Filmkritik: The End of the Tour (2015)

zwei schriftsteller treffen sich, touren und reden zusammen. gucken fernsehen, trinken, haben spaß und hassen sich. basiert auf einer wahren geschichte. lipsky sollte damals den gerade berühmt gewordenen wallace interviewen. der film basiert auf den aufzeichnungen1). was am anfang hölzern wirkt, soll wohl die unsicherheiten beider protagonisten darstellen, die dialoge werden tiefer, aber an die romane reichen sie nicht heran. es ist ein tanz, den sie aufführen, eine theatervorstellung. sie spielen wie sie sich spielen. ihre gespräche mäandern sich durch die biographie, die unbedingt nachzulesen gilt, um drogen, den ruhm. das krankheitsbild depression wird nur angerissen und nie greifbar. auch wenn die schauspieler ambitioniert ihre rolle spielen, es bleiben rollen, man hätte so viel mehr machen können aus diesem film, seitenhiebe auf die figuren, szenen aus den romanen, aber nein. es bleibt ein an der oberfläche kratzender road movie durch den mittelwesten.


  1. David Lipsky: Although of Course You End Up Becoming Yourself (2010 []

Filmkritik: Toni Erdmann (2016)

“Toni Erdmann” von Marden Ade © Komplizen Film

dieser film überzeugt vor allem in der eigenen rezeption, wie woanders bereits dargelegt: jeder interpretiert seine eigene wirklichkeit in die beiden hauptfiguren. an themen mangelt es ja wahrlich nicht, arbeit, frauen in karriere, globalisierung, familie, entfremdung, sehnsucht. den beiden schauspielern gelingt es auf scheinbar natürliche weise, nicht zu schauspielern, sondern echte gefühle, ängste, sorgen und glück zu transportieren. eine großartige leistung, von beiden. und das auf gut 180 minuten. es gibt weder effekte, musik, noch großes drama. der plot spielt im kleinen und behandelt doch die großen themen unserer zeit.
zurück bleibt ein nachdenklicher zuschauer, der sich plötzlich alt fühlt und ein scherzgebiss braucht.

http://tonierdmann-derfilm.de

Filmkritik: Sausage Party (2016)

ein animationsfilm für erwachsene, der sich bei eingehender betrachtung als pubertierende variation eines einzigen wunsches heraus stellt: die verzehrende sehnsucht nach dem ersten sex. der ganze film ist getränkt mit schlechtem pubertätswitz und prolligen humor. dabei ist es unter vielem krach eine geschichte des aufbegehrens und der verweigerung: die lebensmittel verweigern sich ihrer natürlichen bestimmung und begehren auf. es gibt eine große vielfalt an besprochenen themen: nahostkonflikt, religionskritik, medienkritik, minderheiten, usw. usf. alles sehr breit und intelligent, es geht nur leider im großen gebrüll unter. ich bezweifle, dass bei der synchronisation viel sprachwitz verloren gegangen ist. es genügt den trailer zu sehen.

Filmkritik: Er ist wieder da (2015)

Der Film zum Buch ist so zu ziemlich das unlustigste, was ich in den letzten Monaten gesehen habe. Und ich ahne auch schon den Grund, bei wikipedia heißt es nämlich:

“Im Buch erschießt Hitler keinen Hund.”

Was im Buch und Hörbuch wunderbar funktioniert hat, weil da genug Zeit und Raum war, geht hier leider total schief: Die Balance zwischen bitterem Humor und subtiler Gesellschafts- bzw. Medienkritik. Wir begleiten Hitlers erneute Machtergreifung lediglich medial, eine Auseinandersetzung jenseits des Öffentlichen findet nicht statt. Dafür viel brachialer Humor und Gejohle, Cameo-Auftritte, Seitenhiebe und Schenkelklopfer. Am befremdlichsten noch sind die pseudorealen Straßeninterviews. Es stößt einen ab.

Einen Metaschraubendreh weiter jedoch meine Lieblingsstelle: Im Hörbuch (gelesen von Christoph Maria Herbst) verwechselt der Kisoskbesitzer Hitler mit dem Schauspieler Michael Kessler in Switch reloaded, der dort eine Hitlerparodie (“Obersalzberg”) im Setting von Stromberg gibt. Da Stromberg von Herbst gespielt wird , ist das schon gut (haha). Im Film tritt dann Kessler als Moderator auf, es wird auch ein Ausschnitt aus Switch reloaded zitiert. – Findet das außer mir noch jemand lustig?

Filmkritik: Snowden (2016)

Harry Potter (Snowden) kommt zur Zauberschule (CSI, NSA) und lernt da nicht nur Verteidigung gegen die dunklen Künste bei Nicolas Cage, er trifft auch den bösen und mächtigen Zauberer Glenn Greenwald und spricht einen Enhüllungszauber. hex hex

Oliver Stone hat übertrieben, zuviel Schmalz, dafür zuwenig Hack. Zuviel hawaiianischer Sonnenuntergang, dafür zuwenig russische Realität. Denn wenn wir uns schon mit dem Menschen Snowden auseinandersetzen, seine Beweggründe filetieren, dann können wir uns doch auch mit seiner jetzigen Situation beschäftigen. Ist er ein Gefangener der russischen Regierung, darf er sich frei bewegen? Warum wird er nicht von sämtlichen Agenten sämtlicher Geheimdienste gemeuchelt, verschleppt, usw.? Was ist da los in Moskau?

Achso, und das Thema Überwachung, Verschlüsselung und Drohnenmord gab sauch, so nebenbei. War da was?

Filmkritik: American Hustler (2013)

eine story wie in Der Informant (2009) – eine verzwickte geschichte um korruption, betrug, mafia. drahtzieher sind Irving Rosenfeld und seine schöne freundin, die menschen überzeugen und manipulieren können. als dann ein engagierter FBI-agent auftaucht, wird das spiel immer komplexer, plötzlich sollen sentatoren und mafia-bosse fallen. klar, dass das nicht gut geht. tolle klamotten und styles und auch ein bisschen philosophie (“wir betrügen alle und am meisten uns selbst”).

Filmkritik: Grand Budapest Hotel (2014)

Diesen Film haben wir im Berliner Delphi Filmpalast gesehen, passender geht es gar nicht. Bin immer noch begeistert, wunderbare Story und Erzählung. Die jüngere Geschichte (Südost-) Europas destiliert in den unglaublichen Abenteuern zweier Concierges. War eine ganz andere Welt damals, die Welt der Grand Hotels – ein bisschen so wie bei Kopetzky. Der Film arbeitet mit ungewohnten Aufnahmen und Tricks, es wird nie langweilig. Gute Unterhaltung.

Filmkritik: Paulette (2012)

der französische film über eine dealende oma arbeitet sich an sämtlichen sozialen problemen der westlichen gesellschaft ab: altersarmut, migranten, drogenhandel und -kosum, gewalt, und die bizarre story wird zum modernen märchen, versandet in einem honigsüßem ende und die wenigen absurden szenen werden erdrückt durch vorhersagbarer slapstick. man meint, alles schon einmal gesehen zu haben, das tut dem film nicht gut.

Filmkritik: Ender’s Game (2013)

Ein Film, der auf einer Romanserie basiert, deren Handlung unzählige Meter Wikipedia füllt. Ein Film irgendwo zwischen Starship Troopers (ohne den Humor), Harry Potter (mit Schulmannschaften, aber ohne Schnatz) und Armageddon. Mit unglaublich plumpen USA-Wir-retten-Die-Welt-Pathos, nur ohne die üblichen Fahnen. Alle sind multikulturell, nur die pösen Nazis Außerirdischen müssen vernichtet werden. Klar, dass Ender, der junge Retter der Menschheit am Ende mit den Aliens kommuniziert und die auch noch rettet. Zwei Gedanken haben mir gefallen: Da werden junge Gamer eingesetzt, um die Raumschiffe zu steuern, einfach weil die bessere Reaktions- und Intuitionsfähigkeiten haben. Und es wird der Einsatz eben dieser Jungs und Mädels hinterfragt und was der Kriegseinsatz für Folgen auf ihre Entwicklung hat. Aber das sind nur Überlegungen am Rand, im Wesentlichen geht es um die Führungsfähigkeiten, den Umgang mit Feinden und das Verhalten in Stresssituationen. Und natürlich hübsche Animationen. Netter Film fürs Kino oder den großen Plasma, aber keiner zum groß denken.

[xrr rating=4/7]

Filmkritik: Hangover 3 (2013)

nach dem grandiosen ersten teil, dem enttäuschenden zweiten nun der dritte, der so ganz anders sein will, aber doch nicht auf bewährtes verzichten mag: einfach zu genial ist der von Zach Galifianakis gespielte charakter als gegensatz zu den drei durchschnittstypen. was auch in diesem teil funktioniert: die konsequente übertretung gesellschaftlicher normen dominiert die geschichte, stürzt die helden ins verderben und rettet sie. am ende jedoch das aufatmen, alles wird gut, der anarchismus hat doch nicht triumphiert. aber wir durften mal ganz kurz über den tellerrand schauen. diesmal sogar ohne drogen.

[xrr rating=5/7]

Filmkritik: Ruby Sparks (2012)

was ein schöner, etwas verwirrender film über einen schauspieler, dessen protagonistin plötzlich bei ihm einzieht. teilweise etwas verdreht und unlogisch, aber vielleicht habe ich auch nicht alles verstanden. mit einem wunderbar überdrehten antonio banderas.

[xrr rating=5/7]

Filmkritik: Searching for Sugar Man (2012)

netter film über eine nette anekdote aus dem vergangenen jahrtausend, als es noch kein internet gab und der amerikanische musiker Sixto Rodriguez in südafrika total erfolgreich war, davon aber nichts mitbekam, erst jahrzehnte später. eine geschichte übers musikbiz und das apartheitsregime in südafrika. sollte man sich ansehen, vor allem der musik und der bilder wegen.

[youtube 9yegqEwDsUE]

[xrr rating=5/7]

Filmkritik: Oh Boy! (2012)

SAMSUNG GT-I9300 (3.7mm, f/2.6, 1/189 sec, ISO80)

ein schöner berlin-film. eine odyssee durch die große stadt an einem einzigen tag. ein zielloser irrt herum und findet nichts. aber nicht melancholisch, sondern mutig, offenen auges und kopfschüttelnd. voll mit groteskem humor. keine liebeserkläung an diese stadt, aber eine schöne dokumentation. wunderbar, zeitlos. ernster als herr lehmann, aber ehrlicher.

[xrr rating=7/7]

Filmkritik: Wo die wilden Kerle wohnen (2009)

Zugegeben, das Kinderbuch von 1963 habe ich erst durch meine Töchter kennen und lieben gelernt. Dieses diente Dave Eggers und Spike Jonze als Vorlage für den Film. Der natürlich großartig ist und um Längen besser als Disney-Schmalz und Barbie-Dreck. Ein Junge ist unglücklich und unverstanden und phantasiert sich in eine eigene Welt, die Welt der wilden Kerle. Doch auch da ist nicht alles einfach. Es geht um Freundschaft, Vertrauen und Liebe, denke ich.

[xrr rating=7/7]

Filmkritik: Drive (2011)

toller film über einen, der doch nur auto fahren will, sich aber in eine mafiöse struktur einparkt und da nur durch rohe gewalt wieder rauskommt. man hätte die schmalzszenen rauslassen können (und die hässliche jacke mit dem skorpion), ansonsten ist er sehr ruhig, stilvoll und spannend.

[xrr rating=6.5/7]

[youtube P9yB4LUVeCI]

Filmkritik: Ziemlich beste Freunde (2011)

ziemlich guter film über einen vermögenden, der im rollstuhl sitzt und nun einen neuen betreuer findet, der so ganz und gar keine erfahrung vom job hat, dafür umso mehr vom leben. bisschen wie im märchen. oder wie beim prinz von bel air. aber beruht auf einer wahren geschichte – manchmal ist das leben eben so. gut und überzeugend gespielt, wird nicht langweilig.

[xrr rating=5.5/7]