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Mordor kommt und frisst uns auf

Nach Hinter der Blechwand (2009) von Stasiuk ein ähnliches, und doch ganz anderes Buch. Hier reist ein polnischer Backpacker durch die Ukraine und erlebt mit verschiedenen Mitreisenden wilde Geschichten, die zu Gonzos destiliert, stark an Hunter S. Thompson und Jack Kerouac erinnern. Hinter den Sauf- und Absturzgeschichten verbirgt sich die Analyse der polnischen Geschichte, der Frage nach der Identität und Herkunft. Wieviel Polen, wieviel Europa steckt in der Ukraine? Die Geschichten triefen nur so von Alkohol, Potenzkräuterschnaps und kaputten Menschen und Städten. Aber sie erzählen auch von einer gespaltenen Beziehung beider Länder, die sich auseinander gelebt haben, wie ein altes Ehepaar und doch ähnlicher sind, als sie zugeben wollen.

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Der Polen-Komplex

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kleines büchlein mit geschichten aus dem nachbarland. geschichten übers leben und überleben, über arbeit und migration. und klar wird vor allem eines: uns geht es allen gleich, nur sprechen wir vermeintlich eine andere sprache. leider viel zu kurz.

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Die Modernisierung meiner Mutter (Hörbuch)

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im zuge des – äußerst gerechtfertigten – erfolgs von auerhaus nun also eine sammlung früherer(?) kurzgeschichten. zumindest kannte ich einiges von anderen anthologien. bjerg beschreibt das unbeschreibliche, das gewöhnliche. während wir schnösel an alltagsereignissen einfach vorbeihuschen, bleibt er stehen und fasst es in worte. er dramatisiert, spitzt zu und bleibt dabei realistisch. manche geschichten sind stark, andere mittelmaß. als hörbuch, gelesen von ihm selbst, eine kurzweilige unterhaltung, die ich nur empfehlen kann.

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Verteidigung der Missionarsstellung

Ein Wolf Haas ohne Brenner? Das funktioniert, und zwar besser als erwartet. Ein Buch über die Liebe ohne Schmalz, ohne Beschreibungen von Irgendwas. Ein Roman, bereinigt um alles, konzentriert auf das Wesentliche, den Dialog. Existenzialistisch, fast wie in Wittgensteins Mätresse. Mit schnuckeligen Spielereien im Layout, [ANMERKUNGEN IN ECKIGEN KLAMMERN] und Sprachwissenschaftlichen Überlegungen. Lesen Sie dieses Buch, machen Sie langsam, es ist leider viel zu schnell vorbei…

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Lilith und die Dämonen des Kapitals: Die Ökonomie auf Freuds Couch

Ich mochte Die Ökonomie von Gut und Böse und kann es immer noch empfehlen. Der Autor untersuchte die moralischen Grenzen und Ansätze in der gegenwärtigen Ökonomie und Gesellschaft. Im vorliegenden Buch geht es in eine ähnliche Richtung, aber mit mehr Psychologie. Es gibt viel Antike, Christentum, die Psyschologen des 19. und 20. Jahrhunders.

Fazit ist, dass das kapitalistische System, seine Protagonisten und auch wir uns verhalten wie Süchtige mit unstillbarem Verlangen nach mehr, mehr, mehr. In Wahrheit braucht man für diese Erkenntnis kein Buch. Aber das vorliegende untermauert die These mit viel kulturellem Hintergrund, sodass es sich wirklich lohnt zu lesen.

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Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit

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Das Buch habe ich schon mehrere Jahre, fast zuende gelesen – wir sprachen bereits darüber, als der Franzose mal zu Gast war. Dann kam die Krimkrise und der politische Umbruch in der Ukraine 2014 und die Hauptthese des Buchs verblasste vor der Wirklichkeit.

Die These ist, dass – abgesehen von Weltkrieg eins und zwei – die Anzahl der bewaffneten Konflikte seit Jahrhunderten zurück geht. Er führt dies auf eine Korrelation mit dem, was wir unter Zivilisation verstehen, zurück. Je fortschrittlicher eine Gesellschaft ist, desto weniger Gewalt wird produziert. Anhand allerlei Statistik belegt er seine These. Unsere Wahrnehmung sei natürlich verzerrt, weil wir jedes Ereignis, jeden Anschlag sofort medial präsentiert bekommen. Aber selbst die Anzahl der Toten pro Konflikt gehe zurück.

Man kann das in Anbetracht derzeitiger Konflikte zynisch finden, aber ich wette, statistisch haben auch IS, Syrien und diverse Anschläge in der letzten Zeit nicht viel geändert. Wir sind noch weit vom Weltfrieden entfernt, aber wir versinken auch nicht in Gewalt, wie das eine durchschnittliche Tagesschau behauptet.

Lesenswert auch die Besprechung bei Volker Strübing und wikipedia.

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Pornographie

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bei buch|bund gefunden. verstörende geschichte über zwei alte säcke, die intelektuell sein wollen, dem hauptstädtischen leben zu fliehen versuchen, indem sie aufs land ziehen. dort geben sie sich ihren wollüstigen gedanken hin und manipulieren zwei jugendliche, es passiert alles im kopf, nichts wird konkret, am ende gibt es jedoch tote. ich bin noch hin- und hergerissen. eigentlich passiert wenig, es wird nur gelabert, gezweifelt, hinterfragt, angedeutet. anderseits ist dieser rückzug in die gedankenwelt der protagonisten faszinierend und lässt den leser die allzu platte handlung überstehen. muss mehr von ihm lesen.

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Der Circle (Hörbuch)

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ein wichtiges buch, wird meist in einer reihe mit orwells 1984 und huxleys schöne neue welt genannt. ich bin mir nicht sicher, ob eggers aus literarischer perspektive an diese giganten ranreicht. das ist auch nicht so wichtig.
entscheidender ist, dass er eine wichtige entwicklung aufzeigt: die künftige totale überwachung geht von großen konzernen aus. und jedes neue technische gimmick führt zu mehr transparenz und verfolgbarkeit. die vermessung von uns allen, seien es geodaten oder soziale netzwerkstrukturen, füttern datenbanken und systeme, deren algorithmen uns gläserner und durchschaubarer werden lassen. das ist heute noch witzig, wenn die predicting machine vom buchhändler absurde vorschläge macht, in ein paar jahren wird uns das lachen im hals stecken bleiben.
aber zuück zum buch: eine naive frau heuert beim circle an und steigt schnell auf, trägt dann wesentlich zu den weiteren, beängstigenden schritten bei, den konzern zu dem machen, wovor wir uns alle fürchten: einer globalen organisation, die alle gesellschaftlichen entwicklungen steuert und kontrolliert. es gibt eine heimliche affäre, die entfremdung von familie und freunden und kein happy end. ein endzeitroman, der auch im jetzt spielen könnte.

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Berlin blutrot

sechszehn kurzkrimis von ganz verschiedenen autoren. ganz unterschiedlich, alle spielen sie mehr oder weniger in berlin, in allen geht es um grausames. ich bin ja nicht so der krimi-fan, aber das ist wirklich gutes und schnell zu konsumierendes zeug.

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Herr Lehmann (Hörbuch)

das war die hörbuchfassung, vorgelesen von regener, es gibt noch ein hörspiel, das kenne ich nicht. ich hatte auch zuerst den film gesehen, der erstaunlich nahe am buch ist. natürlich kommt nichts an regeners lakonischen vortragsstil, das ist ja mal klar. außerdem hat der film einiges gekürzt.

pflichtlektüre für jeden, der in berlin lebt, ein üppiges sittengemälde des westberliner kreuzbergs in den ausgehenden achtzigern. ein literarischer gegenentwurf zu den kindern vom bahnhof zoo, nur ohne david bowie. dafür mit karl schmidt und kristall-rainer und all’ den anderen absurden aber liebenswerten figuren, die inzwischen fast popkultur geworden sind. na dann!

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Da war mal was…

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erinnerungen von ganz verschiedenen typen und mädels an die zeit vor dem mauerfall, an ihre kindheit und jugend, an früher eben. und so verschieden wie die menschen sind auch die erinnerungen an das eine, längst untergangene land. im typischen flix-stil gezeichnet und wunderbar ironisch-komisch, aber ehrlich.

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Zuhause bei Hitlers: Eine WG spielt Krieg

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unsichtbar_farbig_irisDisclaimer: Das besprochene Buch wurde mir freundlicherweise vom Unsichtbar Verlag zur Verfügung gestellt.


Hahaha. Das ist lustig: Der alltägliche WG-Wahnsinn mit Bezügen zum Zweiten Weltkrieg. Klingt verkrampft, ist aber großartig geschrieben, in etwa so:

“Wir fassen noch mal zusammen: Der Mann, wenn es ein Mann ist, hat kein Gesicht, eine Freundin ohne Hals, eine Lebensweise ohne Gewissen und sich entschieden, als Spitznamen den Namen von einem der größten Massenmörder und Wahnsinnigen der Geschichte anzunehmen, aus dem einzigen Grund, weil er gerne herumhitlert, womit er exzessives Aufräumen meint, beziehungsweise, die Unfähigkeit, mit herumstehenden Gegenständen, die gerade nicht in Gebrauch sind, klarzukommen.”

Ich musste mehrmals laut auflachen, die an sich schon grotesken Situationen sind nochmal überzeichnet durch eine gesunde Portion Menschenhass des Protagonisten. An sich eine arme Wurst, aber immerhin mit gesundem Selbstvertrauen. Die Geschichte endet tragisch, man hat es nicht anders erwartet bei dem Setting.

[xrr rating=6/7]

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Am Beispiel des Hummers (Hörbuch)

Leider liest Christian Ulmen den Wallace nicht ganz so stilsicher vor wie Dietmar Bär. etwas zu ironisch-distanziert trägt er vor. Worum gehts? Eine Reportage über das alljährliche Maine Lobster Festival. Es geht um den Hummer, das Festival und vor allem um uns Menschen. Einmal mehr beweist sich Wallace als kluger Beobachter menschlichen Zusammenlebens und berichtet in tollen Sätzen davon.

[xrr rating=6/7]

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Ich bin ein Kunde, holt mich hier raus. Irrwitziges aus der Servicewelt (Hörbuch)

Christoph Maria Herbst liest auf seine ganz eigene Art vor. Ein buntes Sammelsurium an Geschichten aus der Servicewüste, die wir so ähnlich alle zu erzählen haben. Das ist natürlich angenehme kurzweilige Unterhaltung. Und als Fazit ruft er auf zur Social Media Revolution: Wer unzufrieden ist mit dem Kundenservice, postet das im Netz und erntet einen Shitstorm.

[xrr rating=5/7]

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Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist – eine Suche (Hörbuch)

zwei ältere herren erzählen von früher und wie schwierig es ist, entsprechend seinen eigenen moralischen und ethischen grundsätzen zu leben. das ist leider nur mäßig interessant, man merkt schnell, dass beide auch keine antworten haben, dass die welt zu komplex für einfache lösungen geworden ist und wir uns nur sehr kleinteilig an zufrieden stellende lösungen heran tasten können. ob man für diese erkenntnis ein hörbuch aufnehmen muss, bleibt fraglich.

[xrr rating=3/7]

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Der Termin: Ein Hörspiel über Projektmanagement

als hörspiel ein bisschen langweilig, als einführung in die grundprinipien des projektmanagements aber ganz brauchbar, nur sollte man keine wunder erwarten. weder von externen beratern, noch von diesem hörspiel. massiv störend die fahrtuhlmusik, wenn wichtige erkenntnisse vorgetragen werden.

[xrr rating=4/7]

besser ist übrigens Frederick P. Brooks’ Vom Mythos des Mann-Monats. Essays zum Software-Engineering

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Ein Vertrag mit Gott: Mietshausgeschichten

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das buch ist wohl die mutter aller graphic novels und eisner der vater. oder so. sind eigentlich vier geschichten, die aber lose in zusammenhang stehen. erzählt wird die geschichte eines stadtteils, ihrer bewohner. eine geschichte voll verdrängung, leid und schmerz. gewalt und liebe. alles dicht beieinander. in wunderbaren zeichnungen, unbedingt lesen.

[xrr rating=7/7]

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Schulden: Die ersten 5000 Jahre

ein wichtiges buch. graeber, anthropologe und mit-initiator und vordenker der #occupy-bewegung, erklärt die sozialgeschichte der schulden und des kreditsystems. dabei holt er weit aus und untersucht diverse ur-gesellschaften. die these, dass nicht der tauschhandel am anfang war, hatten wir schon bei Sedláček1 gelesen. nein, die kleinen gesellschaftlichen einheiten sind immer kommunistisch – wobei er diesen begriff im ursprünglichen meint. das heißt, dass wir untereinander nicht rational und ökonomisch handeln, sondern halt freundschaftlich, ihr kennt das.
graeber kommt unter anderem zu dem schluss, dass schulden und kreditwesen uralt sind und noch vor dem geld existierten. und auch eine moralische kategorie sind. aber er hinterfragt diese haltung auch und regt zum nachdenken an. denn schulden sind vor allem ein machtintrument. der schuldner unterwirft sich und der gläubiger stärkt seine machtposition. das wurde oft systematisch gemacht, schon immer, bis heute.

Was ist der Unterschied, ob ein Gangster eine Waffe zieht und von Ihnen 1000 Dollar »Schutzgeld« verlangt, oder ob er fordert, dass Sie ihm 1000 Dollar »Kredit« geben? In vielerlei Hinsicht ist es kein Unterschied, aber in einem Punkt doch. Wie im Fall der amerikanischen Schulden gegenüber Südkorea oder Japan macht es einen Unterschied, wenn das Machtgleichgewicht sich verschieben sollte, wenn der Gangster seine Helfershelfer verliert oder Amerika seine militärische Vormacht; dann könnte ein »Kredit« sehr anders behandelt werden. Er könnte eine echte Verbindlichkeit werden. Aber entscheidend dabei wäre immer noch die Waffe.

graber verzichtet auf verbesserungsvorschläge. wer nach antworten sucht, vergeudet womöglich seine zeit mit dem buch. wer aber nach den ursprüngen unseres denkens sucht, der sollte es lesen.

[xrr rating=7/7]

subtext: hier rezensiert Fritz Glunk das buch sehr schön.


  1. Sedláček, Thomas: Die Ökonomie von gut und böse. München, Verlag Carl Hanser, 2012 []

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Letzte Helden: Reportagen

wunderbare und ehrliche reportagen aus deutschland und anderswo. scherzer arbeitet in der eisenacher tafel mit und gibt essen an bedürftige aus, redet mit einigen und schreibt ihre geschichten auf. versucht nach tschernobyl zu reisen. und versucht helden der arbeit zu finden, also menschen, die in der ddr ausgezeichnet wurden für besonderen arbeitseinsatz. nicht ganz einfach, einige findet er, einige plaudern, viele nicht.

dazwischen immer wieder biografien von menschen, zeugnisse des scheiterns, des fremdseins. sehr oft arbeitslosigkeit, maßnahmen und verzweiflung, resignation. kein sehr aufbauendes buch, aber ein wichtiges. weil es um die menschen geht und ihre geschichten, nicht um geschichte.

scherzer schreibt sehr gute, handwerkliche reportagen, ein bisschen zu viel von sich selbst, aber das gehört auch eben irgendwie dazu.

[xrr rating=5/7]