es ist ende der neunziger. karsten ist in die spd eingetreten, er war schon immer ein arsch, aber nun übertreibt er. trotzdem wird gerhard schröder bald bundeskanzler. enrico hat kostolany gelesen und erzählt uns von anlagestrategien, wir hassen ihn. nicht dass es uns interessiert, allein schon der geruch nach geld und kapital macht uns misstrauisch. unsere aufmerksamkeit gilt dem anderen geschlecht und dem bevorstehenden abi. es ist kompliziert, beides. das herz schlägt links, im zimmer eine che guevara-fahne aus dem emp-katalog, dazu patches auf dem armeerucksack. nachts npd-plakate runterholen. und tagsüber schule. das ist alles gut zwanzig jahre her, ich habe keine ahnung, was die freunde von damals machen, auf dem letzten klassentreffen war mir alles zuviel. vielleicht sollte man auch die vergangenheit lassen und nach vorne schauen.

kürzlich hat die CIA akten befreit. da findet sich auch allerlei interessantes zu deutschland und ddr. das ganze ist durchsuchbar und nur teilweise geschwärzt. mit ein wenig zeit kann man sich austoben.

hier zB gibt es eine einschätzung über den politischen zustand der ddr („EAST GERMANY: A POLITICAL PROGNOSIS“), hier das pdf. zwar sahen sie opposition und friedensbewegungen, aber einen mauerfall haben sie nicht vorher gesehen. eher leichte reformen in der führungsspitze der partei und regierung.

in stuttgart haben linksextreme eine kritische ausstellung1 über die ddr kaputt gemacht. das ist dialektik.

wir haben noch mehr lustige ideen:

– vor dem arbeitsamt für vollbeschäftigung demonstrieren
– die app der FDP bundestagfraktion installieren
– mit glaskugeln im steinhaus werfen


  1. hier ein pdf zur ausstellung, die texte stammen von Stefan Wolle, das buch hatte ich vor jahren mal gelesen. []

So richtig eine Antwort fällt mir da jetzt nicht ein, als Trost kann ich aber ein paar schlechte Scans aus Jugend und Technik vom Oktober 1962 anbieten. Futurismus trifft sozialistische Ideologie. Oder so.

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Letztens im Familienalbum entdeckt: Bilder von der Einschulung der Tharandt-Zwillinge. Die wurden so genannt, weil sie aus Tharandt stammten und offensichtlich Zwillinge waren. Was wohl aus ihnen geworden ist? Man möchte fast glauben, dass sie die Zuckertüten alsbald gegen halbautomatische Gewehre tauschten, später zu gesuchten und gefürchteten Gewaltverbrechern wurden, mordend und erpressend die Straßen und Dörfer im Osterzgebirge unsicher machten und eine Spur der Verwüstung und Verzweiflung hinterließen. Gesetzlose, auf dem Weg in die Hölle, ohne Skrupel Banken, Bürger und Bordelle ausraubten, dabei über Leichen gingen und niemals gefasst wurden.

das mögliche Fluchtauto? (by steffen, mit freundlicher Genehmigung)
das mögliche Fluchtauto? (by steffen, mit freundlicher Genehmigung)

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Statistisch wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie zu ganz normalen Menschen wurden. Mit Sicherheit keine Widerstandskämpfer, sondern ganz normale Bürger. Unter Hitler Soldaten, später vielleicht in der Partei. Eigene Familie, Kinder, Auto, Hund, Schrebergarten. Das Leben ist kein Spielfilm der Gebrüder Coen.

Unsere sech­zehn­jäh­ri­gen Küsse schmeck­ten alle nach DRUM und irgend­was. In den Schul­frei­stun­den nach kal­tem DRUM-Rauch und Tchibo-Pausenkaffee für sech­zig Pfen­nig, an den Wochen­en­den nach kal­tem DRUM-Rauch, Gras, Rasen, Lager­feuer, „Mav­rodaphne“ und all den ande­ren kleb­rig­flüs­si­gen Fol­ter­in­stru­men­ten der hel­le­ni­schen Kel­le­rei Tsan­tali, wie man sie auf der Suche nach einem One-Night-Stand Frch und rotem Zwei­li­ter­wein, Marke „Römer­krug“.

blog.svenk.de: Als das Rauchen noch nicht tödlich war (4): DRUM

Denkt mal ein paar Zahrzehnte zurück. 80er Jahre. DDR.
Der Aufstand gegen die Regierung wird immer stärker. Auch in der Musik ist dieser Trend zu spüren was zu vielen sogenannten Berufsverboten führte.
Es gab damals eine Menge guter Bands, die den Ost-Rock geprägt haben. Renft, City, Silly, Karat, Berluc, Electra, Stern-Combo Meißen, Keks und auch die Puhdys.
Viele dieser Bands gibt es heute nicht mehr und/oder kaum einer kennt sie mehr. Für mich Grund genug, mal wieder etwas für die Populartät dieser Musikrichtung, die mir ziemlich am Herzen liegt, zu tun.

Da man sich ja mit freier Meinungsäußerung in der DDR etwas schwer tat, wurden heikle Themen wie die Flucht aus der DDR sehr geschickt mit vielen Metaphern in den Texten versteckt, so dass der typische Jugendliche von heute Probleme hat sie überhaupt zu verstehen (wenn er zufällig mal über Ostrock stolpern sollte).
Besonders gut gefallen mir die Texte der Klaus-Renft-Combo.

Ketten werden knapper
Und brechen sowieso
Wie junger Rhabarber
Wie trockenes Stroh
An der Hand des Riesen
Der tausend Nasen hat
Der braucht nur zu niesen
Und wendet das Blatt

Ketten werden knapper – liebe Regierung, das Eis wird dünner, ihr könnt uns nicht alle wegsperren, wir lassen uns nicht alles gefallen.
Der Riese, der tausend Nasen hat und nur zu niesen braucht um das Blatt zu wenden – hier dürfte das Volk gemeint sein, dass nur mal auf die Barrikaden gehen muss, um etwas zu verändern.

Singt für alle, die alles wagen
Für die Leute in Vietnam
Die riskieren nicht nur ihren Kragen
Die planieren den braunen Schlamm

Gegen den braunen Schlamm. Nazis in Vietnam. Amis sind Nazis? Spekulationen…
Da kann man auch viel hineininterpretieren aber das sind wirklich tolle Texte. Und die Musik dazu ist auch nicht schlecht.

Hier noch ein Text, der auf die Melodie von Neil Youngs Lied Helpless gesungen wird. Herrlich.

Hier steh ich, seh die Sterne,
blau, blau Glas dahinter.
Leicht schwebt ein Schatten
über die Erde, an der ich klebe.

Vater Vogel fliegt den Seinen
Freisein über den Felsen vor,
der gelbe Mond gibt sein ganzes Hell
so ich sehe – Machtloser –

Steh ich
hilflos, hilflos, hilflos, hilflos.
He, Träumer, hörst du mich?
So viele Tore sind uns versperrt.
Vater Vogel fliegt die Freiheit vor

Ich will euch jetzt nicht mit noch mehr Texten bombardieren, aber diese beiden musste ich einfach in den Artikel reinfummeln.
Hört es euch einfach mal an. Viellecht gefällt es ja dem einen oder anderen. Diese tolle Musik darf nicht in Vergessenheit geraten.

Wenn es ihnen gefallen hat erzählen sie es weiter, wenn es ihnen nicht gefallen hat behalten sie es für sich.

Da Youtube bei dieser Musik ziemlich versagt, stelle ich Interessierten gerne Hörproben einiger musikalischer Perlen zur Verfügung.

Heute vor 20 Jahren ist der erste gesamtdeutsche Bundestag nach der Wiedervereinigung in Berlin zusammengetreten.

Grund genug mal die DDR zu beleuchten.
Da ich nur einige wenige Jahre in der DDR verbringen konnte, durfte und musste überlasse ich die ganze Rumphilosophiererei heute mal Kuttner, der ja einige Jahre mehr in der DDR verbracht hat und mir deshalb für diese Aufgabe prädestinierter zu sein scheint als ich. Immerhin würde ich den Versuch einen kuttnerschen Schachtelsatz zu formulieren als gelungen bezeichnen und übergebe mich jetzt an Jürgen Kuttner, der, wie ich finde, einer der besten (und dadurch vielleicht auch anstrengensten) Querdenker, Hinterfrager, Philosphen, Anprangerer und Zusammenhangsentdecker der heutigen Zeit ist.

Viel Spaß und lasst euch nicht zu sehr verwirren.