Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze, Seiten eines immer neuen Buches ergeben. ― Franz Hessel (1880-1941)

wir nähern uns der stadt, indem wir sie uns photographisch und ästhetisch aneignen. die stadt ernährt uns mit ihren eindrücken, bildern, geschichten. wir müssen nur vor die tür treten, die kamera mitnehmen und losstapfen, richtung egal. hinter jeder kreuzung eine andere welt und hinter tausend stäben keine welt. forschen schrittes erklimmen wir den prenzlauer berg, düstere wolken ziehen über die weinberge am rosenthaler. im wald unter den linden sie sonntägliche waldesruh, zieht es uns zum tore hinaus. vorbei am schloß, das sie wieder hübsch aufgebaut haben und sich selbst zitieren. ein in stein gebaute selbstreferenz, um sich zu vergewissern, noch da zu sein. leuchtend das christliche kreuz auf der kuppel, ein erbärmlicher rückgriff auf glorifizierte vergangenheit.

doch lassen wir unsere augen einstweilen auf den kleinen dingen ruhen, auf den verlorenen, unachtsam weggeworfenen. morgen oder nächste woche werden sie weggeräumt, gesammelt, vom winde verweht. momentaufnahmen der stadt, die so absolut in jenes bild passen, die der provinzler von der großen stadt hat. weil er sich nicht eine solche unordnung in seinem städtchen vorstellen kann. weil aber auch so viele menschen aufeinander hocken hier und beständig dinge brauchen, konsumieren und wegwerfen. die abgetragene damensandale auf einem stromkasten am hackeschen markt? stolpert die besitzerin nun unbeschuht ihrer wege oder hat sie längst ersatz gefunden in einer der boutiquen?

die baustellencontainer, reich illumniert, sehen aus wie in einem computerspiel, das alienmonster lauert um die ecke und muss erschossen werden. der einsame basketball zwischen baustellenmüll – wie kam er da hin, wer kann nun nicht mehr dribbeln? die frau an der bushaltestelle steigt nicht in den bus, obwohl doch alle in dieselbe richtung fahren. worauf wartet sie an diesem zugigen nicht-ort?

an einer laterne an der ecke friedrichstraße ein selbstgeschriebener zettel „UNERSÄTTLICHER HUNGER NACH VERGNÜGUNGEN…“, genau dort, wo es kein vergnügung mehr gibt. wo stadtleben genau nicht stattfindet, sondern durch büro und verwaltung und straße und trourismus verdrängt wurde. die friedrichstraße überhaupt, einst zentrum der avantgarde und ausgehzentrum ist nun ein lächerliches sträßchen voll borniertheit und provinz. die trottoirs zurück gedrängt vom automobilen individualismus. und fahrräder überall, sie stapeln sich und bilden skulpturen an den kreuzungen. sie werden auch bewegt, man glaubt es kaum, sodass sich die skulpturen wie organismen jeden tag neu formieren. eine band bläst den lustigen marsch auf der friedrichsbrücke, der sound berlins ist schwer zu beschreiben, hier klingt er nach jazz und großer welt.

jede tiefgarageneinfahrt eine kleine lichtinstallation, in szene gesetzt von neon und led. verständlich, sind doch die fassaden der neubauten beliebig und monoton geworden, da kann man sich wenigstens unten auf augenhöhe für den flaneur in szene setzen.

(mit M. durch die stadt gelaufen und photographiert wie so touristen. endlich wieder digital und mit verschiedenen brennweiten. techniken ausprobiert und gescheitert, aber ab und zu ist auch mal ein gelungenes bild dabei. einen launigen text mitten in der nacht dazu geschrieben.)

19.09.2016 bei maskworld.com in der Oranienburger Str., Berlin

throwback in september 2016: wir sind in mitte verabredet weil wir da was vorhaben. den maskenladen gibts schon ewig, über die oranienburger gibts ein schönes buch. die gegend nervt wegen touristen und schickimicki. das altersheim gegenüber den hackeschen höfen wurde weggentrifiziert, nachdem es in den 90ern selbst gentrifiziert hat. und die freimaurerloge wurde abgerissen. die synagoge glänzt in der abendsonne, grillgeruch aus dem monbijoupark und im aufsturz gibts viel bier. im zosch in der tucholskystraße sitzen die spanier und der burger wird kalt. gegenüber hat sarah wiener eine bäckerei. der späti ist noch auf, die straßenbahn rattert und ab und zu sieht man noch frauen. das tacheles ist abgerissen, eine gruppe angetrunkener aus der provinz torkelt vorbei. es nieselt leicht und in dem indischen restaurant werden die letzten tische geräumt.

throwback in april 2016: in einem hof eines berliner bürogebäudes in mitte passieren merkwürdige dinge. das architektonisch höchst bedenkliche gesamtkonzept aus oval, trapez und dreieck wird gestört durch zwei rechteckige löcher. absperrband verhindert unfälle.

eine frau entfernt sich zügig von der szenerie. ist sie soeben dem loch entstiegen? hat sie sich von der korrekten ausführung des bauvorhaben überzeugt? hat sie gar ihren kollegen in die grube gestoßen?

links oben im bild eine weitere grube, nah am haus. vielleicht auch einbrecher, die sich in büroräume graben wollten? oder in eine bank, aber sie haben die pläne falschrum gehalten und sind hier im hof rausgekommen?

alles sehr mysteriös und wir werden nie die wahrheit erfahren.

wer dachte, die entmenschlichung der arbeit durch robotik wäre ein segen, stand noch nie an einer SB-Kasse im supermarkt.

in mitte gibt es seit kurzem einen roboter-eis-laden. da bestellt man an einem riesigen tablet seine kugeln und bekommt einen bon ausgedruckt.

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den bon löst man an einem weiteren automaten ein, woraufhin das eis angefahren kommt – aus der wand!

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dann nimmt man es und lädt es mit toppings voll, weil man da so viele nehmen darf, wie man will. was dann zu merkwürdigen kombinationen führen kann…

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irgendwo hinten im laden gibt es eine kasse mit einem echten kassierer. ziemlich inkonsequent, hätte man das doch auch noch automatisieren können.

während wir da waren – freitag mittag, ende april – waren wir die einzigen im laden und wurden von einer verkäuferin kräftig beraten. ergibt in einem automatisierten roboter-eis-laden nur bedingt sinn. aber so ist mit neuer technologie: der benutzer braucht hilfestellungen, weil er im grunde die einzige unbekannte im system ist und die ursache für alle fehler.

alles ganz nett, man fühlt sich gegängelt, überfordert, allein gelassen. und das eis schmeckt auch nicht.


mehr: wurstautomat 2 | wurstautomat 1 | Madenautomat | …mat | saugroboter |


berlin hat ein neues einkaufszentrum. genau da, wo früher schon das Wertheim Leipziger Platz stand, da wor man sich in den neunzigern abzappelte (tresor). das ist so trist und traurig, so dekadent, architektonisch langweilig und uninspieriert wie alle einkaufszentren dieser welt. der sogenannte food-court ist so deprimierend, dass einem schnell das essen vergeht. wie masttiere bewegt man sich im rondell vorbei an den büdchen mit fettigem und den minijobbern, alles so beliebig und austauschbar.

hinweis für die touristen unter den lesern: bitte nicht die mall of berlin mit der wall of berlin (checkpoint charlie) verwechseln:

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ich muss das hier mal hinschreiben, sonst vergesse ich das wieder und ich habe jetzt ein halbes jahr danach gesucht: das white trash fast food ist nach treptow ins popkulturelle nichts gezogen (findet da aber offenbar trotzdem regen zuspruch, sagt man). lange bevor das white trash in der schönhauser eröffnete, war da der dolmen club. da haben wir viele abende verbracht und es waren gute nächte. und die musik war toll, independent tanzmusik, gibts heutzutage noch im duncker. und nach ein bisschen mehr suchen findet sich noch ein eintrag in der riesenmaschine dazu. beide clubs existierten wohl eine zeitlang nebeneinander, verrückt!

experimente mit dem weitwinkelvorsatz und falschen belichtungen. großer tiergarten und zoo, erste frühlingssonne in berlin.

Das Wasser steht den Berlinern bis zum Hals. Zumindest jenen, die in der Sohle des Urstromtals wohnen oder bauen. Da kommt nämlich das Grundwasser hoch (wir berichteten). Um dem entgegen zu wirken, wird das Grundwasser von den Baustellengruben einfach abgepumpt und über rosa Röhren irgend woanders hin gespült1.

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Hier gibt es einen erklärenden und hier einen nachdenklichen Artikel zum Thema.

Die Tage wurde wohl eine Baustelle fertig und so werden zur Zeit die Röhren am Potsdamer Platz abgebaut:

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Nur zur Info, dass Ihr Euch nicht wundert.


  1. vielleicht wird daraus Berliner Pilsener oder Schultheiß gebraut, man weiß es einfach nicht, würde aber einiges erklären []

Frontalangriff aufs Gesundheitssystem: Die Kassen bezahlen nicht alle Leistungen, die benötigt werden, sondern nur die billigsten Medikamente. Ein alter Arzt in Berlins diesmal gar nicht so szeniger Mitte zahlt drauf und den Patienten geht es besser. Blöderweise stirbt aber einer und nun ermittelt die Mordkommission.

Ganz schön ruhiger, nachdenklicher Tatort, auch Felix Stark hat Beschwerden. Ritter verguckt sich in Susanne, lässt es aber wieder, als er ihr krankes Kind bemerkt. Nicht sehr schön, aber wahrscheinlich nah an der Realität.

+++ Link +++ Erstausstrahlung: 03.04.2011

[xrr rating=5/7]

wo können klischees besser ausgelebt werden als in der photographie? eine dokumentation der ressentiments…

An einem Sonntag in der Oderberger (Mai 2010)
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An einem Sonntag in der Oderberger II (Mai 2010)
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Jazz im Bürgerpark (Mai 2010)
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Hinterhof im Wedding (Mai 2010)
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Hinterhof im Wedding II (Mai 2010)
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Ordnung in Charlottenburg (Mai 2010)
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Strandbar in Mitte (Juni 2010)
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Aufwertung in Prenzlauer Berg (Juli 2010)
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