letztens war Verkehrsaktion gegen verkehrswidriges Halten und Parken in berlin und die polizei stellt nüchtern fest:

Ein spürbares Unrechtsbewusstsein im Individualverkehr war kaum wahrzunehmen und es ist zu vermuten, dass viele der Betroffenen ihre individuellen Interessen hinsichtlich des Haltens und Parkens vor allem auf Busspuren und in zweiter Reihe regelmäßig sorglos über die Interessen der Allgemeinheit stellen.

hier gibt es eine schöne vorlage zur erstattung einer anzeige, wenn mal wieder jemand falsch parkt, bspw. auf dem radweg. der autor liefert auch begründung und argumente, falls noch jemand skrupel wegen denunziantentum hat:

Klar will jeder seine Mühle vor der Tür stehen haben. Habt ihr euch mal überlegt, wie das bei einem 3-stöckigen Mehrfamilienhaus überhaupt gehen soll? Vielleicht nicht. Und vielleicht ist es euch auch gar nicht aufgefallen, aber das geht nicht. Da ist nicht genug Platz. Auch nicht auf dem Geh- und Radweg. Denn auch wenn da in dem Moment, in dem ihr des Deutschen liebstes Kind dort abstellt keiner da ist, da kommen Leute. Und die wollen da lang. Das versteht sogar der begriffsstutzigste Falschparker, denn sonst würde er einfach auf der 4-spurigen Straße stehen bleiben und sich gar nicht erst die Mühe machen von der Fahrbahn rüberzulenken.

sollten wir alle mal machen, soviel zeit muss sein. und wer sein auto auf dem radweg abstellt, der nimmt ein bußgeld in kauf, weiß aber, dass die wahrscheinlichkeit gering ist, erwischt zu werden. es müssen nicht zwangsläufig neue gesetze her, vorhandene sollten nur durchgesetzt werden.

(via)

“Geht aber nicht absichtlich zu langsam, Jungs”, rief ein Autofahrer, “damit wir nicht zu lange warten müssen.” Da hatte er recht. Keiner soll den anderen mit Absicht ärgern.
[aus: JANOSCH: Tiger und Bär im Straßenverkehr. Diogenes Verlag AG, Zürich 1990]

Rosenthaler Platz im Juli 2006 mit gestempelten Wolken
Rosenthaler Platz im Juli 2006 mit gestempelten Wolken

Man kann anhand der Kommentare zur App Wegeheld einen guten Überblick zur gesellschaftlichen Diskussionskultur erhalten. Wir erinnern uns: Das ist jene Smartphone-App, mit der man Falschparker und weitere Verkehrsdelikte dokumentieren, veröffentlichen und auch zum Ordnungsamt senden kann. Zahlreiche Medien berichteten. Mir geht es gar nicht um Sinn und Unsinn und moralische Fragen. Ich will nur darauf hinweisen, dass der Straßenverkehr in Deutschland funktioniert, sich jedoch einige daneben benehmen, egal ob Fußgänger, Fahrradfahrer oder Autofahrer. Nur hat das in einem Auto ungleich mehr Auswirkungen (Masse mal Geschwindigkeit, wir erinnern uns). Ob es im Straßenverkehr nun ruppiger zugeht als noch vor ein paar Jahren, kann ich nicht sagen, dafür fahre ich zuviel Öffentliche. Aber der Straßenverkehr hat zugenommen in den letzten Jahren. Es teilen sich also immer mehr Verkehrsteilnehmer den begrenzten Raum “Straße”. Und das führt zu Spannungen, Konflikten, die nicht selten in Aggression und bewusster Zuwiderhandlungen rechtlicher Normen führen: Falsch- oder Zweitereiheparken usw. Ob eine App die Situation zu entspannen vermag, darf zu Recht bezweifelt werden.

Screenshots von Kommentaren
Screenshots von Kommentaren

Der Vergleich mit Blockwart oder Stasi in so manchem Kommentar ist auch daneben. Immerhin nehme ich beim Falschparken den Gesetzesübertritt in Kauf und handle somit asozial. Ob und wer dann letztendlich die Situation dokumentiert und ahndet, ist zweitrangig.