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Vor fast genau hundert Jahren entstand Groß-Berlin, das war die Ausdehnung der Stadt auf die Größe, die sich bis heute kaum verändert hat. Bisky hat sich also gewagt an eine Stadtgeschichte, weniger chronologisch oder historisch, eher erzählend bis anekdotisch. Daher heißt der vorliegende Ziegelstein auch Biographie. Auf über 900 Seiten ist viel Platz und den braucht man auch, trotzdem Berlin in Vergleich zu anderen Städten sehr jung und die frühe Stadtgeschichte eher langweilig ist. Bisky schafft es, jede Etappe historisch und politisch einzuordnen und neben den großen Entscheidungen auch Architektur, städtisches Leben, Sprache, Einflüsse, Kunst und Gesellschaft anzusprechen. Die Biographien großer und kleiner Berliner finden ihren Platz, sodass sich aus den Einzelschicksalen die Biographie der Stadt ergibt.

Wenn auch die Sätze manchmal etwas zu klotzig sind, oder seltsam verschraubt, sodass man sie mehrmals lesen muss. Wenn auch die jüngste Geschichte etwas zu aktuell ist – niemand ist frei von Urteilen und Bisky auch nicht, das hätte er weglassen können. Wenn man sich am Anfang durch die Friedrich Wilhelms quälen muss, es lohnt sich auf jeden Fall. Er hat ein schnell lesbaren Überblick über die Stadtentwicklung geschrieben und sich Zeit gelassen für die Details.

Notiz am Rande: Hier habe ich zum ersten mal bewusst über etwas gelesen, von dem ich Teil war und bin, ein Stück meiner eigenen Biographie sozusagen. So muss sich also dieses Altern anfühlen.

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Jaja, es ist sehr gut. Sonneborn berichtet über seine Zeit im 8. Europäischen Parlamentes von 2014 bis 2019 (inzw. wurde er wieder gewählt). Absurdes bis tragisches, ernstes bis komisches, es ist eigentlich zum heulen. Da werden Millionen verballert für ein Parlament, weitere Institutionen und dazu einen Wasserkopf an Verwaltung. Im Parlament sitzen die abgeschobenen Politiker der Mitgliedsstaaten und vertreten teilweise absurde Meinungen. Sonneborn steckt den Finger in die Wunde und weidet sich am Versagen. Es ist zum Heulen, dass es einen Satiriker braucht, um kritisch zu informieren. Danke dafür, das Tragische jedoch: Es wird sich nichts ändern.

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solider krimi mit viel handlung und fein verwobenen figuren. auch wenn ich kein großer fan von krimis bin, so rutscht doch ab und an einer durch. es ist leichte kost und je nach autor ist auch substanz vorhanden. im vorligenden fall etwa die wirren polens nach ’89. dazu die windigen finanzgeschäfte der letzten jahre, in denen unterwelt und politik verwoben sind. alte rechnungen werden beglichen, es gibt viel leid und armut und direkt daneben viel protziges geld. es treten auf ein pfarrer mit unklarer vergangenheit, ein clubbesitzer mit einem großen musikhit („Das Mädchen aus dem Norden“) und natürlich eine ermittlerin, deren gebrochener lebenslauf sie nicht davon abhält, geschickt und klug zu kombinieren. natürlich ist es keine weltliteratur, aber ein krimi der anspruchsvolleren art.

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Über 100 Tage ist Christophe André Gefangener in Tschetschenien. Seine (wahre) Geschichte wird hier als Comic erzählt. Tatsächlich passiert nicht viel, es ist nur unglaublich bedrückend. Tag um Tag vergeht, mit Handschellen gefesselt am Heizkörper. Ab und zu gibts Essen oder einen Toilettengang. Schön gezeichnet, bedrückend zu lesen.

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wir sind wieder in fürstenfelde zu besuch, diesmal auch die tiere, insbesondere der wolf ist ein thema und ein seltsamer fremder. die stadt steht kopf, aber am ende ist alles wieder gut.

dazu noch andere stories: die vom rechtsanwalt in brasilien. und von mo und der unbenannten protagonistin in stockholm. oder auf reise durch frankreich und dem sterben des großvaters. im ferienlager in der natur.

viele schöne sätze und sprachbilder und fiktive realität und reale fiktion. vom prosaischen ins poetische und zurück und vom roman zur kurzgeschichte und eigentlich ist es auch egal. lesen sollt ihr das und genießen. und darüber nachdenken, weil hier ist einer vorsichtig mit der sprache und benutzt sie nicht nur, sondern er weiß sie auch zu benutzen.

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eine unglückliche frau findet einen mann, wird ein bisschen un-unglücklicher, der mann stirbt. in zwei erzählsträngen erzählte erzählung. düster bis flapsig geschrieben, mit vielen traurigen momenten, trockenem sarkasmus und bitterem humor. ist es ein gemälde über paarbeziehungen, eine gesellschaftskritik, eine erzählung über depressionen? all‘ das und doch lässt es sich nicht kategorisieren. unbedingt mehr von frau berg lesen müssen.

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Betrachtungen über das untergegangene Kakanien1 und seine Nachfolgestaaten (Österreich, Polen, Tschechien, Ungarn, Ex-Jugoslawien, usw.), in denen wie selbstverständlich an jeder Ecke historisches zu entdecken ist.

Das Buch ist eine lose Zusammenstellung kultureller Beobachtungen, Reiseführer, Anekdoten, Literaturempfehlungen und Rezepte. Geklammert von einer Geschichte über einen Bibliothekar.

Die Geschichten so fremd wie vertraut, so fern und so nah, erzählen auch von Europa, von uns. Und dass die großen politischen Entscheidungen wenig oder alles im Leben der Menschen verändern.


  1. inoffizielle Bezeichnung für die Österreichisch-Ungarische Monarchie 1867-1918 []

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ein buch über einen, der alles hat, sich zwischen seinen identitäten bewegt, dem alles geschenkt wird. und plötzlich wird polen überfallen. als pole wird er in die kurzen kampfhandlungen 1939 involviert und bewegt sich nach der kapitulation durchs kaputte warschau, wird agent und es gibt noch mehr identitäten.

ein buch wie ein rausch, mit höhen und tiefen, abgründigen abstürzen und moralischer abstinenz. man möchte den protagonisten schütteln und zur vernunft bringen, weil er so wenig rückgrat hat, so schwach ist und dennoch liest man weiter. es sind die wirren des krieges, der so wenig krieg ist und mehr besatzung. es beginnen die judenverfolgungen, aber unser held ist kein freund der juden, lieber verzieht er sich zu seiner affäre. wird deutscher und verrät seine liebsten und sich selbst.

das buch liest sich wie im rausch, ähnlich zu Der Boxer vom selben autor, dennoch ist es ernster, beklemmender, unfertig, wie ein ungeschliffener diamant.

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ein schönes kleines büchlein über lissabon, gezeichnet und geschrieben von einer, die mal da länger gelebt hat und es wissen muss. über die einheimischen und den tourismus, über besonderes und wissenswertes, viel besser als ein reiseführer und nah dran an dem, was wir selbst dieses jahr in der sonnigen stadt erlebt haben. hier ein paar auszüge.

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wie schon Die Entdeckung des Hugo Cabret ist auch dieses buch ein kleiner schatz. aufwändige bleistiftzeichnungen und text erzählen zwei geschichten, die ineinander verwoben sind und von freundschaft und familie handeln. von gehörlosigkeit und einsamkeit. aufgrund der vielen bilder ist man schnell durch und es bleibt zeit zum nachdenken.
lesen sie dieses buch gemeinsam mit ihren kindern, es bieten sich viele gelegenheiten zum reflektieren und diskutieren.

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endlich wieder ein guter evers, mit vielen querverweisen zwischen den storys. das ist ja überhaupt das gute an den büchern: obwohl abgeschlossene geschichten, gibt es immer wieder überraschende momente, änderungen der perspektive, der erzählweise. verzerrte wahrnehmung und darstellung des alltäglichen ist evers große stärke. mit dem vorliegenden band ist es ihm wieder gelungen, unbedingt das hörbuch hören.

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Ein Roman aus dem Pankower Florakiez über den Kiez rund um die Florastraße. Über einen Typ in den dreißigern, der noch bei den Eltern und zwischen Tausenden Büchern wohnt. Als die Eltern ausziehen und er widerwillig mit der Realität konfrontiert wird, gerät sein bisheriges Leben aus den Fugen. Der neue Nachbar Hupe ist Orjinal und kann nur berlinern, ein Lebenskünstler mit Antworten auf jede Frage. Es taucht eine neue Frau auf, die alles auf den Kopf stellt. Ständig ist irgendwas. Dazwischen sitzt man im Café Stilbruch, im Kiosk oder in der Kneipe in im Schrebergarten. Dort sitzen die Alt-Pankower und trauern alten Zeiten hinterher, haben sich in der neuen noch nicht zurecht gefunden. Der Kiez wird aufgewertet, auf den Brachen entstehen neue Häuser, meist Wohneigentum. Die Alten müssen weg, auch das ein bitteres Thema im Buch. Soweit die Story.

Erzählt wird die Handlung in vielen kleinen absurden und gut erzählten Situationen. Mit viel schrägem Humor und ehrlicher Meinung. Das ist die Stärke des Buchs und trägt es auch bis zur letzten Seite. Denn leider wirken die Figuren, insbesondere der erzählende Hannes, etwas hölzern und eindimensional während er durch seine Geschichte stolpert.

Pankow kommt gut dabei weg, der Leser stromert mit den Figuren durch den Kiez und einmal sogar in den nahen Wedding. Selten sind regionale Romane keine Krimis, hier kommt keiner um, nur ein Tier, aber das musste sein. Nur länger hätte das Buch sein können.

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wahnsinnig trostlose story über zwei kerle, die sich in den umbruchjahren zwischen mauerfall und jetzt mit schmuggel und handel übers wasser gehalten haben. die globalisierung frisst sich auch in die letzten dörfer ost- und südosteuropas. chinesen importieren billiger als die beiden helden und sie geraten in die hände eines menschenhändlers. sie sind auf den straßen unterwegs zwischen polen, slowakei, ungarn und rumänien. mit einem alten lieferwagen, der erstaunlicherweise das ganze buch durchhält. erdrückend erzählt der roman ein primitives leben, wirft mit rassistischen ressentiments nur so um sich. in zahlreichen rückblenden wird die zeit kurz nach 1989 glorifiziert, als die grenzen zwar offen waren, aber schmuggel gefährlich und höchst lukrativ. wer einmal auf einem markt in osteuropa in den neunzigern stand, kennt dieses gefühl. windige kerle wittern jede gelegenheit, es gibt alles zu kaufen und nie fragt einer, woher es stammt.

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Cover von Uli Staiger – Die Lichtgestalten
Cover von Uli Staiger – Die Lichtgestalten

Das Hörbuch ist zu schnell vorbei. Vier Geschichten liest Frau Lautenbach, vier absurde Geschichten, die entweder in einer düsten Zukunft spielen („Schöne neue Schuhwelt“, „Videoabend in Pankow“) oder eine absurde Wendung nehmen („Gute Reise!“, „Wünsch dir was“). Mit Berlin haben sie weniger zu tun, dafür mit vielem Allzumenschlichem und Tragischem.

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ein ganzes jahr hat herr willemsen auf der zuschauertribüne des bundestags verbracht und beobachtet. die schilderungen setzt er in einen zeitlichen bezug, in dem er aktuelle tagesereignisse auflistet. das ist nötig, als durchschnittlicher zeitungsleser vergisst man ja ständig. dass eine reportage aus dem bundestag ziemlich fad‘ wird, ahnt man. vielleicht ist dieses buch das ehrlichste, was es zur zeit über den politkbetrieb zu sagen gibt: debatten finden in talkshows statt im parlament statt, es wird eher gepoltert statt argumentiert, es wird zuwenig zugehört. und es bleibt der eindruck, dass der bundestag nur so da ist ohne eine wesentliche funktion.