ein farbnegativfilm im schwarzweißentwickler (rodinal) – kann das funktionieren? wie ralf tossenberger dies hier beschrieben hat, war ich ebenso von den ergebnissen überrascht. klar, es fehlen die farben und die schärfe ist auch irgendwie matschig. aber man spart sich den gang zum fotolabor und interessant sind die ergebnisse allemal.

Film: Schlecker AS 400
Kamera: Nikon FA
Zeit: 2020/12
Entwicklung: Adox Rodinal 1+100 120min
Scan: Epson Perfection V330 Photo

„…man muß auch das Positive sehen, dachte er, immerhin ist bald Weihnachten, fiel ihm die Bemerkung von Karl aus der letzten Nacht ein, und er mußte lachen, obwohl er nicht genau wußte, warum.
„Warum lachst du?“ fragte Chrissie. „Nur so“, sagte Frank.
„Aha“, sagte Chrissie und schaute wieder in ihre Tasse. „Ich dachte, bald ist Weihnachten“, sagte Frank. „Das hat Karl gestern gesagt.“
„Ach so. Sehr lustig!“
„Geht so“, sagte Frank, und dann schwiegen sie.
~ aus: Der kleine Bruder

in den letzten wochen nochmal die regener-bücher über karl schmidt, frank lehmann und die bande gehört. ein ganzes universum ist das, in etwa vergleichbar mit herr der ringe oder star wars. die bücher sind nicht ganz chronologisch über einen zeitraum von 15 jahren erschienen und unterscheiden sich literarisch und perspektivisch. alle beschreiben sie ein westdeutschland (bremen) und westberlin (kreuzberg) der 80er jahre, das inzwischen so fremd und weit entfernt ist wie das auenland.

es sind die dialoge, regener lässt die protagonisten allen sinn und unsinn faseln, ihre sicht auf die dinge. dazu die gedanken von frank (und später karl). das sind auch keine gewinner, es muss sich in der welt zurecht gefunden werden, später in der kunstwelt. es muss überlebt, aber vor allem gelebt werden. es wird viel getrunken und geraucht. dabei mäandern die themen zwischen oberflächlich und tiefen gedanken. und vor dem kneipenfenster passiert die große weltgeschichte.

„Moment, Moment“ , sagte er. „Das gilt aber nur, wenn man die Zeit als etwas Absolutes nimmt. So geht das aber nicht. Meiner Meinung nach ist das wie mit einer Sanduhr. Der nüchterne Sand rinnt schneller raus als der betrunkene Sand, und deshalb ist mit betrunkenem Sand die Zeit langsamer.“
~ aus: Herr Lehmann

trivialitäten treffen große fragen. provinz trifft großstadt, die großen fragen werden behandelt im kleinen. vieles bleibt offen und zwischen den büchern ergeben sich ungereimtheiten, aber das ist nicht der punkt. vielmehr geht es um die dialoge, das sind – obwohl oft unzusammenhängend und wirr – die wahren stars der bücher.

und, natürlich sind die hörbücher besser, vom autor gelesen.

im oktober am fotomarathon mit c. teilgenommen. themen wurden per mail und youtube vorgegeben, neun photos sollten angefertigt werden, ich hatte mich in die analogsektion gebucht, hier die ergebnisse in der sehenswerten 3d-ausstellung. c. hat auch ein video gebaut, hier seine serie.

Film: Kodak Ultramax 400
Kamera: Praktica BX20
Zeit: 2020/10
Entwicklung: C41
Scan: unbekannt

oberthema: Wenn ein Reisender in einer Winternacht

1. Wenn ein Reisender in einer Winternacht
2. Über den Steilhang gebeugt
3. Ohne Furcht vor Schwindel und Wind
4. Schaut in die Tiefe, wo sich das Dunkel verdichtet
5. In einem Netz von Linien, die sich verknoten
6. In einem Netz von Linien, die sich überschneiden
7. Auf dem mondbeschienenen Blätterteppich
8. Rings um eine leere Grube
9. Welche Geschichte erwartet dort unten ihr Ende?

ein paar tage vor weihnachten kamen ihr erste zweifel an der idee. dabei klang alles so einfach wie logisch: sie war eingeladen bei ihrer freundin; es konnte ja niemand verreisen. und bevor sie nach diesem verrückten jahr auch noch weihnachten alleine verbrachte, wollten sie sich treffen, zusammen essen und den abend verbringen. jeder sollte was kochen und mitbringen. neben einem kuchen wollte sie barszcz czerwony mitbringen, die polnische borschtsch-variante. das rezept ist nicht komplex und sie hatte das auch schon gemacht, kein ding. was ihr nun aber den kopf zerbrach, war der transport. sollte sie sich mit dem kopf in ein taxi setzen oder doch lieber die sbahn nehmen? sind töpfe überhaupt wasserdicht und was, wenn nicht? andere gefäße hatte sie nicht, die tupperdosen waren zu klein und zu wenige. einmachgläser schmiss sie immer gleich weg. verdammter ordnungswahn. egal, erstmal einkaufen. rinderbrust, speck, rote beete, bisschen gewürze und gemüse. so ging es vom supermarkt nach hause, der lauch lugte aus dem rucksack und schrie den passanten zu: seht her, hier wird frisch gekocht – weicht zur seite mit euren instantnudeln und dönern.

ein paar stunden später, es blubbelte und dampfte und roch aus der küche, bekam sie langsam panik. dass sie sich beim rote beete-schneiden in den finger geschnitten hatte – geschenkt. aber der finger mit dem pflaster störte doch arg und brannte auch ein bisschen. nur nicht aufgeben jetzt, dachte sie noch, als es an der tür läutete. die klingel war laut und durchdringend und ungewohnt, schließlich bekam sie fast nie besuch und pakete noch seltener. ja, fragte sie zögernd in der gegensprechanlage. polizei, können wir uns kurz mit ihnen unterhalten, knarzte es blechern zurück. ja-ha, sagt sie und drückte. die gedanken rasten durch ihren kopf, mit der polizei hatte sie noch nie etwas zu tun gehabt.

keuchend schleppte sich ein uniformierter mann die treppen hoch, sie konnte ihn eher hören als sehen und als er fast vor ihr stand, musste er erstmal wieder zu atem kommen. dass sie aber auch ganz oben wohnen müssen, drang es plötzlich aus ihm heraus. er stellte sich vor und kam gleich zum wesentlichen. ob ihr letzte nacht etwas aufgefallen sei, geräusche, verdächtige personen im haus, sowas. sie überlegte und schüttelte langsam den kopf. was ist den passiert, wollte sie fragen, doch der grimmige polizist guckte sie durchdringend an. nein, eigentlich nicht. mhm. so gegen zehn uhr abends? nein. dann schwiegen sie beide und ihre gedanken schweiften ab. in wolken drangen immer wieder gerüche aus der küche, die suppe kochte vor sich hin. dann begann der polizist zu erzählen, sie seien auf der suche nach einbrechern, die gestern abend im vorderhaus eingebrochen sind und es noch in weiteren wohnungen versucht haben. oh gott, entfuhr es ihr. wie in so einem fernsehfilm, schlug sich auch die hand vor den mund. ob das ein angeborener reflex ist oder erlernt, dachte sie noch. dann reichte ihr der polizist eine karte und meinte, sie solle sich melden wenn ihr noch was einfiele oder sie was beobachtet.

als sie hinter ihm die tür schloss, musste sie sich setzen und starrte gerade aus. ok, großstadt, verbrecher, davon hatte sie gehört, aber im eigenen haus? sowas passiert doch immer nur anderen oder in den nachrichten. jetzt wurde sie unruhig. überlegte fieberhaft, ob ihr nicht doch was aufgefallen sei gestern. sie ist früh ins bett gegangen und hatte geschlafen, aufgewacht war sie jedenfalls nicht.

später machte sie sich fertig und ging raus, die ganze zeit grübelnd und zweifelnd und in gedanken ganz woanders. die tür doppelt abgeschlossen. mechanisch lief sie zur sbahn, ein eisiger wind zog durch die häuserschluchten, die straßen waren leerer als sonst, aus vielen fenstern drang licht. auch die sbahn war nicht voll, ein paar leute nur, saßen vereinzelt in den sitzreihen. bei ihrer freundin ein großes hallo und wie gehts dir, komm doch rein und wo ist eigentlich die suppe. ach mist, die hatte sie vergessen. zum glück den ofen ausgemacht, da war sie sich sicher. aber eben vergessen. naja, wird schon gehen. sie feierten zusammen, das essen reichte für zwei, kein problem, es gab reichlich. sie redeten viel und lachten auch, aber es lag auch eine schwere in der luft. der einbruch, obwohl nicht erlebt, lag über ihnen und die gedanken und gespräche kreisten immer wieder darum. sie bat, heute hier schlafen zu können, das hatte sie früher immer gemacht, als sie noch zusammen zu partys gingen. naklar kein problem, hier sofa, handtuch, bettwäsche, gute nacht. das essen und der weißwein ließen sie schnell und traumlos einschlafen.

am nächsten morgen am frühstückstisch war die stimmung besser, die gedanken leichter. der weihnachtsstress war vorbei, es lagen ein paar freie tage vor ihnen, es gab nichts zu tun und das leben war leicht. gegen mittag verabschiedete sie sich und wollte nach hause, alleine sein und rumgammeln, was gab es besseres.

vor ihrer wohnungstür der schreck, die tür sah schrecklich aus und lehnte nur halb im rahmen, sie öffnete lagsam und lugte hinein. nichts, alles still. auf zehenspitzen ging sie durch ihre wohnung, die nun nicht mehr die ihre war, sondern ihr merkwürdig fremd vorkam. aber sie fand keine durchwühlten sachen, keine heraus gerissenen schubladen, keine verstreuten papiere. das lämpchen am laptop blinkte noch und auch sonst schien nichts zu fehlen. nur in der küche standen zwei schmutzige schüsseln mit löffeln auf dem tisch, dazwischen der leere topf.

friedhof, sowjetisches ehrenmal, schönholzer heide, bürgerpark – die themen ähneln sich, man kommt ja kaum noch rum. dafür gleißendes sonnenlicht in den nachmittagsstunden. man müßte mal früh aufstehen, um zu fotografieren, aber wer will das schon.

„in deinem leben war für uns kein platz mehr“, steht auf einer grabschleife. und wir überlegen lange, ob das nun zynisch oder passiv-aggressiv oder erleichtert gemeint ist. egal, die angesprochene person interessiert es ja nun doch nicht mehr.

Film: Adox CHS 100 II
Kamera: Nikon FA
Zeit: 2020/11
Entwicklung: Adox Rodinal 1+25 6min
Scan: Epson Perfection V330 Photo

„Indem sie uns einen neuen visuellen Code lehren, verändern und erweitern Fotografien unsere Vorstellung von dem, was anschauenswert ist und was zu beobachten wir ein Recht haben. Es gibt eine Grammatik und, wichtiger noch, eine Ethik des Sehens. Und schließlich besteht das erstaunlichste Resultat fotografischen Unternehmungsgeistes darin, daß uns das Gefühl vermittelt wird, wir könnten die ganze Welt in unserem Kopf speichern – als eine Anthologie von Bildern. Fotografien sammeln heißt die Welt sammeln.

~ Susan Sontag: In Platos Höhle, 1989

Film: Adox Silvermax
Kamera: Nikon FA
Zeit: 2020/11
Entwicklung: Adox Silvermax 1+29 11min
Scan: Epson Perfection V330 Photo

die Nikon FA hat mir ein netter leser zum kauf angeboten und ich habe zugeschlagen. so eine schöne kamera. matrixmessung, sonst alles manuell. eigentlich die perfekte kamera, kein schnickschnack. inzwischen habe ich ein paar filme belichtet und erzähle sicher noch mehr. hier der erste film mit dem arbeitsweg im november.

Film: FOMA Fomapan 400
Kamera: Nikon FA
Zeit: 2020/11
Entwicklung: Adox Rodinal 1+25 5min30s
Scan: Epson Perfection V330 Photo

die Zorki 4 / Зоркий-4 ist eine unerschütterliche kamera, irgendwann aus den fünfzigern. ein nachbau der leica, der film wird mit einem drehknopf weiter- und zurückgespult, das schmerzt bald in den fingern. die belichtung muss man schätzen und dann macht es nur kurz klack. die mechanik funkktioniert noch, manchmal bleibt der vorhang hängen. die zeiten scheinen in ordnung. schönes ding, schwer und liegt gut in der hand. weiterverkauft an k.

unterwegs im Rezerwat przyrody Torfowisko pod Zieleńcem, einem torfmoor in niederschlesien bei Kłodzko

Film: dm Paradies 400 (abgelaufen 2016)
Kamera: Zorki 4
Zeit: 2020/10
Entwicklung: dm, Rathaus Center Pankow (3,67 €)
Scan: Epson Perfection V330 Photo