Carsten

wie ein möbelmarkt versucht, sozialistische baupolitik zu vereinnahmen

neulich in einem möbelhaus in lichtenberg:

Sony D6603 (4.6mm, f/2, 1/40 sec, ISO50)

neben der unverschämtheit des penetranten Duzens, stört vor allem die lockerfröhliche ironiefreiheit, als wären wir alle degenerierte volldeppen, die nichts anderes tun, als ihre formschöne platte mit funktionsgerechtem vollzumöbeln. aber ich schweife ab. die 1926 errichtete siedlung ist die Splanemann-Siedlung in Friedrichsfelde (Bild). und hier eine schöne übersicht über die im text erwähnten plattenbau-typen. persönlich habe ich noch nie in einem solchen haus gewohnt, kann es mir auch nicht vorstellen, ist aber wahrscheinlich gar nicht so schlimm wie man sich das allgemein vorstellt.

Zy·nis·mus

“Nach Angaben der Ermittler habe der Tatverdächtige 15.000 Verkaufsoptionen (Put-Optionen) auf die Aktie von Borussia Dortmund gekauft. Er wollte nach Erkenntnissen der Ermittler durch den Anschlag einen Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen und mit den Verkaufsoptionen, die bei sinkenden Aktienkursen stark ansteigen, ein Vermögen verdienen.[1] Die Optionen soll W. über einen Verbraucherkredit finanziert haben.” (wikipedia)

und:

“Bei einem massiven Verfall der Aktie hätte der Gewinn ein Vielfaches des Einsatzes betragen. Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn in Folge des Anschlags Spieler schwer verletzt oder gar getötet worden wären.” (RT)

der kapitalismus überholt sich selbst. der tüp tat im kleinen, was im großen tagtäglich passiert. nun sollte ich einen sprengstoffanschlag mit billigender inkaufnahme von toten und verletzten nicht gleichsetzen mit übernahmen, hedgefonds, Paul Singer und automatisiertem handel, um nur ein paar stichworte zu nennen. aber die motivation des tatverdächtigen folgt der maxime der kapitalistischen profitmaximierung. also alles richtig gemacht?

tut mir leid, ich kann beim schreiben dieser zeilen nur noch zynisch sein und vermisse empathie. wahrscheinlich wird kein großer diskurs folgen in den nächsten tagen über die rolle des kapitals in unserere gesellschaft, obwohl wir den dringend bräuchten.

ps: wozu können eigentlich aktien eines fußballvereins gehandelt werden, was hat das für einen gesellschaftlichen mehrwert?

pss: konnte er gewinne realisieren?

[UPDATE:] “Die Hoffnung des mutmaßlichen Attentäters auf einen drastischen Kursverfall der BVB-Aktie erfüllte sich nicht. Das Wertpapier stieg am 12. April, dem Tag nach dem Anschlag, von 5,61 Euro auf 5,71 Euro. Bis zu diesem Donnerstag bröckelte der Kurs lediglich auf 5,36 Euro ab.” (tsp)

alles wie immer anders #1

Schlecht gelaunt löffelte und kaute Frau Brettschneider an ihrem Müsli, starrte dabei auf ihren Bildschirm, legte den Löffel in die Schale und schob ihre Maus herum, klickte hier und da, löffelte wieder, kaute. Es war ein verregnter Tag im frühen November, den ganzen Vormittag schon hatte sie schlechte Laune. Das Müsli war zu bitter, der Joghurt nicht mehr ganz frisch und die verschrumpelten Apfelstückchen machten alles nur noch schlimmer. Wieder Mausbewegungen, Klicken. Ihr gegenüber saß Herr Müller, wie jeden Tag ärgerte er sich über ihre Essgeräusche. Er hasste das, konnte sich nicht konzentrieren, ihr schmatzendes Kauen machte ihn aggresiv. Er starrte auf seine Tabellen, es verschwamm alles vor seinen Augen, an Arbeiten war gerade nicht zu denken. In diesen Situationen malte er sich aus, wie er über den Schreibtisch springt und sie in einem Anflug roher Gewalt zum Schweigen bringt. Es würde ganz schnell gehen, vielleicht mit der Schere, die auf seinem Schreibtisch liegt. Eine einzige Bewegung und ratsch. Dann Schreie, Blut, hereinstürzende Kollegen, das ganze Programm. Aber vielleicht hätte er dann seine Ruhe. Unmerklich schüttelte er sich, verwarf den Gedanken und versuchte sich erneut zu konzentrieren. Schmatzen, Klicken. Löffel trifft Schale. Seufzen, Ausatmen. Frau Brettschneider schob sich mit ihrem rollenden Bürostuhl geräuschvoll vom Schreibtisch weg, stand auf und brachte die Schale mitsamt Löffel in die Küche. Kurze Ruhe, Ausatmen. In der Küche stand Meyer beim Kaffeeautomaten, wartete auf seinen Nachschub an Koffein, man grüßte sich. Er hatte wieder diesen Blick und neue Widrigkeiten aus seinen Projekten mitzuteilen, sie ahnte es, es war immer das Gleiche. Er hob an, wollte sie in ein Gespräch verwickeln, ihr vielleicht neue Aufgaben zuschieben, die er eigentlich schon letzte Woche hätte gelöst haben sollen. Sie hatte einen guten Draht zum Chef. Das nutzte er regelmäßig aus. Stumm lud sie ihre Schale in den Spüler, vermied Blickkontakt und glaubte sich bereits aus der Küche, als er anhob und vorschlug, das neue Projekt Herrn Müller verantworten zu lassen. Nun konnte sie nicht anders, hielt in ihren Bewegungen inne und sah ihn fragend an. Alle waren davon ausgegangen, das neue Projekt würde er, Meyer, sich an Land ziehen und dann die Aufgaben verteilen. Aber die Verantwortung abzugeben, das passte nun gar nicht zu Meyer. Frau Brettschneider fielen nun vor Schreck auch keine Gegenargumente ein, so verwirrt war sie, stimmte zu, das dem Chef vorzuschlagen und kehrte grübelnd zu ihrem Platz zurück.

pankreich, kurz notiert #1

1996 verlegte der aufzughersteller OTIS seinen berliner standort von der mühlenstraße in pankow ins westfälische hallenberg. wegen rückläufigen geschäfts1 und der lohnkosten, wie ein zeitungsartikel vom 04.07.96 berichtet. offenbar waren vor zwanzig jahren die lohnkosten in berlin höher als in westfalen. 220 mitarbeiter waren betroffen. auf dem gelände ist seit jahren ein autohändler mit werkstatt.


  1. die umsätze fuhren also mit dem lift nach unten, höhö []

geschichten aus einer viel zu großen stadt pt. 29

heute morgen haben pöse roiber eine 100kg schwere goldmünze aus dem bodemuseum gestohlen, mit 53 cm durchmesser so groß wie eine ordentliche pizza und 3-4 Mio Euro wert. dabei ist doch montag immer ruhetag in den berliner museen. mit einer leiter sollen sie eingebrochen sein, die leiter haben sie dann in die nahen s-bahn-gleise geworfen, was wiederum für mehrstündige unterbrechung des verkehrs führte.

stellen wir uns kurz amüsiert vor, wie die räuber die münze zum nahen starbucks rollen, um dort einen kaffee zu bestellen, viel wechselgeld bekommen sie bei den preisen dann jedoch nicht raus.

vielleicht war es aber auch der schlechte verlierer von gestern abend?

Der Mann hatte gegen 20 Uhr beim Roulette eine vierstellige Summe Bargeld auf „schwarz“ platziert. Als die Kugel stattdessen bei „rot“ liegen blieb, nahm der Spieler sich seinen Einsatz vom Tisch und flüchtete in Richtung Ausgang.

über polizeimeldungen als literarische gattung

Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat dauern an.

lesen sie den polizeibericht ihrer stadt, zB von berlin. es gibt ihnen ein gutes gefühl für das, was meist nachts vor sich geht in den häuserschluchten, in den dunklen gassen oder eben am helllichten tag. sehr oft sind es verkehrsunfälle, überfälle, streitigkeiten mit teils erheblichen verletzungen. in nüchterner sprache wird der tathergang geschildert, natürlich aus sicht der polizei, täter- und opfersicht fehlt meist. bei aufsehenerregenden taten finden sich tathergang und bilder dann im boulevard und der lokalen presse.

In dem Verlauf gab einer der Männer Schüsse auf die anderen Zwei ab, die dadurch Verletzungen erlitten.

wenn die hintergründe für den geneigten leser unklar oder nicht erfahrbar sind, entspannt sich ein kopfkino und wir denken uns die geschichte dazu. denn oft gibt es eine vorgeschichte, meist ein jahrelanges nachspiel, seien es verletzungen oder juristisches. damit ich nicht falsch verstanden werde, es geht hier nicht um voyeurismus, ich will mir nicht gaffend einen runterholen. es geht um die dramatik des alltags.

Kurz darauf gelang es der Frau, sich selbst zu befreien und die Polizei zu alarmieren.

krimis lese ich keine, die meisten sind mir zu konstruiert und rauben die zeit für gute literatur. aber ich lese den polizeibericht und sie sollten das auch. schade nur, dass es (zumindest in berlin) kein archiv gibt, da verschwinden alte meldungen nach gewisser zeit. wir müssten das archivieren und dann ist es interessant in ein paar jahren.

Ein Posamentier-Meister in der Frankfurter Str. hat sich gestern aus Melancholie an seinem Arbeitsstuhl erhenkt.

historiker beschäftigten sich wissenschaftlich damit1, es gibt alte statistiken2 und es gibt auch untersuchungen über die einflüsse auf die literatur3. und der socialmedia account der berliner polizei hatte letztens eine auswahl historischer meldungen.

ein durchsuchbares archiv wäre gut, vielleicht hat der eine oder andere einen hinweis.


  1. zB: SCHWERHOFF, Gerd: Historische Kriminalitätsforschung (2011) []
  2. zB: destatis: Auszug aus: Statistik des Deutschen Reichs, Band 257. Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amte, Berlin 1913. Kriminalstatistik für das Jahr 1911. Jugendkriminalität vor 100 Jahren []
  3. zB: MÜLLER-DIETZ, Heinz: Recht und Kriminalität in literarischen Spiegelungen / MÜLLER-DIETZ, Heinz: Recht und Kriminalität in literarischen Brechungen []

trackser

ach, guck mal. 2011 hatte ich schon mal über tracker geschrieben. seitdem ist es nicht besser geworden:

2016-10-06_17h34_08

zum zählen und natürlich zum vermeiden der tracker benutze ich immernoch ghostery im firefox, die allerdings auch quatsch mit meinen daten machen. auch, weil in der vergangenheit adblocker durch dubiose geschäftsmodelle aufgefallen sind.

am ende muss man als nutzer zwischen einer komfortablen lösung (alles zulassen) und einer sehr eingeschränkten wählen (z.B. NoScript).

oder man lässt den browser aus, oder benutzt nur noch tor oder wechselt den browser. oder löscht seine cookies. oder wird paranoid.