endlich befreit. als ich mein handy neu bespielte, flog auch ganz viel unnötiger ballast weg. nennen wir das kind beim namen: instagram. gelöscht ist sie, die blöde app. viel zu viele berechtigungen für eine simple foto hochladen-funktion. eine toxische community, influencer und celebrities buhlen um die teenager und likes, es ist so traurig. unklare geschäftsbedingungen (wem gehört das bild nach dem upload?) und überhaupt facebook als betreiber. da stelle ich mein bild doch lieber in das eigene blog. was uns zur frage führt: wenn keiner das blog liest, existiert das bild vom wald überhaupt? jedenfalls im wald gewesen, da war es neblig und kalt und pilze gabe es nur ein paar. aber unschlagbar: die stille. die schweren wanderstiefel erzeugen ein knacken, das wars, ab und zu vogelt ein vogel im geäst, die bäume machen auch geräusche im wind, sonst ist stille. du bist mit dir und deinen gedanken alleine. in der stadt ist ja immer was, und wenn es deine kopfhörer sind, die deine ohren zumüllen. jaja, wald ist toll.

in templin haben sie kurz vorm mauerfall ein wellnesshotel für stasimitarbeiter gebaut, sind aber nicht fertig geworden. die gebäude wuchern seit zwei jahrzehnten zu und die natur schafft eine ganz angenehm düstere szenerie. in etwa so stelle ich mir tschernobyl vor.

auf youtube gibts auch einige videos zu diesem lost place, z.B.:

Media Team Uckermark: Das Stasihotel Buchheide in Templin
Geox World: Lost Place DDR Hotel Buchheide

leider hatte ich das falsche objektiv dabei, aber ein bisschen eindruck ist immer:

vorher im blog: #templogs (12/2016)

waren Sie schon mal in templin? in der uckermark, auf halbem weg zur ostsee. mühsam zu erreichen, aber nett anzuschauen. sogar die stadtmauer steht noch. ist natürlich totale provinz, da muss man vorbereitet sein, dass man nicht depressiv wird, zumal im spätherbst. überm see liegt der nebel, der weihnachtsmarkt ist wie überall. kleine einzelhändler überleben, weil die bevölkerung aus den umliegenden dörfern zum einkaufen her kommt. touristen sieht man wenige, im dezember offenbar keine saison. schauen Sie sich das an, aber erwarten sie nicht zuviel.

Wir gehen dahin, wo es wehtut. Und dekadente Shoppingtempel stoßen uns gleichermaßen ab wie sie uns anziehen. Irgendwo hinter Spandau ist das große Outlet Center, schon ewig, die Betreiber haben bereits mehrmals gewechselt. Riesige Parkplätze umzingeln eine pitoreske Ansammlung kleiner Gebäude – ein Markendorf, das einer brandenburgischen Gemeinde um 1835 ähneln soll1. Dabei sieht das Dorf eher wie Seahaven2 aus.

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Dem geneigten Leser mag dies gruselig erscheinen – in Wahrheit ist es jedoch viel schlimmer. Menschen schieben sich an diesem Samstagnachmittag über die Promenade von Laden zu Laden, jeder bereits mit Tüten bewaffnet, auf denen groß die Labels zu lesen sind. Und diese Menschen sind die liquide Mittelschicht, sie gehen keinen prekären oder gar keinen Beschäftigungsverhältnissen nach, sie verdienen und wollen es zeigen. Das ist kein Berliner Durchschnitt, höchstens Steglitz und Speckgürtel. Man hört auch viel ausländisch und gruselt sich vor der Vorstellung, das dies ein fester Programmpunkt auf der Europareise sein könnte.

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Entsprechend sind die Läden dann auch nicht H&M und C&A dm und Nanu-Nana3, sondern eher so Friedrichstraße, aber da kenn ich mich zuwenig aus. Dazwischen gibts auch Essen, der alten Shopingmall-Regel des Foodcourts folgend.

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Doch was ist das eigentlich, ein Outlet Center? wikipedia weiß es besser: „Fabrikläden befinden sich nicht unbedingt in unmittelbarer Nähe der Fabrik.“ Da wird Ware angeboten aus der letzten Saison oder das, was sich nicht verkauft hat. Zu reduzierten Preisen. Kann man nicht in den eigenen Läden machen, da man sich sonst die Preise kaputt macht4. Das zielt auf den ureigensten Jäger- und Sammlertrieb des Menschen. Denn ein rabattierter Schuh schüttet vermutlich die gleichen Hormone aus wie ein erlegtes Mammut5.

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Der Nike-Laden hatte ein technisches Problem, kurz wurde der Laden geräumt und eine Traube bildete sich davor.

Doch was meckere ich hier eigentlich so viele Zeilen lang? Ich war ja selber da und im Gegensatz zu Konsumtempeln in der Innenstadt stolpert man da nicht zufällig rein, sondern entscheidet sich bewußt für die Anreise6. Irritierend und verstörend ist das Shoppingdorf aber schon, ohne dass ich das erklären kann – ob das an dem unreflektierten Shoppen liegt, an der Künstlichkeit, an dem Fehlen jeglicher Natürlichkeit? An dieser Stelle könnte auch Anti-Amerikanismus stehen – immerhin kamen Mall und Outlet über den Atlantik – denken Sie sich ihren Teil. Das Problem sitzt vermutlich tiefer und hat mit Gesellschaftkritik zu tun. Lassen wir das für Heute und freuen uns über diese Statue, einer Ikone des Konsumismus:

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  1. schrob die Morgenpost schon 2009 []
  2. die Küstenstadt unter der Kuppel im Film Truman Show, 1998 []
  3. vgl. dazu Marc-Uwe Klings dezente Innenstadtkritik Das Kettenkarussell []
  4. in der Provinzstraße riecht es manchmal penetrant nach Essig von der Kühne-Fabrik, die haben auch einen Fabrikverkauf []
  5. siehe dazu auch Thaler et al []
  6. es gibt auch einen Shuttle aus Berlin []