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Die weiteren Aussichten (Hörbuch)

eine geschichte voller naivität. der sohn der tankstellenpächterin brennt mit der putzfrau aus dem schwimmbad und dem goldfisch durch. tragikomisch nennt man es wohl. die erzählweise und auch der sprecher erinnern an wolf haas. doch wesentlich interessanter ist die isolation der geschichte auf den sohn, sämtliche interaktion mit der außenwelt findet nur gedämpft wie in watte gehüllt statt und auch nur in eine richtung. eventuell, ich bin mir nicht sicher, geht es um autistische symptome, also ein mangel an empathie, störung der persönlichkeit, o.ä. auf jeden fall hörenswert, wenn auch nicht so tiefgängig wie seethalers trafikant.

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Vier neue Nachrichten

vier kurzgeschichten über kaputte menschen in zeiten des internets. in einer ähnlich kaputten sprache, woanders heißt das postmoderne. und wie wallace lässt auch cohen den leser verstört und rätselnd den buchdeckel zuklappen. da geht es nicht nur mir so.

die geschichten sind kleine universen, haben nichts miteinander zu tun, aber die sie bevölkernden gestalten ähneln sich. es sind zweifelnde, irgendwie zerstörte charaktere. einer will einen kompromittierenden blog über sich verschwinden lassen und geht daran fast zugrunde. einer schreibt beipackzettel, denkt aber bereits an sein großes buch, realität und fiktion verdrehen sich. in der dritten geschichte gehts um eine college-klasse, die angeleitet von ihrem prof ein haus bauen, erzählt aus der retroperspektive. die letzte geschichte ist am komplexesten und schwierig zu fassen. aus verschiedenen perspektiven werden pornoindustrie, menschenhandel und das leben im postsowjetrepubliken beleuchtet. am ende gehts zu wie bei sorokin. immer wieder greift der erzähler in die erzählung ein, alles verschwimmt.

ob das gut ist, wird sich bei weiteren büchern zeigen, warten wir es ab, mich hat es ausreichend verstört, sodass ich mehr davon brauche.

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Fünfzehn sein: Was Jugendliche heute wirklich denken

eine anleitung für die großen? eher eine bestandsaufnahme. vieles hat sich nicht geändert, die jugend ist genauso suchend, verpeilt, grausam gegenüber anderen, süchtig nach aufmerksamkeit, anerkennung, zuneigung. es sind die selben themen, die ihren alltag bestimmen, die sie umtreiben: freundschaft, schule, gesellschaft, sex.

nur haben sich die werkzeuge geändert: internet, smartphones, konsolen. es wird nicht mehr nur konsumiert, es wird gesendet. inklusive aller damit verbundenen gefahren. was aber schlimmer wiegt: damit ist die jugend viel präsenter in der medialen und gesellschaftlichen öffentlichkeit und macht sich angreifbar. cybermobbing, pädophile, kommerzialisierung, exhibitionismus im internet – die gefahren sind groß, doch widerspricht die autorin der vorherrschenden meinung, dass jugendliche permanenter gefahr ausgesetzt sind. sie könnten das schon sehr gut selbst einschätzen und lernen den richtigen umgang mit neuen medien spielend – krasse ausnahmen gibt immer.

und so bestätigt sich auch einmal mehr, dass unsere selbstoptimierende gesellschaft auch an den kids nicht spurlose vorbei geht, sie ahmen nur nach, was wir ihnen vorleben. inklusive ausufernder mediennutzung.

das vorliegende buch ist keine studie und auch wenn die autorin studien, untersuchungen und lehrbücher zitiert und ihren inhalt wiedergibt, so lebt das buch eher von den jugendlichen, die sie getroffen hat und zur wort kommen lässt. zwar mag es befremdlich wirken, wenn eine siebzehnjähriger seitenlang altklug über leben und liebe referiert – amüsant ist es allemal. oder die mädelsgruppe, die alle verschieden sind, auch verschiedene hintergründe haben, aber sich doch so ähneln, von ihrer eigenen gruppendynamik berichten. am ende vergleicht mühl (jahrgang 1976) ihre eigene jugend mit der heutigen und sieht viele parallelen.

leider kann sich das buch nicht entscheiden zwischen nüchterner bestandsaufnahme und sprachrohr seiner protagonisten. auch wenn viele der kids sehr offen waren, so hätte man ihre aussagen und meinungen kritischer hinterfragen können. denn wenn wir schon feststellen, dass sich die heutige jugend nicht groß von unserer eigenen unterscheidet, dann sollten wir auch ins klassischste aller rollenmodelle verfallen: dem meckern über die untauglichkeit der jugend. wir sollten uns lustig machen über ihre klamotten, ihr verhalten, ihre ansichten. sie erwarten das so. verständnis hat da nur bedingt platz.

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Maschinendämmerung: Eine kurze Geschichte der Kybernetik

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etwas länger habe ich hierdran gelesen, weil es ein bisschen zäh und dröge geschrieben ist. weil es ein eine geschichte der kybernetik werden sollte, aber doch nur geschichten von der kybernetik erzählt. eine hochspannende geschichte im übrigen, sehr zu empfehlen. von den anfängen im zweiten weltkrieg bis zu cyberattacken auf die usa anfang der jahrtausendwende. der autor wird an einigen stellen sehr detailiert und beschreibt die bizarrsten geschichten von hippies auf acid und menschen mit visionen. vieles bleibt aber unerwähnt, besonders aktuelle entwicklungen spart er ganz aus, jetzt, wo es spannend wird in der künstlichen intelligenz. er spart es aus, weil wir nicht mehr cyber und kybernetik sagen, aber die begriffe konkrete technologie werden. trotz aller kritik ein spannendes buch über die irrungen und wirrungen im 20. jahrhundert, über gescheiterte gedanken, populärwissenschaftlichen unfug und vor allem militärforschung.

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Lilith und die Dämonen des Kapitals: Die Ökonomie auf Freuds Couch

Ich mochte Die Ökonomie von Gut und Böse und kann es immer noch empfehlen. Der Autor untersuchte die moralischen Grenzen und Ansätze in der gegenwärtigen Ökonomie und Gesellschaft. Im vorliegenden Buch geht es in eine ähnliche Richtung, aber mit mehr Psychologie. Es gibt viel Antike, Christentum, die Psyschologen des 19. und 20. Jahrhunders.

Fazit ist, dass das kapitalistische System, seine Protagonisten und auch wir uns verhalten wie Süchtige mit unstillbarem Verlangen nach mehr, mehr, mehr. In Wahrheit braucht man für diese Erkenntnis kein Buch. Aber das vorliegende untermauert die These mit viel kulturellem Hintergrund, sodass es sich wirklich lohnt zu lesen.

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The Book of Names (Stories)

Disclaimer: I got this book for free earlier this year as a goodreads giveaway – thanks to the author!

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This was a very good read. A collection of short stories all of them titled with the names of the respective main characters – thats why it is the book of names. Every story is different. There are no connection. Or I didn’t got the connections. Also the narrative style is different.

In conclusion everybody has it’s dark secret or hidden passion and sometimes it gets visible. By another person or by an occurrence. Sometimes we are walking on the edge of our dark soules. Sometimes we are observing others walking on the edge. And thats why this book is great and you won’t put it away until you are on the last page.

Who wants to read this? It’s available as a bookcrossing book.

Text is also published as a goodreads review.

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte: David Foster Wallace. Ein Leben

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das leben von David Foster Wallace war kein einfaches und so ist auch die biographie nicht leicht. es gab höhen, erfolge, zufriedenheit, glück. öfter jedoch gab es depression, nachdenken und (zumindest anfangs) drogen. ein kurzes leben – er wurde nur 46. er hatte früh erfolg mit dem besen, er schrieb den unendlichen spaß und eine menge kurzgeschichten. er gab kurse zum kreativen schreiben und literaturtheorie, wahrscheinlich hat er zu viel übers schreiben nachgedacht. seine depressionen und die starken medikamente in verbindung mit heftigem drogenkosum taten ihr übriges. ob er glücklich war? ich bezweifle es. aber wissen kann man es nicht, auch nicht nach der lektüre vorliegender biographie, die nur eine annäherung an leben und werk ist. aber eine empfehlenswerte.

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Die Berlinreise (Hörbuch)

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Etwas sperrige Erinnerungen an eine Reise des damals zwölfjährigen Autors 1964 ins Nachkriegsberlin. Er versteht vieles nicht, beschreibt es dafür umso detailierter. Das ist anstrengend für den Leser/Hörer, da man sich zugleich in die Gedankenwelt eines Jungen in dieser Zeit und in dieses merkwürdige Westberlin denken muss. Lässt man sich darauf ein und ignoriert man allzu Offensichtliches, liest/hört man Beeindruckendes. Undenkbar wäre heutzutage ein Zwölfjähriger, der so akribisch alles aufschreibt. Schade eigentlich.

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LiteratPrivat – Franz Kafka (Lesung)

Harfouch und Gwisdek lesen abwechselnd Briefe, amtliche Texte und Romanstellen und erzeugen so ein biografisches und platisches Bild Kafkas Leiden und Hadern mit dem Leben. Die anderthalbstündige Leseung ersetzt natürlich nicht das Lesen von Kafkas Werken, bildet aber einen guten Einstieg. Zuweilen ist es amüsant, wie kleinkariert und bessesen von der Liebe und dem Schreiben der Literaturgigant war.

(goodreads.com)

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Der wilde Kontinent: Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950

Ein gutes und wichtiges Buch. Weil es aufräumt mit Mythen und schwarzweißer Geschichtsschreibung. Es gab nie eine Stunde Null, die Einteilung in Gut und Böse greift viel zu kurz. Der zweite Weltkrieg war eine Sammlung von Konflikten verschiedenster Art: kulturell, rassistisch, national, religiös, usw., die sich teilweise überlagerten. Lowe dekliniert dies an den Besipielen Polen/Ukraine, Jugoslawien, Intalien, Frankreich, Deutschland durch. Zum Teil existieren diese Konflikte immernoch oder brachen in den Neunzigern wieder aus. Alle Besatzungsmächte, allen voran die Sowjets, aber auch die Westallierten, haben sich nicht so sauber verhalten, wie dies teilweise imm noch dargestellt wird. Bei der Darstellung lokaler Gräueltaten muss man natürlich immer den fabrikartigen Holocaust Nazideutschlands in Bezug setzen. Es diskutiert sowohl die Rheinwiesenlager wie auch die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Im Vordergrund stehen die Schicksale von Millionen von Menschen, die nach den offiziellen Kriegshandlungen unter den verschiedensten Bedingungen ums Leben kamen. Es ist kein schönes Buch und es macht keinen Spaß, aber es ist wichtig und gehört zu den besten, was ich je über das Thema las.

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Der Trafikant (Hörbuch)

nette geschichte von einem jungen mann, der seine ausbildung in einer wiener trafik absolviert und zwischen nazis, erster liebe und sigmund freud verschollen geht. schön vorgetragen vom autor selbst. ich hatte mir mehr erwartet, die story ist ganz amüsant, nur leider sind die figuren allzu eindimensional und vorhersehbar. anderseits mochte ich die unaufgeregtheit, ist man gar nicht mehr gewohnt.

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Brennerova

Bild: Hoffmann und Campe Verlag
Bild: Hoffmann und Campe Verlag

Der inzwischen achte Fall des Simon Brenner. Eigentlich ist er ja schon in Pension und ist zufrieden, doch dann rutscht er wieder in so einen Fall und eigentlich will er ja gar nicht ermitteln, aber wie das eben so ist im Leben… Wieder wunderbar erzählt, mit viel Witz und Humor und am Ende ist man enttäuscht, dass es nicht noch weiter geht mit dem Fall.

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Schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam (Hörbuch)

Bild: Campus Verlag GmbH
Bild: Campus Verlag GmbH

Erfrischende Lektüre. Dueck beschreibt anhand vieler Beispiele wie wir uns alle verrückt machen in unserer schönen neuen Arbeitswelt, wie alles andere darunter leidet und vor allem: Warum und wie es dazu kommen konnte. Gruppendynamische Effekte, mittelmäßiges Management und (falsche) Erziehung führen zu hohen Erwartungen, Druck und letztendlich Versagen bis zum Burnout. Unternehmen haben keine Ziele neben Umsatz und Gewinn und wirtschaften letztendlich nur noch zum Selbstzweck und gehen unter. Darunter leiden alle. Dueck zeigt auch Auswege, es geht vor allem um Planung, Auslastung mit genügend Luft, und noch einigem mehr. Lesen Sie dieses Buch und schenken Sie es Ihrem Chef.

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Weißer Wedding

ein krimi, der im wedding spielt. von einem der es wissen muss: Matthias Eberling war von 2008-11 kiezschreiber (vorher: Tina Veihelmannwir berichteten).

Bild: emons-verlag.de
Bild: emons-verlag.de

es geht um einen privatdetektiv, der im kiez (hier: gesundbrunnen) aufgewachsen ist und sich von auftrag zu auftrag hangelt. dazwischen allerlei dunkle, aber liebenswerte gestalten. die plastischen beschreibungen lassen einem sofort an reale leute denken, die man jeden tag im kiez trifft – ohne dass der autor in plumpe stereotype verfällt. es geht um einen toten in den gleisanlagen unterhalb der millionenbrücke. um windige journalisten und um einen kiez, der so farbenfroh, trist und gegensätzlich beschrieben wird, wie er tatsächlich ist. als bonus noch kurzgeschichten mit den gleichen protagonisten. macht spaß.

ähnlich, auch gut:

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What if? Was wäre wenn?

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xkcd.com gab es von anbeginn an, wenige (erdgeschichtliche) augenblicke später gab es what-if.xkcd.com und nun eine deutsche übersetzung einiger artikel aus letzterem… um was geht es? der autor, physiker, ehemaliger NASA-mitarbeiter und nun hauptberuflicher comic-zeichner, bekommt fragen gestellt und beantwortet sie mit dem nötigen ernst eines wissenschaftlers. das ist teilweise absurd und haarsträubend. aber auch unterhaltsam und lehrreich. weil es eben keine dummen fragen gibt. leset es oder klickt euch durch seine seite. bleibt hungrig nach wissen.

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Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet: Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik (Hörbuch)

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lesen Sie dieses buch. in einfachen worten vermittelt es schlichte weisheiten, die jedoch von vielen – seien es journalisten, politiker oder konsumenten – nicht beachtet werden. teilweise unbewußt (siehe dazu auch KAHNEMANN, 2011), manchmal aber auch voll bewußt werden statistiken verzerrt dargestellt oder erhoben. dagegen hilft nur selber denken, denn meist können die fehler leicht entlarvt werden, man muss nur auf ein paar grundlegende dinge achten (die hier aus urheberrechtsgründen mal lieber nicht geannt werden wollen).

das hörbuch ist im grunde die vertonung der empfehlenswerten website unstatistik.de.


ähnliche bücher:

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Das Schlangenmaul

mehr als ein westberlin-krimi im eso-millieu der 80er. ein politisches buch mit viel exzess und wilder macho-romantik. kann ich gar nicht so gut beschreiben, sollte man gelesen haben.

schon fast 30 jahre alt, aber die beschreibung von berlin passt immer noch. obwohl ich eher selten in der gegend um die potsdamer straße bin: solche abende hatten wir alle schon mal:

“Wir legten bei einem Türken, der die ganze Nacht offen hatte, einen Imbiß ein. Ein enger Schlauch, gerade genug Platz für die Kochherde, den Grill und das Buffet, und ein paar Tische, an denen die Nutten mit ihrem Kebab standen, die Junkies mit ihrem Schokopudding, die Dealer mit ihrem Mokka und die Bullen mit ihrem unangetasteten Bier. Schmutzige gekachelte Wände, Limonadenkisten, Zombies mit leeren Augen und einer Ratte unter der Jacke. Und dazu der aromatische Geruch nach gut gewürzten Suppen, Hammelfett und Raki. Jeden Augenblick konnte der Laden explodieren, aber vorher wurde Kasse gemacht.”

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Der Trinker (Hörbuch)

Das ist keine schöne Literatur, eher anstrengend. Aber wichtig, realistisch und absolut empfehlenswert.

Fallada verarbeitet hier persönliche Erfahrungen, es gibt Parallelen zur eigenen Biographie: Ein Kaufmann erliegt dem Alkohol und strudelt bis ganz nach unten, wird schließlich in eine Pflegeanstalt eingewiesen und verrottet dort förmlich. Während der Abstieg in den tiefen Sumpf des Alkoholismus vorhersehbar und linear, fast schon konstruiert, erzählt wird, ist der zweiter Teil umso mühsamer und aufschlussreicher: Was passiert mit Menschen in Anstalten, wie interagieren sie miteinander, was denken und fühlen sie? Ähnlich beklemmend und ernst und wichtig wie Horst Bieneks Die Zelle.

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Was man für Geld nicht kaufen kann – die moralischen Grenzen des Marktes

Sandel gilt als Vorbild für Mr Burns von den Simpsons und als Mitbegründer der kommunitaristischen Strömung.

Im vorliegenden Buch kritisiert er die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre, große Teile des menschlichen Miteinanders zu vermarkten: VIP-Lounges in Stadien, Emissionsrechte, Werbung auf der Stirn, Polzieautos. Also jenen Auswüchsen des Kapitalismus, die wir gemeinhin als Ausverkauf bezeichnen. Das ist bemerkenswert, weil er erstens Amerikaner und zweitens Harvard-Prof ist. Aber vielleicht sagt das mehr über mein Amerika-Bild aus als über ihn…

Das Buch trieft nicht vor linker Rhetorik und marxscher Dialektik, sondern kritisiert den Neoliberalismus in einer klaren und verständlichen Sprache.

Ein Argument ist besonders bermerkenswert: Wir werten die Dinge ab, sobald wir ihnen einen Preis geben. Das klang schon bei Sedlá?ek und Graeber an und es lohnt sich ein wenig, darüber nachzudenken.