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wir reisen mit stasiuk in den osten seiner kindheit. geschickt verwebt er seine erfahrungen: 1960 geboren, aufgewachsen im sozialistischen polen der sechziger und siebziger jahre. in seiner biographie lesen wir von grausamer armeezeit und gefängnis, davon ist im vorligenden band nichts zu lesen. wohl aber von seinem verhältnis zum mangel in den läden, der allgemeinen lethargie im sozialismus, dem grau der städte.

er erinnert sich daran in jenen momenten, da er im fernen osten in der wüste gobi umgeben ist von nichts. denn das ist das eigentliche thema des buchs, die unendliche weite, leere und trostlosigkeit, je weiter er nach osten reist. dabei fängt er im osten polens an, beobachtet seine landsleute bei der religiösität kurz vor ostern, verachtet ihren konsum und ihre scheinheiligkeit. später gehts nach rußland, das er mit dem sowjetunion-bild seiner kindheit vergleicht und doch nur immer gemeinsamkeiten findet. immer weiter geht es, sibirien, mongolei, china. in die endlose weite (ich beginne mich zu wiederholen). wir stehen mit ihm auf einem hügel in der steppe und lauschen auf die stille. wir krabbeln in eine jurte und erinnern uns an die einfachheit des lebens vor dem mauerfall. es sind die parallelen, die so faszinieren.

und in der ferne glänzt china, das langsam die welt erobert, es wird vor allem in jenen kargen regionen sichtbar. und hier wagen wir einen blick in die zukunft, china wird sich uns von osten nähern, wir sollten langsam anfangen, uns damit zu beschäftigen.

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Spannendes und zeitloses Buch über ein untergegangenes Land. Von einem der besten Reisereporter des letzten Jahrhunderts. Kapuściński (1932-2007) war unablässig in der Welt unterwegs, insbesondere in Südamerika, Asien und Afrika. Im vorliegenden Buch hat er seine Reisen in die Sowjetunion zusammengefasst.

Geboren in Pińsk, damals Polen, heute Weißrussland nahe der Grenze zur Ukraine, erlebt er als Kind die stalinistischen Säuberungen und den großen Hunger der dreißiger Jahre. Mitschüler verschwinden von Heute auf Morgen, das Essen wird knapp – alles aus Sicht eines Kindes. Ohne Vorwürfe und große Politik, nur verwundert. Die Familie zieht nach Warschau.

Mehrmals zieht es ihn in die Sowjetunion, in die Ukraine, nach Moskau, aber vor allem in die sibirischen Gebiete, in den asiatischen Teil des riesigen Reiches. Er verfolgt die Spuren der Deportierten, der Millionen Menschen, die in den Gulags verschwanden. Wir frieren mit ihm, fassungslos lesen wir die Beschreibungen der Bewohner, der Hinterbliebenen. Und erneut führt er uns vor Augen, was das kommunistische Regime in wenigen Jahren unbemerkt von der Weltöffentlichkeit vollbracht hat: Eine Tötungsindustrie von den Ausmaßen des deutschen Holocaust.

Er besucht die südlichen Sowjetrepubliken, größtenteils muslimisch, reich an Rohstoffen, dennoch arm. Augebeutet von Moskau und besetzt. Die Konflikte der Neunziger Jahre ahnt er bereits, es ist vorhersehbar.

In den letzten Kapiteln beschreibt er seine Reisen 1989/90 kurz vor dem Zusammenbruch der SU. Warum gab es keine Revolution, kein Blutvergießen?

Eindrucksvoll und absolut empfehlenswert.

“Sicher werden Sie deine Adverbien zählen, deine Obwohls und die Länge deiner Ellipsen messen… Das ist ihr Job. Aber du, du schneiderst dir kein Abendkleid, du schreibst ein Buch! Kümmere dich nicht darum, was man über dich schreibt, ob gut oder schlecht. Meide die Orte, an denen über Bücher gesprochen wird. Höre auf niemanden. Wenn sich jemand über deine Schultern beugt, spring auf und schlag ihm ins Gesicht. Schwing keine Reden über deine Arbeit, es gibt nichts zu sagen. Frag dich nicht, warum und für wen du schreibst, sondern denke, dass jeder deiner Sätze der letzte sein könnte. Laß ihn an die Tür klopfen, er wird schon die Lust verlieren.”

~ Philippe Djian: Pas de deux (Lent dehors), 1991, S.435f ~

Wir fahren von Kreuzberg nach Neukölln mit dem Fahrrad. Durch die Hasenheide, vorbei am Sommerbad Neukölln und dem Tempelhofer Feld. Es ist der 21. Juni, es ist sehr lange hell, viele sind unterwegs. Das Kopfsteinpflaster nervt mit dem Fahrrad. An der Ecke liegt ein umgefallenes Mofa, hier war sicher mal eine Eckkneipe, auf den Wänden großflächige Graffitis.

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eine geschichte um einen fiktiven hacker in den siebzigern/achtzigern. voll mit realen begebenheiten ergibt sich ein stimmiges bild der anfänge des hackens und phreakens. am anfang stand das kostenlose telefonieren mittels simpler pfeiftöne. das wurde professionalisiert und man baute sich blue boxen, an dieser stelle spielen auch apple-gründer Steve Jobs und Steve Wozniak eine reale rolle. weiter gehts mit dem hacken in die datenbank der telefongesellschaft und das manipulieren von abrechnungsdaten.

natürlich kann ein comic nur an der oberfläche der geschichte kratzen, aber der autor schafft einen spannungsbogen bis zum schluss, indem er bspw meinungen aussenstehnder einholt (“vox pop”), die story vom befreundeten radiomoderator erzählen lässt und teilweise recht nerdig ins detail geht. ich lese in anderen rezensionen von kritik am zeichenstiel (“Der Seitenaufbau erfolgt nahezu immer im gleichen Bildraster, die Zeichnungen wirken statisch.“, Michael Brake in taz, 1.6.2014) – mir hats gefallen und text und bilder passen stimmig.

H I N W E I S
in diesem zusammenhang empfehle ich einmal mehr das wunderbare hörspiel Captain Crunch von Evrim Sen und Denis Moschitto, WDR 2010

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Ein Heranwachsender lebt bei seiner überfürsorglichen Mutter, besucht das Internat und ab und an seinen Vater, der wegen Trinksucht in der Klinik ist. Er arbeitet in den Energieferien an der Tankstelle und will abnehmen. Das zieht er konsequent durch. Wäre nicht Elsa und der Tscho, wäre das Buch zu Ende. Aber in die Elsa verliebt er sich und vor Ihrem Mann, den Tscho, fürchtet er sich. Der ist Lastwagenfahrer und nimmt den Protagonisten irgendwann mit Richtung Griechenland. Die Story nimmt langsam an Fahrt auf und gegen Ende ist alles ganz anders als erwartet.

In einzigartigem Erzählstil, der schon von den Brenner-Krimis bekannt ist, erzählt Hass die Geschichte. Lakonisch und trocken, die menschlichen Eigenschaften beschreibend und mit viel trockenem Humor, schafft er es, diese eigentlich fade und trockene Geschichte interessant zu erzählen, dass man nicht aufhören will.

Es sind die kleinen Details, wie der sorgsam von der Mutter gepackte Proviant, die österreichischen Wörter, die hin und wieder aufblitzen und die Erinnerung an die eigene Jugend. Denn eigentlich geht es um diese schreckliche Zeit, in der man mit seinem wachsenden Körper nichts anzufangen weiß, in der die Mädels interessant werden, aber man das alles nicht versteht.

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Nach Das Schlangenmaul mein zweites Buch von Fauser, diesmal gehts um einen abgeranzten Vertreter, der plötzlich eine Menge Kokain hat und es versucht zu verkaufen. Das führt ihn in üble Gegenden von München nach Frankfurt bis Holland. Natürlich fühlt er sich verfolgt und verraten, wird es auch, aber anders als gedacht. Auf niemanden kann er sich verlassen, lässt sich aber trotzdem mit den Falschen ein. Die Story ist linear und man kommt aus dem Kopfschütteln über den Protagonisten Blum nicht heraus. Interessanter sind aber die Dialoge und pessimistischen Weltanschauungen. Es gibt nicht viel Hoffnung in der BRD der achtziger Jahre. Alles ist Sumpf und kaputt, jeder will dich übers Ohr hauen. Die lakonische Erzählweise Fausers kann einen den Tag versauen. Dabei bewegt er sich erzählerisch zwischen Hunter S. Thompson und Don Winslow. Und auch spannend, wie sich die Sprache und auch die Gesellschaft nach mittlerweile fast vierzig Jahren geändert hat. Wie Fauser über Migranten und Ausländer schreibt, würde heutzutage sofort Shitstorms erzeugen, man muss es also als historisches Dokument lesen bzw. hören.

Statement in Pankow, Mai 2019

vor ein paar jahren verkündete ich noch stolz, meine nachrichten ausschließlich von postillion, titanic und fefe zu beziehen, heute ist mir das peinlich. ich war so ironisch und satt. damals war die afd eine spaßpartei mit euro abschaffen, heute sind sie eine nazipartei mit menschheit abschaffen. wir haben die layer verdoppelt und jetzt verstehen wir uns selbst nicht mehr.

“Wir meinten alles ironisch
auch die Ironie”
– Rainald Grebe

ironie, und sein kleiner böser bruder, der sarkasmus sind auch selbstschutz. um sich zu distanzieren, abzuheben. vom wahnsinn der alltäglichkeiten, und vom wahnsinn der nachrichten.

inzwischen geht mir das nur noch auf den geist, ich bin so müde und, es langweilt, es nervt, es ist nicht produktiv. weil es außerhalb der ironischen blase niemand versteht, weil es den ironiefreien spaßvögeln von rechts gefällt. hier, sowas meine ich.

“Warum kommt meine Ironie nie durch
Wenn ich “ja” sag’ mein’ ich “nein”
Warum kommt meine Ironie nie durch
So schwer kann das nicht sein”
– Marc-Uwe Kling

ab und an lese ich noch gedruckte zeitungen, doch da finden sich die auch nur noch die debatten aufgewärmt, die twitter schon durch hatte. weil die journalisten auf twitter rumhängen und keiner mehr selber denkt. dafür ist keine zeit mehr, man könnte den nächsten aufreger verpassen.

Die Frage ist nur, warum es wenige Menschen geben soll, denen BMW exklusiv gehört und die das weitgehend alleinige Recht haben, über Gewinne zu verfügen.

Wir könnten uns dafür entscheiden, unseren Wohlstand nicht auf die Produktion von Waffen aufzubauen, sondern unsere Produktivkraft einzusetzen für Dinge, die uns nutzen, Wohnungen zu bauen oder Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.

Hier das Interview der ZEIT mit Kevin Kühnert (ohne Paywall). Das Interview, das seit Mittwoch jeden triggert. Auf dem Scheiterhaufen wollen sie ihn sehen, mindestens aus der SPD ausschließen. DDR! schreien sie und SOzAiLisMUS!!! Sie wollen, dass alles so bleibt und niemand über den Tellerrand guckt. Also ist jeder ein Ketzer, weil es ans Eingemachte geht. Gut so! Die Reaktionen sagen eigentlich mehr über die Schreihälse als über Kühnert. Von ihm kann man sich nur mehr Radikalität wünschen und dass er demnächst Kanzler wird.

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ist es creepy, wenn jemand nach dem onenightstand das zimmer umräumt und bilder macht von der wohnung und der neuen (un)ordnung? ja, aber es ist auch spannend, den anderen kennen zu lernen, ohne sich mit ihm\ihr abgeben zu müssen. was treibt die Protagonistin an? wir erfahren es nicht, staunen aber ob ihres erfindungsreichtums, umzugestalten. sie kauft sich extra eine kamera und hängt die bilder zuhause auf. spannender jedoch als die technische umsetzung ist die ausdauer, mit der sehr in fremdes eindringt, analysiert und dekonstruiert. und ständig die vorstellung, was der besitzer der wohnung davon halten soll, wenn er nach hause kommt, die feinen arrangements vorfindet und sich am kopf kratzt, eine geste der ungläubigkeit und irritation, die einzige die hier passt. es fehlt ja nichts, evtl. sind ein paar dinge kaputt gegangen.

eine kurzgeschichte, ein kleiner schatz in zeiten von dicken hardcovern, in denen viel geschwafelt wird und viel passiert, aber keine geschichten erzählt werden.

gekauft, gelesen und bewertet bei mojoreads.

throwback in april 2016: in einem hof eines berliner bürogebäudes in mitte passieren merkwürdige dinge. das architektonisch höchst bedenkliche gesamtkonzept aus oval, trapez und dreieck wird gestört durch zwei rechteckige löcher. absperrband verhindert unfälle.

eine frau entfernt sich zügig von der szenerie. ist sie soeben dem loch entstiegen? hat sie sich von der korrekten ausführung des bauvorhaben überzeugt? hat sie gar ihren kollegen in die grube gestoßen?

links oben im bild eine weitere grube, nah am haus. vielleicht auch einbrecher, die sich in büroräume graben wollten? oder in eine bank, aber sie haben die pläne falschrum gehalten und sind hier im hof rausgekommen?

alles sehr mysteriös und wir werden nie die wahrheit erfahren.

in templin haben sie kurz vorm mauerfall ein wellnesshotel für stasimitarbeiter gebaut, sind aber nicht fertig geworden. die gebäude wuchern seit zwei jahrzehnten zu und die natur schafft eine ganz angenehm düstere szenerie. in etwa so stelle ich mir tschernobyl vor.

auf youtube gibts auch einige videos zu diesem lost place, z.B.:

Media Team Uckermark: Das Stasihotel Buchheide in Templin
Geox World: Lost Place DDR Hotel Buchheide

leider hatte ich das falsche objektiv dabei, aber ein bisschen eindruck ist immer:

vorher im blog: #templogs (12/2016)

Das Bloggen gleicht inzwischen dem Schreiben auf einer alten Triumph Adler. Hemmungslose Lektorats- und Redaktionsfreiheit. Deadlinefreiheit. Leserfreiheit. Kein anderes Medium derart in der Lage, das Durcheinander, die Skizze, die Beobachtung und den Gedanken, die haltlose Assoziation und den hinfälligen Zusammenhang in ähnlicher Diskretion, ähnlicher Verantwortungslosigkeit, ähnlicher Willkür aneinanderzureihen.

goncourt.net: On Blogging