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Vier neue Nachrichten

vier kurzgeschichten über kaputte menschen in zeiten des internets. in einer ähnlich kaputten sprache, woanders heißt das postmoderne. und wie wallace lässt auch cohen den leser verstört und rätselnd den buchdeckel zuklappen. da geht es nicht nur mir so.

die geschichten sind kleine universen, haben nichts miteinander zu tun, aber die sie bevölkernden gestalten ähneln sich. es sind zweifelnde, irgendwie zerstörte charaktere. einer will einen kompromittierenden blog über sich verschwinden lassen und geht daran fast zugrunde. einer schreibt beipackzettel, denkt aber bereits an sein großes buch, realität und fiktion verdrehen sich. in der dritten geschichte gehts um eine college-klasse, die angeleitet von ihrem prof ein haus bauen, erzählt aus der retroperspektive. die letzte geschichte ist am komplexesten und schwierig zu fassen. aus verschiedenen perspektiven werden pornoindustrie, menschenhandel und das leben im postsowjetrepubliken beleuchtet. am ende gehts zu wie bei sorokin. immer wieder greift der erzähler in die erzählung ein, alles verschwimmt.

ob das gut ist, wird sich bei weiteren büchern zeigen, warten wir es ab, mich hat es ausreichend verstört, sodass ich mehr davon brauche.

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Verteidigung der Missionarsstellung

Ein Wolf Haas ohne Brenner? Das funktioniert, und zwar besser als erwartet. Ein Buch über die Liebe ohne Schmalz, ohne Beschreibungen von Irgendwas. Ein Roman, bereinigt um alles, konzentriert auf das Wesentliche, den Dialog. Existenzialistisch, fast wie in Wittgensteins Mätresse. Mit schnuckeligen Spielereien im Layout, [ANMERKUNGEN IN ECKIGEN KLAMMERN] und Sprachwissenschaftlichen Überlegungen. Lesen Sie dieses Buch, machen Sie langsam, es ist leider viel zu schnell vorbei…

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte: David Foster Wallace. Ein Leben

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das leben von David Foster Wallace war kein einfaches und so ist auch die biographie nicht leicht. es gab höhen, erfolge, zufriedenheit, glück. öfter jedoch gab es depression, nachdenken und (zumindest anfangs) drogen. ein kurzes leben – er wurde nur 46. er hatte früh erfolg mit dem besen, er schrieb den unendlichen spaß und eine menge kurzgeschichten. er gab kurse zum kreativen schreiben und literaturtheorie, wahrscheinlich hat er zu viel übers schreiben nachgedacht. seine depressionen und die starken medikamente in verbindung mit heftigem drogenkosum taten ihr übriges. ob er glücklich war? ich bezweifle es. aber wissen kann man es nicht, auch nicht nach der lektüre vorliegender biographie, die nur eine annäherung an leben und werk ist. aber eine empfehlenswerte.

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Prag. Eine Stadt in Biograhien

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man kann sicher einer stadt auch über jene menschen nähern, die sie geprägt haben, die hier lebten und wirkten. zwanzig biographien, die eng mit der stadtgeschichte und der europäischen geschichte verknüpft sind. die hier lebten, litten, starben:

  • Wenzel von Böhmen
  • Karl IV.
  • Jan Hus
  • Judah Löw
  • Rudolf II.
  • Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein
  • Wolfgang Amadeus Mozart
  • Božena Nemcová
  • Bedrich Smetana
  • Antonín Dvorák
  • Jaroslav Hašek
  • Franz Kafka
  • Max Brod
  • Edvard Beneš
  • Egon Erwin Kisch
  • Lenka Reinerová
  • Alexander Dubcek
  • Emil Zátopek
  • Miloš Forman
  • Václav Havel

anschaulich erzählt und verknüpft mit touristischen zielen. nett.

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Der wilde Kontinent: Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950

Ein gutes und wichtiges Buch. Weil es aufräumt mit Mythen und schwarzweißer Geschichtsschreibung. Es gab nie eine Stunde Null, die Einteilung in Gut und Böse greift viel zu kurz. Der zweite Weltkrieg war eine Sammlung von Konflikten verschiedenster Art: kulturell, rassistisch, national, religiös, usw., die sich teilweise überlagerten. Lowe dekliniert dies an den Besipielen Polen/Ukraine, Jugoslawien, Intalien, Frankreich, Deutschland durch. Zum Teil existieren diese Konflikte immernoch oder brachen in den Neunzigern wieder aus. Alle Besatzungsmächte, allen voran die Sowjets, aber auch die Westallierten, haben sich nicht so sauber verhalten, wie dies teilweise imm noch dargestellt wird. Bei der Darstellung lokaler Gräueltaten muss man natürlich immer den fabrikartigen Holocaust Nazideutschlands in Bezug setzen. Es diskutiert sowohl die Rheinwiesenlager wie auch die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Im Vordergrund stehen die Schicksale von Millionen von Menschen, die nach den offiziellen Kriegshandlungen unter den verschiedensten Bedingungen ums Leben kamen. Es ist kein schönes Buch und es macht keinen Spaß, aber es ist wichtig und gehört zu den besten, was ich je über das Thema las.

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Der Trafikant (Hörbuch)

nette geschichte von einem jungen mann, der seine ausbildung in einer wiener trafik absolviert und zwischen nazis, erster liebe und sigmund freud verschollen geht. schön vorgetragen vom autor selbst. ich hatte mir mehr erwartet, die story ist ganz amüsant, nur leider sind die figuren allzu eindimensional und vorhersehbar. anderseits mochte ich die unaufgeregtheit, ist man gar nicht mehr gewohnt.

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Ein Hologramm für den König (Hörbuch)

ein früher mal erfolgreicher berater aus usa muss für einen auftrag nach saudi-arabien. da elerbt er dann allerlei kurioses und findet zu sich selbst. ein roman über den kulturen clash, aber auch einer über einsamkeit und sehnsucht nach anderen. es ist ein buch über die globalisierte weltwirtschaft und ihrer (meist negativen) auswirkungen in familie, beziehungen und arbeit. wie alle bücher von eggers bleibt man alleine und etwas ratlos zurück nach der lektüre, aber man will auf diese erfahrung nicht verzichten.

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Was man für Geld nicht kaufen kann – die moralischen Grenzen des Marktes

Sandel gilt als Vorbild für Mr Burns von den Simpsons und als Mitbegründer der kommunitaristischen Strömung.

Im vorliegenden Buch kritisiert er die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre, große Teile des menschlichen Miteinanders zu vermarkten: VIP-Lounges in Stadien, Emissionsrechte, Werbung auf der Stirn, Polzieautos. Also jenen Auswüchsen des Kapitalismus, die wir gemeinhin als Ausverkauf bezeichnen. Das ist bemerkenswert, weil er erstens Amerikaner und zweitens Harvard-Prof ist. Aber vielleicht sagt das mehr über mein Amerika-Bild aus als über ihn…

Das Buch trieft nicht vor linker Rhetorik und marxscher Dialektik, sondern kritisiert den Neoliberalismus in einer klaren und verständlichen Sprache.

Ein Argument ist besonders bermerkenswert: Wir werten die Dinge ab, sobald wir ihnen einen Preis geben. Das klang schon bei Sedlá?ek und Graeber an und es lohnt sich ein wenig, darüber nachzudenken.

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Kriegszeiten: Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan

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Ein kluges und wichtiges Buch über den Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Es kommen Soldaten zu Wort, Hintergründe werden erläutert und die Verniedlichung des Einsatzes durch Worte in der Heimatfront wird scharf kritisiert. Es ist ein Krieg, den die Nato-Truppen führen und er ist verloren. Das liegt nicht an den Soldaten, als vielmehr an Politik und dem ganzen Setting. Weil es kein Ziel gibt, nur Geschwurbel.

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Sommerfest (Hörbuch)

2014-03-11 19.19.35

wie schon in Radio Heimat geht es um – der Leser ahnt es – Heimat. Der arbeitslose Schauspieler will nur kurz nach Bochum und das Haus seiner Eltern verkaufen. Er trifft seinen alten Freunde und sein altes Leben. Es ist, als wäre er nie weg gewesen und doch ganz anders. Viel Bla und Bla, dazwischen skurrile Storys, die liegen im Ruhrgebiet nur so auf der Straße. Vor allem die Geschichte mit seiner ewigen, aber entfremdeten Freundin Charlie nervt. Das machen aber die abgefahrenen anderen Gestalten wieder wett. Alles in allem ziemlich seichte Unterhaltung, kann man sich anhören, muss man aber nicht.

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Der König von Berlin

ja, das ist gut. keine sammlung von kurzgeschichten, ein ganzer roman diesmal. mit einem kommisar aus niedersachsen, der in die harte welt des berliner verbrechens versetzt wird und sich erstmal zurecht finden muss. eine rattenplage, ein mysteriöser todesfall, ätzende kollegen und ein alter freund – es ist alles dabei, was einen guten roman ausmacht. gewohnt flüssig erzählt und mit viel witz und charme dekoriert, man sieht evers vor sich, wie er beim schreiben grinst. stellenweise etwas langatmig, aber die geschichte ist zu spannend, um einfach aufzuhören.

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Einmal durch die Hölle und zurück (Hörbuch)

Der Nachfolger von Schneller als der Tod ist ähnlich, ein bisschen mehr Story, dafür weniger Geschwindigkeit. Oder die Hörbuchfassung bremst das aus, keine Ahnung. AUf jeden Fall geht es um einen Monsterfisch und der Mafiakiller im Ruhestand macht sich mit einer Paläontologin auf die Suche. Erinnert stellenweise ein bisschen an Schätzings Schwarm und am Ende gibt es noch ein wütendes Pamphlet gegen US-Regierungen, die den Klimaschutz verkacken und / oder bewusst torpedieren. Das Buch wird nicht langweilig, auch wenn verwirrend viele unterschiedliche Figuren auftreten. Sogar Sarah Palin ist dabei.

Es gibt darüber hinaus auch eine Version mit Christoph Maria Herbst und anderen, die kenne ich aber nicht.

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Schlimme Nächte: Von Abstürzen und bösen Überraschungen

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Schöne Sammlung von Texten zum Thema Absturz, das Werning in all’ seinen Facetten durchdekliniert. Da gibt es die Nächte der Jugend, in den ersten Tagen in Berlin, die schlimmen Nächte mit den eigenen Kindern, undsoweiter. Geschrieben in Lesebühnen-Länge und bewährter Werning-Qualität.

[xrr rating=6/7]

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Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen

Taleb hat seine Theorie vom Schwarzen Schwan viel weiter gedacht und hat alles nochmal aufgeschrieben. In simpler Sprache erklärt er komplexe Zusammenhänge und beweist einmal mehr, dass er unabhängig von Mainstream, Wissenschaft und Gesellschaft eigene Gedanken entwickelt.

Die Grundidee ist folgende: Baue ein System, das nicht nur robust gegenüber Erschütterungen und Schwarzen Schwänen (unerwartete plötzliche Ereignisse) ist, sondern, im Gegenteil, noch robuster wird bei Erschütterungen. Er nennt dies “Antifragilität” und findet diesen Ansatz in der Natur, im menschlichen Körper, in Gesellschaften. Und er findet etliche Beispiele, in denen wir uns fragil verhalten, bauen, leben. Das ist schlecht und er begründet dies ausführlich. Zum Beispiel sind die jüngsten Wirtschaftskrisen auf das fragile Finanzsystem zurück zu führen.

Lest dieses Buch, auch wenn ihr nicht immer mit dem Autor einer Meinung seid, so gibt es doch genügend Ansätze zum Querdenken, eben weil er nicht die üblichen Pfade des Denkens beschreitet.

[xrr rating=7/7]

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Ich bin ein Kunde, holt mich hier raus. Irrwitziges aus der Servicewelt (Hörbuch)

Christoph Maria Herbst liest auf seine ganz eigene Art vor. Ein buntes Sammelsurium an Geschichten aus der Servicewüste, die wir so ähnlich alle zu erzählen haben. Das ist natürlich angenehme kurzweilige Unterhaltung. Und als Fazit ruft er auf zur Social Media Revolution: Wer unzufrieden ist mit dem Kundenservice, postet das im Netz und erntet einen Shitstorm.

[xrr rating=5/7]

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Expedition zu den Polen: Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express (Hörbuch)

Einmal mehr schreibt Möller über Polen und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Deutschland. Diesmal auch etwas besser konstruiert und strukturiert, nämlich auf einer Fahrt von Berlin nach Warschau. Ich musste reichlich schmunzeln, vieles kam mir vertraut vor. Einiges nicht, aber jeder hat ja seine Sicht auf die Dinge. Das Hörbuch liest er übrigens selbst, das ist wahrscheinlich um einiges besser als das Buch. Am Ende singt er noch, es gibt auch ein Video davon:

Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder peinlich ist. Entscheidet selbst.

[xrr rating=6/7]

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Das hier ist Wasser / This is Water: Anstiftung zum Denken

2013-04-21 15.14.56

kleiner band mit einer rede auf deutsch und im englischen original. es geht um empathie. du bist nicht der nabel der welt, der mittelpunkt des universums, sondern du sollst dich in andere hinein versetzen. warum handeln sie so und nicht anders? warum argumentieren sie anders? vielleicht ist ein konflikt gar keiner, weil ich nur meine sichtweise sehe? die botschaft ist eindeutig: redet miteinander, denkt euch in den andere hinein und fangt an, selbst zu denken. ein schönes buch, gleich verschenkt.

[xrr rating=7/7]

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1913: Der Sommer des Jahrhunderts (Hörbuch)

nette sammlung von anekdoten und begebenheiten aus einem einzigen jahr, dem jahr vor dem krieg, der dann alles verändert hat. chronologisch nach monaten erzählt, oder besser: aufgezählt. denn ein spannungsbogen oder gar spannung gibt es nicht. liest sich wie eine frauenzeitschrift beim arzt. die protagonisten sind die großen literaten und intelektuellen ihrer zeit, die politik muss leider draußen bleiben und die gesellschaftliche klassengesellschaft leider auch. schöner und ergiebiger zum thema liest sich Irvin Yaloms Und Nietzsche weinte.

[xrr rating=3/7]