wedding?“ – ich war leider nicht da, dafür der stadtbekannte Soziologe Andrej Holm. Er hat nun die Diskussion zusammen gefasst und veröffentlicht:

Gentrification Blog: Berlin-Wedding: Im Schatten der Aufwertung (15. Mai 2010)

Nun wohn‘ ich schon eine Weile hier, alle paar Jahre erklären zitty und tip den Wedding zur neuen Szene. Die DEGEWO thront wie eine Käseglocke über allem und füllt die unvermietbaren Läden mit Künstlern zum Selbstkostenpreis. Einmal im Monat ist Kolonie Wedding, da kommen merkwürdige Menschen aus anderen Stadtteilen und gucken Kunst. Das Quartiersmanagement versucht ziemlich viel, nicht nur Aufwertung, auch Integration, Sprachkurse und so Sachen.

Schrebergartenglück in Berlin-Wedding
Gartenlauben an der Panke: Wird das bald der einzige bezahlbare Wohnraum im Wedding?

Aber Veränderungen? Sicher, Roibereien und Schusswechsel sind seltener geworden. Die strukturellen Probleme aber bleiben und sind sehr offensichtlich. Armut, hoher Migrantenanteil, jahrzehntelange verfehlte Politik und mieses Image – im Wedding subsumiert sich das alles. Die Bürgersteige werden als Sperrmülldeponien missbraucht (nebenbei: die BSR leistet viel, karrt das Zeug regelmäßig weg – und die Preise steigen), Hundescheiße und aggressive Jungs. Brüllende Mütter auf Spielplätzen. Jedem Gentrifikations-Theoretiker sei ein Besuch des örtlichen Discounters ans Herz gelegt. Wer hier herzieht wegen der billigeren Mieten (Stichwort „Umzugsketten“), der sollte sich auf einiges gefasst machen. Der Ton ist rauer, prolliger und berliniger als anderswo.

Altbausubstanz im Wedding
Wolkenkulisse an der Wriezener Ecke Biesentaler

Und so schnell wird sich das auch nicht ändern. Sicher, die Mieten werden teurer, die Frage ist nur, wie schnell. Aber ob sie je das Niveau von Prenzlauer Berg erreichen, bleibt zweifelhaft. Die Voraussetzungen sind eben andere, hier gibt es keine Immobilienfirmen, die nach der Wende billig Häuser gekauft haben. Hier gibt es kaum Leerstand (und wenn, dann nur in unzumutbaren Plattenbauten). Hier gibt es (noch) keine Szenekneipen, nur künstlich erzeugtes Künstlerleben (siehe oben). Saniert wird auch, aber nicht mehr als anderswo. Viel Kaputtes wurde abgerissen nach dem Krieg und durch zweifelhafte Architektur ersetzt, die Jahrhundertwende-Häuser wurden kontinuierlich modernisiert und sind durchweg in einem passablen Zustand. Arabisch- und türkisch-stämmige Familien bleiben durchschnittlich länger in Wohnungen als beispielsweise Studenten, die nach ihrem Studium woanders hin ziehen. Alles Gründe gegen eine beschleunigte Aufwertung.

Hugo-Heimann-Bibliothek, Swinemünder Straße
zweifelhafte 70er-Jahre-Architektur: Dreck auf Knallorange mit runden Ecken

Hier im Haus haben sich die Mieter auch fast komplett ausgetauscht, im Flur stehen plötzlich Kinderwagen und alle sind jünger als noch vor ein paar Jahren. Wo sind die alten Mieter hin? Ist das schon Gentrifizierung oder ein ganz normaler Prozess in einem Mietshaus? Die Grenzen sind fließend und vielleicht bin ich auch Teil der Bewegung, Auslöser oder treibende Kraft. Keine Ahnung.

Ich finde, bei dieser Diskussion ist auch ganz viel Hass, Sozialneid und Ignoranz dabei. Klar, dass Luxuswohnprojekte scheiße sind. Aber es ist eine Entwicklung. Aufhalten kann man das nicht, schon gar nicht stoppen. Zieht man eben um, wenns einem nicht mehr gefällt. Oder hab ich irgendwo was falsch verstanden?

7 thoughts on “Wird der Wedding bald Luxus?

  1. Hallo!
    Ich hätte deinen Artikel ja gerne zu Ende gelesen. Doch bei dem Geblinke unten links in der Ecke war das für mich unmöglich.
    Gruß kame

  2. Das Thema beschäftigt mich auch. Bei fast jeder Fahrt durch Straßen im Wedding, die ich ein paar Wochen/Monate nicht besucht habe, fällt mir irgendein „Aufwertungsmerkmal“ auf. Danke für den Link zu dem „Gentrification-Blog“, durch die anderen Wedding-Beiträge werde ich mich jetzt mal genüßlich durchklicken.

    Die Bibliothek in der Swinemünder finde ich alles andere als zweifelhaft, das ist ein Stück Architektur, das mich immer wieder beeindruckt. Gefällt mir jedenfalls besser als dieses austauschbare Glas, Stahl und Sandstein, wie heute so gebaut wird.

  3. „Aufhalten kann man das nicht, schon gar nicht stoppen. Zieht man eben um, wenns einem nicht mehr gefällt. Oder hab ich irgendwo was falsch verstanden?“

    Gegen Gentrifizierung kann man Einiges tun?
    a) Zwei große oder einen gefährlichen kleinen Hunden kaufen und gezielt spazieren gehen
    b) Graffiti (alter Hut)
    c) Sperrmüll am Straßenrand deponieren
    d) gezielt Passanten anpöbeln, speziell jene in Begleitung von Männern mit schlecht gebundenen Krawatten (=Makler)
    e) Cafés und Szenekneipen meiden, Wettbüros und Sonnenstudios unterstützen
    f) auf der Straße trinken und usw.
    g) gezielt Besichtigungstermine stören (vgl. Neukölln)
    h) Balkon n i c h t bepflanzen, Baumscheiben erst recht nicht!

    Das mit dem Umziehen ist nicht so einfach. Der Wedding ist ja der letzte „alte“ Bezirk, der noch der Gentrifizierung harrt. Dann geht nur noch Umzug nach Spandau oder Marzahn, aber das ist indiskutabel für einen Weddinger.
    Zwei Alternativen: 1. Umzug nach Prenzlauer Berg (dort beginnt irgendwann auch die Verslumung, es ist alles eine Frage der Zeit)
    2. Umzug nach Leipzig, z.B. Südvorstadt. Evtl. ist die aber schneller gentrifiziert als der Wedding, dann bleibt nur Halle (Saale)

    • vielen dank für deinen kommentar. der artikel ist schon zwei jahre alt, ich wohne immer noch da, inzwischen sind die preise rüschtich angezogen, einige häuser saniert und ab und zu sieht man schon mal einen hipster.

      umzug nach prenzlauer berg ist doch noch indiskutabler als spandau, mensch
      und dieses leipzig, von dem du sprichst, das ist doch schon hinter steglitz, oder?

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