Gewalt löst keine Probleme. Doch ohne Protest verspüren die Regierenden auch keinen Handlungsbedarf. Es ist das alte Dilemma und es scheint nahezu unlösbar. Und auch wenn es der Protestforscher in kluge Worte fasst, das Problem bleibt:

An Wut mangelt es nicht. Zu Hause, am Stammtisch, in der Mittagspause auf der Arbeit – da schimpfen die Menschen. Der moralische Kredit der Wirtschaftseliten ist verspielt, niemand glaubt diesen Leuten mehr irgendetwas. […] Protestbewegungen sind Teil einer demokratischen Kultur, durch die sich ausgegrenzte Interessen immer wieder Gehör verschaffen. Aktuell droht aber eher eine Erosionskrise. Dazu gehören vielfältige Ausgrenzungserfahrungen: auf dem Arbeitsmarkt, in abgehängten Regionen, in einer verfallenden öffentlichen Infrastruktur. Hierzulande wenden die Menschen solche Erfahrungen aber eher gegen sich selbst – etwa in Depressionen, Sucht oder Suizid. Wir erleben einen Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts – keine Explosion, sondern eine Implosion. (taz)

Kein Ausweg, nirgends. Und nun ist auch die Party in Kreuzberg vorbei und die BSR räumt die Scherben auf. Was wir brauchen, ist aber eine Strukturänderung. Denn es kann nicht sein, dass die alten Männer, die nachweislich für die Krise verantwortlich sind, damit so einfach durchkommen. Und doch wird allgemein so getan, als wär nichts gewesen und so weitergemacht wie bisher.

Das eigentlich erschreckende ist doch, dass wir diese Krise überhaupt nicht spüren. Es gibt sie und alle reden darüber, doch sie ist nicht greifbar. Das Leben geht weiter wie zuvor. Die Bahnen fahren, Geld abheben ist möglich und die Preise sind auch noch nicht gestiegen. Sicher, Kurzarbeit in den Unternehmen, Auftragseinbrüche, steigende Arbeitslosigkeit, Minijobs werden knapp – alles Zeichen für den drohenden Untergang? Oder Zeichen dafür, wie Unternehmen auf entsprechende Pressemeldungen reagieren, so genannte Self-Fulfilling-Prophecy-Effekte? Alles heißer Dampf? Wenn aber doch nicht: Wer trägt die Verantwortung und wer zahlt dafür?

“Wir zahlen nicht für Eure Krise!” hieß es vor ein paar Wochen auf den Demos in Berlin und Frankfurt. Doch ich befürchte, dass wir zahlen müssen. Alle, ohne Ausnahmen und alle zukünftigen Generationen bis in alle Ewigkeiten, Amen. Denn die Rettungspakete und die abgewrackten Autos wollen finanziert werden. Teuer, mit Schulden. Da gibt es keine Alternative. Können wir uns überhaupt noch leisten, eine Wahl zu haben? Oder ist dies der Anfang vom Ende des Kapitalismus, wie einige behaupten? Wie kam es eigentlich dazu, dass alle von Krise sprechen?

Lange vor dem Internet bereits haben sich in der Finanzbranche virtuelle Märkte etabliert, die mit ihren Vorgängern nicht mehr viel gemeinsam haben. Es wird gehandelt mit Werten, die real gar nicht existieren. Mit Optionen auf Tatsachen, deren Eintreten von dem Handel mit diesen Optionen beeinflußt wird. Wann fing das alles an? Ich habe keine Ahnung und bin beileibe kein Finanzmarktexperte. Doch spätestens nach der Asienkrise, nach dem Platzen der Internet-Blase vor ein paar Jahren hätte man es wissen müssen. Damals schon hätte man nach ebenjenen Regulationsinstrumenten schreien müssen, die Heute diskutiert aber doch verpuffen werden. Weil alles nur so halbherzig angegangen wird, dass man sich nur wundern kann, dass überhaupt noch irgend etwas funktioniert.

Müssen wir Angst haben? Ich weiß es nicht. Niemand weiß das. Vorsichtshalber lenken wir uns lieber ab mit der Schweinegrippe und schieben Panik, wenn der Nachbar mal wieder Schaum vorm Mund hat. Natürlich wird unser Leben weiter gehen. Nur wahrscheinlich auf einem niedrigeren Niveau. Und das wurde sowieso mal Zeit. Die Wikipedia meint dazu lapidar:

Die Grenze des beschränkten Wachstums kann abrupt oder durch Sättigung asymptotisch erreicht werden. (wikipedia)

Ziemlich schnell müssen wir uns also entscheiden, wie wir in Zukunft leben wollen. Ob dann noch der unterfinanzierte Plasma-TV im Wohnzimmer stehen wird, bleibt fraglich.

Die BSR jedenfalls wird morgen die letzten Spuren des Protestes von den Straßen kehren, somit sichern die Systemkritiker wenigstens Arbeitsplätze in einem System, das sie eigentlich bekämpfen. Und man kann diesen (scheinbaren) Widerspruch gar nicht oft genug wiederholen. Oder, auf einer anderen Ebene: Wen sollen Punks anschnorren, wenn alle das punkige Lebensgefühl angenommen haben?

Es bleibt verzwickt, aber denken hilft. Auch in einer schweinekrisigen und finanzverseuchten Welt, machen wir das Beste draus.

5 thoughts on “Notizen vom Stammtisch #2

  1. Denn es kann nicht sein, dass die alten Männer, die nachweislich für die Krise verantwortlich sind, damit so einfach durchkommen.

    Diese Aussage ist derzeit ja großer gesellschaftlicher Konsens. Ich bin sicher, auch die Politiker würden die “alten Männer” liebend gerne zur Rechenschaft ziehen (blenden wir für den Moment mal aus, dass auch einige Politiker nicht ganz schuldlos an der Situation sind). Das Problem ist doch, dass wir keine Idee haben, wie wir das machen können oder wie wir es schaffen, sie wenigstens in Zukunft im Zaum zu halten. Strafrechtlich haben sich die meisten wahrscheinlich nichts zuschulden kommen lassen. Und wenn wir sie am Geldbeutel packen wollten, hätten wir die Banken pleite gehen lassen müssen. Das wäre wohl auch nicht mehrheitsfähig gewesen.

    Ein Manager bekommt sein Mismanagement dann zu spüren, wenn er sein Unternehmen in die Pleite fährt. Nur dann ist für ihn wahrscheinlich auch Essig mit irgendwelchen Abfindungen. Gleiches gilt für die Aktionäre, die vorher am meisten von verantwortungslosen Risikogeschäften profitiert haben. Nur trifft die Pleite natürlich auch die Mitarbeiter. Wenn die Politik dann jedes Mal eingreift und das Unternehmen am Leben erhält, verzögert sie nicht nur den (notwendigen) Strukturwandel, sondern signalisiert auch dem Manager: handele möglichst riskant, um in guten Zeiten riesige Profite zu machen; wenn’s schief läuft, wirst du ja aufgefangen.

    Wie muss die Strukturänderung aussehen, um das zu vermeiden?

    • das sind ja eigentlich zwei fragen, die natürlich zusammenhängen. wir werden nicht um ein gesundschrumpfen herum kommen. also eine absenkung des lebensstandards? würde ich nicht sagen, eher eine verschiebung der prioritäten. unter den apekten globalisierung, ökologie und menschenrechte. wir leben nicht nur inmitten der krise eines alten systems, sondern wir haben auch die möglichkeit ein neues system zu schaffen. so richtung soziale marktwirtschaft plus demokratische grundordnung plus ökologischer weltwirtschaft. hat jemand was dagegen?

      • Nee, überhaupt nichts dagegen. Gesundschrumpfen ist super. Ich frage mich nur ernsthaft, wie wir eine den Namen verdienende Soziale Marktwirtschaft hinkriegen, ohne an der Regulierung der Gier zu ersticken. Mehr Liberalismus und mehr Verantwortung für den Einzelnen wären mir lieber als Regulierung durch Verbote, aber irgendwo beißt sich das natürlich mit Sozialer Marktwirtschaft, zumindest im Verständnis vieler.

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