2014-01-15 08.31.33

Auf dem Gesundbrunnen bauen Sie wieder, einen Bahnhof. Eine richtig schnieke Empfangshalle wird das, da wird der Besucher nur so empfangen, dass es eine Freude ist. Weil hier ist nämlich jeder willkommen, der aus der Fremde oder überhaupt herkommt. Da wird dann auch kein Unterschied gemacht. Auf der Gesundbrunnen-Platte jedenfalls bauen sie, hat ja lange genug gedauert und der Wind hat gezogen, wenn man da rüber gedackelt ist im Herbst und im Winter.

2014-01-15 08.31.53

Man hat sich ja immer gefragt, was dieser Platz sollte, Hanne-Sobek-Platz, 13357 Berlin, N20, ihr kennt den. Hanne Sobek war bei Hertha, lange Jahre, Deutscher Meister ’30/’31 – viele erinnern sich. Anner Plumpe, Gesundbrunnen, Badstraße, Lichtburg, Corso-Theater, Mauerbau, Dornröschenschlaf. Gesundbrunnen-Center. Und nun eine Empfangshalle. Für alle Gestrandeten und Entwurzelten, für die Touristen und die Einheimischen. Ein Treffpunkt der Völker, die sich vor dem DB Reisezentrum in den Armen liegen und – vor Kälte und Wind geschützt – eine neue Weltordnung erschaffen, an den Plänen für den Weltfrieden arbeiten.

2014-02-07 08.09.21

Die Nachrichten der vergangenen Monate haben die letzten Reste der alten Bundesrepublik beseitigt. Vorbei sind die Zeiten, als die Helmuts ein geordnetes Land regierten, als die Welt noch in Ordnung war. Die Feinde in Russland waren Kommunisten, die anderen Deutschen auch. Da hatte man einen satten Kontrast zur eigenen Lebenseinstellung, die Identität und das Weltbild war gefestigt. Dann kam die Wende, alles sollte ein paar Jahre weiter gehen, nur das Land war größer. Der Rest der Welt veränderte sich rasant, man brauchte ganze 10 Jahre für ein neues Feindbild, Staaten zerfielen, gingen bankrott, entstanden neu, Bündnisse brachen auseinander, wurden geschmiedet, die Welt drehte sich. In Deutschland zerkloppten die Sozialdemokraten den Sozialstaat, die Christdemokraten schafften die Atomkraft ab und die Grünen begannen Kriege. Plötzlich wurden feste Konstanten zu Unbekannten, Alice Schwarzer macht sich durch Steuertricksereien moralisch angreifbar, Michael Schumacher verliert, der Golf ist womöglich gar nicht das Lieblingsauto und die Amerikaner bespitzeln uns.

2014-01-12 14.48.57

Vielleicht ist diese Winterolympiade ohne Schnee der Beginn einer neuen Zeit. Einer Zeit, in der alles irgendwie irrational wird, keiner Moral, sondern nur dem Geld folgt, der kurzfristigen Rendite. Schmeißt die Ausländer raus und nehmt Euch den Mindestlohn. Beschwer dich nicht über Briefkastenfirmen und Nebentätigkeiten deiner Politiker, du bescheißt doch selbst beim Hartz4. Gründe eine Bürgerinitiative und beschwer dich auf facebook über deinen Nachbarn, aber lass die Großen Politik machen, die können das, die können nichts anderes. Lass dich verzaubern von der Dschungelkönigin und lass die Afrikaner und Syrier sich selbst abschlachten, damit du dich aufregen kannst über sie. Die Panzer dafür verkaufen wir ihnen gerne. Sei gegen Schweinefleisch und Russlands Homophobie. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Aber du kannst es wenigstens kritisch kommentieren auf ZEITonline oder in deinem Blog. Dann geht es dir besser.

2014-01-11 10.54.16

Wir sind langsam an einem Punkt angekommen, an dem wir uns entscheiden müssen. Und ich meine jetzt keine Eurokritische Politik, die sich trauen zu sagen, was nicht gesagt werden darf. Sondern eher, ob wir uns so weiterkapitalisieren wollen oder ob es vielleicht auch andere Werte gibt?

2013-11-27 18.55.53

der französische film über eine dealende oma arbeitet sich an sämtlichen sozialen problemen der westlichen gesellschaft ab: altersarmut, migranten, drogenhandel und -kosum, gewalt, und die bizarre story wird zum modernen märchen, versandet in einem honigsüßem ende und die wenigen absurden szenen werden erdrückt durch vorhersagbarer slapstick. man meint, alles schon einmal gesehen zu haben, das tut dem film nicht gut.

2014-01-21 21.55.59

Wenn Zürich eine Frau wäre, hättest Du zitternde Knie, wenn Du sie nur siehst. Dabei traust Du Dich kaum sie anzusprechen, weil sie so perfekt und unnahbar wirkt. Und jeder Satz aus Deinem Mund würde sie entzaubern, also lässt Du es bleiben und vermeidest jeden Blickkontakt. Schade eigentlich, denn sie würde Dir in einer unverständlichen Sprache antworten. Ganz so, als stecke ein Alien in ihr und versucht mit Dir zu kommunizieren. Trotzdem kommt es Dir merkwürdig vertraut vor, Du erkennst manche Wörter und ahnst das Gemeinte. Aber verstehen ist etwas anderes. Und so bleibt Ihr Euch fremd.

2014-01-22 19.03.23

2014-01-22 19.00.50

Sehnsüchtig schaust Du durch die hügeligen Gassen, ein warmer Wind weht, selbst im Januar. Du staunst über die Preise überall und den frech zur Schau gestellten Luxus. Es wiedert Dich an und Du fühlst Dich angezogen. Weil es keine Scham gibt, keine Armut, keinen Durchschnitt. Aber Du ahnst, dass es sie doch gibt, irgendwo hinter den schicken Fassaden und Schaufenstern.

2014-01-22 18.56.34

Du steckst die Hände tiefer in die Taschen und gehst weiter. Tagträumst, Dich hier nieder zu lassen als Intellektueller und die Menschen zu beobachten in einem Straßencafé. Oder als Bankster anzuheuern in einer der zahlreichen Filialen und abends das Geld rauszuhauen in den Bars. Weil es geht.

2014-01-23 19.46.51

Hier gibt es keine Zweifel, hier regiert der Mammon. Aber vielleicht ist das alles auch nur Show und es gibt ein wirkliches Leben, nur das zu finden dauert länger als die paar Stunden, die Dir zur Verfügung stehen.

…und die Unnahbare wendet sich gelangweilt ab und blickt sich um. Und dir bleibt auch kein Späti, keine Eckkneipe, kein Wegebier, du gehst ins Hotel und legst Dich hin.

2014-01-22 21.15.11

Tags darauf, am Hauptbahnhof ein ganz anderes Bild, Menschenmassen schieben sich an Dir vorbei, viele verschiedene, fremde Sprachfetzen prasseln auf Dich nieder wie Regen, Du stehst inmitten einer riesigen Bahnhofshalle, bist einsam.

2014-01-23 18.20.01

Alle haben ein Ziel, Du hast noch Zeit, lässt Dich treiben, nichts passiert. Du bist leer, diese Stadt hat dich ausgesogen, lässt Dich liegen, Du fühlst nichts. Willst nur weg von hier, hin zu jenen, die Du kennst, die Dir vertraut sind und denen Du vertrauen kannst. Hier ist nichts, was Dich hält.

2014-01-23 18.45.53

Eine Großstadt, wie jede andere, rau, lebhaft, anonym. Und doch mit eigenem Charakter, wie in jenem einen Tocotronic-Lied:

Ich mag die Spiegelung der Luft
Und wenn die Sehnsucht nie verpufft
Den Glanz des Lebens in einem Tag
Ich mag den Zweifel, der an mir nagt
Wenn meine Angst mich schnell verlässt
Ich mag den Tanz, das Idiotenfest
Wenn wir irren, nachts im Kreis
Eine Bewegung gegen den Fleiß

All das mag ich

Aber hier leben, Nein Danke